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Jugendstil-Schmuck aus Europa Glanz einer Epoche

Schmetterling-Broschen, um 1910, Entwurf: Gustav Fischmeister Ausführung: Fa. Rozet & Fischmeister, Gelbgold, Fensteremailtechnik, Diamanten, Rubine, Höhe: 5,7 cm, Breite: 4,3 cm, Tiefe: 1 cm, Fa. Rozet & Fischmeister, Wien, Privatbesitz, Foto: Craig Dillon.

Schmetterling-Broschen, um 1910, Entwurf: Gustav Fischmeister Ausführung: Fa. Rozet & Fischmeister, Gelbgold, Fensteremailtechnik, Diamanten, Rubine, Höhe: 5,7 cm, Breite: 4,3 cm, Tiefe: 1 cm, Fa. Rozet & Fischmeister, Wien, Privatbesitz, Foto: Craig Dillon.

„Jugendstil-Schmuck aus Europa. Glanz einer Epoche“ versammelt Preziosen aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt, dem Museum für Angewandte Kunst Wien, dem Wien Museum und Wiener Privatbesitz und bietet einen Überblick über die revolutionäre Schmuckproduktion der Jugendstildesigner. So stellt Kuratorin Patricia Spiegelfeld gleich zu Beginn eine mit Diamanten und Brillanten besetzte Tiara des Wiener Hofjuweliers A.E. Köchert ein elfenbeinernes Diadem von Dagobert Peche für die Wiener Werkstätte gegenüber. Dieser Vergleich macht die Abkehr der Jugendstilentwerfer von Glanz und Wert der Materialien sowie ihre Hinwendung zu Einfachheit in Gestaltung und Materialeinsatz deutlich.

Handwerk oder Industrie?

Die Schmuckstücke des Jugendstil wurzeln in den sozial- und kunstreformerischen Ideen der präraffaelitischen Künstler Englands und den formalen Lösungen japanischer Vorbilder. Der britische Künstler William Morris wollte, ausgehend von sozialistischen und demokratischen Idealen, den Lebensbereich der Menschen mit Kunst verschönern und dadurch Sitte und Moral heben (→ Präraffaeliten. Eine Avantgarde-Bewegung?). Er griff nach mittelalterlichem Vorbild auf alte, handwerkliche Techniken zurück, denn der Künstler solle kein Sklave der Maschine sein. Trotz dieser Betonung des Handwerklichen und der neuen Rolle des entwerfenden Künstlers spielte die 1874 gegründete Firma Liberty & Co., in der Schmuck serienmäßig und anonym hergestellt wurde, eine große Rolle. So zeigt sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine ideologische Auseinandersetzung zwischen den Präraffaeliten, die die handwerkliche Produktion unbedingt einforderten, und Liberty, der industriell, billig und anonym fertigte.

 

Der Einfluss Japans

Der kontinentaleuropäische Jugendstil lässt sich zudem nicht ohne den Einfluss japanischer Kunstwerke erklären. Japan hatte 1854 seine politische wie wirtschaftliche Isolation aufgegeben und seine Häfen für europäische Händler öffnen müssen. Inspiriert durch japanische Vorbilder fanden Jugendstilkünstler ihre Motive hauptsächlich in der Natur (→ Monet, Gauguin, van Gogh …. Inspiration Japan). Der Mensch, das Tier und die Pflanze wurden ornamental verwandelt und in filigranen Schmuckstücken miteinander in Verbindung gebracht. Auch für die Materialwahl gaben fernöstliche Objekte neue Anstöße: Elfenbein und Horn fanden erstmals Verwendung in der europäischen Schmuckkunst.

 

René Lalique

Die Erneuerung der Schmuckkunst um 1900 ist zweifelsohne mit dem Namen René Lalique (1860-1945) verbunden. Der „Erfinder des modernen Schmucks“, wie ihn der Glaskünstler Émile Gallé nannte, arbeitete mit Horn und Elfenbein, mit unregelmäßigen Barockperlen, farbigen Schmucksteinen und Email. Lalique brillierte als Erster darin, die Effekte der Edelsteine im lichtdurchlässigen Fensterglasemail, dem so genannten „pique-a-jour“, nachzuempfinden.

 

 

Jugendstil-Schmuck in Brüssel

Neben Paris entwickelte sich gleichzeitig auch in Brüssel eine florierende Jugendstilbewegung, die von den beiden so gegensätzlichen Künstlern Philippe Wolfers und Henry van de Velde geprägt wurden. Philippe Wolfers entstammte einer alten Goldschmiedefamilie und war um 1900 der bedeutendste Juwelier in Brüssel. Der in der väterlichen Werkstatt ausgebildete Schmuckkünstler setzte ab 1893 erstmals Elfenbein ein, da ihm König Leopold II. das Material aus der belgischen Kolonie Kongo kostenlos zur Verfügung stellte. Wolfers Entwicklung korrespondiert vielfach mit jener von René Lalique in Paris. Beide nutzten Pflanzen und Tiere als Motive ihrer Schmuckstücke, Wolfers setzte sie jedoch bevorzugt symmetrisch und stärker stilisiert ein. Er ging sogar soweit, jedem einzelnen Werk einen geheimnisvollen Namen zu geben, wie „Orchidée ailée“, „geflügelte Orchidee“. Die Entwürfe des Belgiers sind einzigartig, denn nach der Ausführung der Schmuckstücke wurden die Modelle zerstört.

Ganz im Gegensatz zu den floral-vegetabilen Schmuckstücken von Philippe Wolfers arbeitete Henry van de Velde mit dynamisch-schwingenden Abstraktionen. Der Architekt, Innenausstatter, Grafiker und Designer beschäftigte sich mit der Wirkung von abstrakten Ornamenten und freiem Linienfluss und verbreitete seine Formensprache ab 1901 auch in Deutschland.

 

Flora und geometrische Abstraktion

Der Beitrag Deutschlands zur Schmuckkunst ist unglaublich vielfältig, wurden hier in den drei Zentren Pforzheim, Hanau und Schwäbisch Gmünd sowohl stilisiert-florale Entwürfe wie auch abstrahierend-geometrische umgesetzt. Beide stilistische „Richtungen“ des Jugendstils waren für ein breites Publikum erhältlich, da v.a. die seriell gefertigten Schmuckstücke von Pforzheim die Pariser Vorlagen vereinfachten und daher kostengünstiger waren.

 

 

Die Wiener Werkstätte, Fischmeister und Scheid

Im Gegensatz dazu produzierte die Wiener Werkstätte manuell und für ein gehobenes Publikum. Koloman "Kolo" Moser, Josef Hoffmann, Carl Otto Czeschka und Dagobert Peche entwarfen filigrane Schmuckobjekte, wobei Moser und Hoffmann streng geometrische, Czeschka und Peche ab 1906 vegetabile Formen bevorzugten. Im Vergleich dazu zeigen sich die Schmetterling-Gürtelschließen mit Fensteremail von Gustav Fischmeister (um 1910) von Lalique beeinflusst, während Georg Adam Scheid mit den Entwürfen seines Schwiegersohns Josef Maria Auchentaller stärker auf eine abstrahierende Formensprache setzte. Auch wenn der Jugendstil als der letzte gesamteuropäische Stil gilt, so dokumentiert die Ausstellung die national deutlich unterschiedlichen Entwicklungen und zeigt einige wirklich beachtliche Schöpfungen der Angewandten Kunst.

 

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.