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Max Ernst. Surrealist der ersten Stunde Von Lop-lop, Schneeblumen und surrealistischen Träumen

Max Ernst, Urwald

Max Ernst, Urwald

Max Ernst (1891-1976), der erste malende Surrealist, war Autodidakt und technisch wie inhaltlich versatil: Er bevorzugte neben der Ölmalerei noch die Collage, im Laufe der 1920er Jahre erfand er in Anlehnung an das automatische Schreiben noch drei weitere Maltechniken. Bei wenigen Künstlern der Zeit lässt sich die Problematisierung von „Stil“ oder der wiedererkennbaren Handschrift eines Künstlers so präzise nachvollziehen wie bei Ernst. Die retrospektiv angelegte Schau über bringt ca. 180 Werke des umtriebigen Deutsch-Franzosen in der Albertina zusammen. Jeder Raum entspricht gleichsam einem anderen Künstler, der sich an Werkgruppen und Themenkomplexen abarbeitete.

Max Ernst und der Surrealismus

„Der Surrealismus ist keine poetische Form. Er ist ein Aufschrei des Geistes, der zu sich selbst zurückkehrt“1

So erklärte Antonin Artaud Anfang 1925 das Wollen der Gruppe. Im Jahr davor hatte André Breton, zentraler Propagator der literarischen Surrealisten, die Malerei nur am Rande erwähnt dabei aber Max Ernst als einzigen Maler gelten lassen. Breton hatte den jungen Maler 1921 zu einer ersten Ausstellung nach Paris eingeladen. Ernst sollte ein Jahr später endgültig in die französische Hauptstadt umziehen, Ehefrau und Sohn in Deutschland zurücklassen und sich ganz der Malerei hingeben.

Max Ernst war Autodidakt; er erlernte das Malen von seinem Vater, einem „Sonntagsmaler“. Aber der am 2. April 1891 im rheinischen Brühl geborene Künstler hatte zwischen 1910 und 1914 an der Universität Bonn Altphilologie, Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert. Bereits vor Kriegsausbruch wurden seine künstlerischen Ambitionen offensichtlich, stellte er doch mit Vermittlung von August Macke 1913 in Köln zum ersten Mal aus. Im Ersten Weltkrieg wurde er für seine Verdienste ausgezeichnet und ist, seinem Empfinden nach, erst 1919 wiedergeboren worden. Nach dem Krieg gründete Max Ernst gemeinsam mit Johannes Baargeld (Pseudonym für Alfred Gruenwald) sowie Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe und heiratete seine Studienkollegin Luise Straus-Ernst. Der Ehe sollte ein Sohn entspringen, die Jüdin Luise Straus-Ernst 1944 in Ausschwitz ermordet werden. Die frühesten Gemälde Max Ernsts sind kleinformatige Kompositionen, in denen er den Rheinischen Expressionismus – u.a. von August Macke und Heinrich Campendonk – mit seinen bunten Farben und kubistisch-futuristischen Formensprache rezipiert. Mit August Macke (→ August Macke und Franz Marc) hatte Max Ernst vor Ausbruch des Kriegs eine Freundschaft verbunden. Es traf ihn tief, als Macke fiel.

Wohl in Auseinandersetzung mit dem Dada-Anti-Konzept2, das er aus erster Hand von Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings bezog, wandte sich Max Ernst im Herbst 1919 der Collage zu.3 Das Absurde und Unbewusste sollte für den Künstler zur Inspirationsquelle seines Lebens werden. Dazu benötigte Ernst kein akademisches Studium der Malerei oder Orientierung an Alten Meistern. Seine visuellen Puzzles lassen sich so wenig zusammensetzen, wie der Mensch zur funktionierenden Maschine wird. Aus Max Ernst wurde „Dadamax ERNST“, der gegen die bürgerliche Moral, Kultur, Kunst und Kirche zu Felde zog. Gemeinsam mit Hans Arp gestaltete Ernst 1920 Fotomontagen (kleinformatige Collagen werden abfotografiert und die Klebespuren dadurch noch mehr verwischt.), die beide mit dem Akronym „Fatagaga“ für „FAbrication de Tableaux GAzométriques GArantis“ signierten. Immer wieder ist es aber das Zerriebenwerden zwischen Natur und Technik, mit dem v.a. Kriegserfahrungen und der Umgang mit Massenmedien visualisiert werden.

 

Vom Dadaismus zum Surrealismus: „Dadamax ERNST“ ist „Loplop“

„Loplop“ sollte der Name jenes mythischen Vogels sein, den Max Ernst Ende der 20er Jahre als Alter Ego (oder Symbol für einen Teilaspekt seines Charakters) erfindet. Der Vogel ist ein Synonym für Freiheit und Gefangenschaft, je nachdem in welchem Kontext er gesetzt wird.

Als Max Ernst 1922 seine Familie verließ, um nach Paris zu gehen, wurde er vom Ehepaar Paul und Gala Éluard in deren Haus aufgenommen. Ein Jahr später hatte sich eine Liebesbeziehung zwischen Gala und Max Ernst entwickelt, auf die das großformatige Gemälde „Beim ersten klaren Wort“ hinweisen könnte. Das ambitionierte Bild zeigt die schlanken Zeige- und den Mittelfinger einer Hand überkreuzt, dazwischen ein roter Ball. Links läuft eine Gottesanbeterin die Wand hinauf und zieht einen Faden hinter sich her, der den Schriftzug M(A)X erahnen lässt. Die „Bäume“ ähneln Artischocken. Die Finger-Ball-Konstruktion bezieht sich auf ein Wahrnehmungsexperiment, das die Beteiligung des Hirns an der Deutung der Umwelt offenbart (anstatt eines Balles „fühlt“ man zwei) - wobei die Finger an sehr elegant übereinandergeschlagene Beine erinnern. Die Gottesanbeterin könnte ein Synonym für Gala sein, die Max Ernst an der Leine führt, während die „Artischocken“ auf ein französisches Sprichwort verweisen und das sich leicht verliebende Herz des Künstlers bedeuten könnten. Die mit Präzision und Glätte ausgeführte Malerei versagt sich einer Handschaft des Künstlers, um die Objekte leicht erkennbar aber in irrationalen Zusammenstellungen zu schildern. Wie Bildrätsel und gemalte Collagen stehen Max Ernsts Werke vor den Betrachterinnen und Betrachtern. Dem Nihilismus der Dada-Zeit setzten Max Ernst und André Breton nun die „Traumperiode“ entgegen. Bilder entstanden durch Erinnerungsfetzen aus dem Unbewussten, und ihre Motive verbanden Außen- und Innenwelt. Die Symbole sind jedoch vieldeutig und bedürfen der Interpretation aus dem Kontext. Diese „halluzinatorischen“ Bilder sind ein völlig neuer Aspekt der surrealistischen Bildproduktion.

„Tatsächlich hat der Surrealismus seine unmittelbare Bestätigung von [Ernsts] Collagen von 1920 gefunden [...]. Der äußere Gegenstand hatte mit seiner gewohnten Daseinsweise gebrochen, […] um so mit anderen Dingen völlig neue Beziehungen eingehen zu können, wobei er zwar dem Prinzip der Wirklichkeit entfloh, was aber doch nicht ohne Folgen für dieses Wirkliche blieb […].“4 (André Breton)

 

Im Jahr 1924 wird Max Ernst als einziger Maler im Ersten Manifest des Surrealismus von André Breton verewigt. Ab dem folgenden Jahr erzielt der Künstler ein regelmäßiges Einkommen, und ändert seine Kunst von Grund auf. Entsprechend der Maxime – ein Künstler, der sich gefunden habe, sei verloren – arbeitet Ernst „stillos“ und erfindet neue Maltechniken, mit denen er das automatische Schreiben der Literatenfreunde auf die Malerei überträgt. Frottage (das Durchreiben von vorgefundenen Strukturen auf einen Bildträger, 1925), Grattage (das Herunterkratzen von angetrockneter Farbe) und Dekalkomanie (das Abklatschen von noch feuchter Farbe auf einen Malgrund, eigentlicher Erfinder war Oscar Domingues 1936) bis hin zur Oszillation (dem automatischen Schreiben von Linien auf einem Bildträger durch Schwingen einer leckenden Farbdose) werden in den folgenden 15 Jahren die Ästhetik seiner Bilder prägen. Berühmt sind die Blätter der „Histoire naturelle“ (1925), für deren Gestaltung das Muster des alten, hölzernen Fußbodens eine bedeutende Rolle spielt. Das Unbewusste und das Über-Ich, beide nicht oder nur schwer fassbar, produzieren Visionen von kämpfenden oder sich windenden Pferde-Menschen-Gruppen, undurchdringlichen Wäldern und einsamen Städten. Gleichzeitig, wie als „Urlaub“ von der Düsternis, arbeitet Max Ernst aber auch an höchst dekorativen „Schneeblumen“, für die er Farbe mit der Spachtel aufträgt und sich zufällig mischende Farbharmonien erzeugt.

 

 

Flucht nach New York und Neuanfang

1929 kehrte Max Ernst zur Collage zurück. Jetzt entstanden jene berühmten, aus Liebesromanen und populärwissenschaftlichen Publikationen zusammengestellten, bizarren Bildwelten, für die Ernst berühmt ist. Die Collage ist als Technik kaum erkennbar, so genau arbeitete der Künstler mit Schere und Kleister. In langen Serien bringt Ernst eine Welt ans Tageslicht, die sich jeder Logik und Erzählung entzieht. Der Künstler, so ist sich Max Ernst sicher, ist der Entdecker (seiner selbst?) und kein genialer Schöpfer – daher das Arbeiten mit gefundenen Materialien, das neue Zusammenstellen.

Die in den frühen 30er Jahren entstandenen Dschungelbilder weisen bereits auf den Krieg voraus. Die Vegetation ist zwar auf dem ersten Blick anheimelnd grün gegeben, der genaue Blick offenbart jedoch unheimliche Kreaturen, Tiere und Gesichter. Hier zeigt sich, dass Ernst ein Liebhaber der Urwald-Bilder von Henri Rousseau war, er wandelte aber in der Kenntnis von Hieronymus Bosch alles ins Unheimliche. Wie ein Gegensatz zur grünen Hölle muten die versteinerten Reiche der späten 30er Jahre an. Inspiriert durch südfranzösische Tropfsteinhöhlen, Max Ernst lebte von 1938 bis 1940 in Saint-Martin-d`Ardèche, erfand er wüstenartige, erstarrte Gebilde, in denen Gesichter fast wie bei Totempfählen oder Tony Craggs Skulpturen in Stein gehauen erscheinen.

Zwei Mal wurde Max Ernst inhaftiert, zwei Mal ist ihm mit Glück die Flucht geglückt. Zuerst wurde er von den Franzosen verhaftet, weil er nach Kriegsausbruch als Deutscher in feindlichem Territorium lebte. Das zweite Mal inhaftierte ihn die Gestapo, da Max Ernst als ein „entarteter Künstler“ eingestuft worden war, zwei seiner Bilder waren auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 zu sehen. Mit der Hilfe von Peggy Guggenheim, seiner (kurzzeitigen) dritten Frau, und seinem Sohn Jimmy, der sich bereits seit 1938 in den USA aufhielt, gelang die Flucht über Spanien und Portugal.

 

Kriegsbilder und Erinnerungen

Im Exil beschäftigte sich Max Ernst mit der kriegerischen Gegenwart und seiner künstlerischen Vergangenheit. In der „Rheinischen Nacht“ (1944) thematisierte er die Bombardierung Kölns. Mit „Bewildered Planet“ erfand er die „Oszillation“, das tropfende Malen erzeugt netzartigen Strukturen, die noch Planetenbahnen als Referenz haben. In „Vox angelica“, dem wichtigsten Bild für Kurator Werner Spies, entwickelte Max Ernst eine Art von Setzkasten, in den er Details und Elemente früherer Bilder „verstaute“. Da der Surrealismus bereits Mitte der 1930er Jahre internationale Anerkennung erhalten hatte, wurde die Bewegung relativ schnell auch populär. 1946 gewann Max Ernst eine Ausschreibung für den Film „The Private Affairs of Bel Ami“ von Albert Lewin. Sein Gemälde „Die Versuchung des hl. Antonius“ aus dem Jahr 1945 wurde als Requisite eingesetzt und zeigt den von Monstern gequälten Heiligen sich am Boden winden.

Im Jahr 1943 trennte sich Max Ernst von Peggy Guggenheim (Scheidung 1946), um mit der amerikanischen Malerin Dorothea Tanning nach Arizona zu übersiedeln. Als Maler hatte Ernst in diesen Jahren wenig finanziellen Erfolg, fand aber in der indianischen Kunst eine neue Inspirationsquelle. Obwohl 1948 amerikanischer Staatsbürger geworden, kehrte Max Ernst 1953 nach Frankreich zurück und nahm 1958 wieder die französische Staatsbürgerschaft an. Im Nachkriegseuropa galt der Surrealismus als zu „literarisch“, Erfolge wollten sich anfangs keine einstellen. Als Ernst 1954 jedoch den Großen Preis für Malerei auf der 27. Biennale von Venedig erhielt, bedeutete dies den erneuten internationalen Durchbruch und gleichzeitig den Ausschluss aus der Surrealistengruppe durch André Breton.

 

 

„Der Garten von Frankreich“ (1962) sollte ab 1955 bis zum Tod 1976 der Lebensmittelpunkt Max Ernsts bilden. Der Körper einer kopflosen Frau schmiegt sich zwischen die beiden Flüsse Loire und Indre. Das Weibliche wird hier als Ursprung des Lebens gedeutet, die weiblichen Formen mit Landschaftsformen gleichgesetzt. Gleichzeitig ist auch das Böse in den Garten Eden eingedrungen, windet sich doch eine Schlange um das Bein der Schönen. Wieder arbeitet Max Ernst mit Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und dem Schock der ungewohnten Zusammenstellung – „so schön, wie ein Regenschirm und eine Nähmaschine, die auf einem Seziertisch zusammentreffen“ eben.

 

„Max Ernst. Retrospektive“ in der Albertina 2013

Werner Spieß konzentriert die Retrospektive von Max Ernst vor allem auf das Werk zwischen 1919 und 1945. Man hat fast das Gefühl nach unzähligen Räumen von äußerst unterschiedlichen Bildern auf mehr als nur einen Maler gestoßen zu sein. Dem Spätwerk wird dabei so wenig Raum gegeben, dass man sich unweigerlich fragt, ob Erst im fortgeschrittenen Alter weniger gemalt hat oder diese Werkphase weniger Anerkennung beim Kurator erfährt.

Nichtsdestotrotz wird mit dieser Schau ein Künstler vorgestellt, dessen Werk sich hauptsächlich in Privatbesitz befindet und vielleicht auch daher in Österreich in all seinen Facetten noch nicht so bekannt war. Erstaunlich die hohe malerische Qualität der Bilder und ihre Buntfarbigkeit. Interessant wie der Künstler in der Frottage aus interessanten Oberflächen mit viel Fantasie Bildhaftes entlocken kann und dabei Leonardo zitiert5. Obwohl Max Ernst den Verstand, den Geschmack und die Moral und sich selbst als „Schöpfer“ ablehnte, gelangen ihm m.E. überraschend schöne Bilder. Max Ernst nahm den „Tod des Autors“ (Umberto Eco) voraus und hinterließ ein facettenreiches, „stilloses“ Werk, das objektiv und scheinbar maschinell das Subjektive zu beschreiben sucht. Indem er bekannte Objekte neu zusammenstellte, wurden die Bilder zu Visionen einer vertrauten und dennoch fremden Welt. Eine Entdeckungsreise lohnt sich!

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  1. Zitiert nach Fiona Bradley, Surrealismus, Ostfliedern 2001, S. 6.
  2. Max Ernst und seine Mitstreiter von Dada Köln hatten sich schon länger mit der von Breton, Soupault und Aragon gegründeten Zeitschrift Littérature beschäftigt (ab März 1919). Breton selbst sah in Tristan Tzaras „Manifest Dada 1918“ den „Urknall“ der Bewegung: Es proklamierte den Bruch der Kunst mit der Logik, die Notwendigkeit, „eine große negative Arbeit zu verrichten“, und hebe die Spontaneität in den Himmel. Zit. Nach ebenda, S. 18-19.
  3. Lea Dickerman, DADA: Zurich, Berlin, Hannover, Cologne, New York, Paris (Ausst.-Kat. Centre Pompidou, Musée national d`art moderne, Paris 5.10.2005-9.1.2006; National Gallery of Art, Washington, 19.2.-14.5.2006; The Museum of Modern Art, New York, 18.6.-11.9.2006), Washington 2005, S. 221.
  4. Zitiert nach Surreale Begegnungen (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle), München 2016, S. 80.
  5. Ganz ohne die Alten Meister war wohl auch Max Ernst nicht ausgekommen: Leonardo empfahl seinen Schülern im Traktat über die Malerei, sie sollten sich feuchte Wände genau ansehen und aus diesen wolkenartigen Flecken schöne Erfindungen ableiten.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.