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Max Liebermann in Holland: Amsterdamer Waisenhaus und Papageienmann Sommerimpressionen

Max Liebermann, Der Papageienmann, Detail, 1902 (Museum Folkwang, Essen)

Max Liebermann, Der Papageienmann, Detail, 1902 (Museum Folkwang, Essen)

„Vergiss nicht, so schnell wie möglich nach Scheveningen zu kommen“, schrieb Jozef Israels im März 1904 an seinen Freund Max Liebermann (1847–1935). Zwischen 1870 und 1914 verbrachte der deutsche Realist und spätere Impressionist mit seinem Freund Israels einige Sommer in den Niederlanden. Gemeinsam mit dessen Sohn Isaac malte Liebermann das modische Lifestyle am Strand, das sich zur Jahrhundertwende zu etablieren begann: Straßencafés gefüllt mit Sonnenanbetern, Reitern und Badenden am Strand.

Kurz nach 1900 war Max Liebermann bereits ein international gefeierter Maler und für seine Bilder mit den „Sonnenflecken“ berühmt. Im Jahr 1920 wurde er zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste berufen (1.10.), die er bis 1932 zu einem der bedeutendsten Ausstellungsorte Berlins machte und u.a. Otto Dix‘ heftig angefeindetes Bild „Der Schützengraben“ ausstellte. Als Max Liebermann am 8. Februar 1935 in seinem Haus am Pariser Platz verstarb, hatte er den Aufstieg Adolf Hitlers und die Machtergreifung 1933 und die antisemitische Verfolgung noch im hohen Alter hautnah miterlebt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Liebermann rehabilitiert und gilt heute neben Max Slevogt und Lovis Corinth als bedeutendster Impressionist Deutschlands.

Interessanterweise ist Liebermanns Werk in den Niederlanden wenig bekannt, auch wenn einige seiner Hauptwerke Motive aus Amsterdam zeigen: „Freizeit im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) und „Der Papageienmann“ (1902) entstanden in Holland. „Der Papageienmann“ ist weniger eine Tierstudie als ein Bild mit Lichtstimmung und Farbe. Im Hintergrund flaniert die Freizeitgesellschaft, während der titelgebende Papageienmann sich um seine drei farbenprächtigen Aras kümmert. Im Gegensatz zum französischen Impressionismus löste Liebermann die Motive nicht in einzelne Farbtupfen auf, auch malt der nicht en plein air Stimmungsbilder, sondern sucht in Studien die aussagekräftigste Komposition.

 

 

Liebermann in Paris: auf den Spuren der Schule von Barbizon

1873 übersiedelte der junge deutsche Maler Max Liebermann von Weimar nach Paris. Zu diesem Zeitpunkt war die französische Hauptstadt ein Magnet für viele europäische Künstler, für einen Deutschen scheint der Schritt so knapp nach dem Deutsch-Französischen Krieg allerdings nicht naheliegend. Viele Franzosen waren dem Deutschen Kaiserreich, das 1870/71 so blutig über die französische Armee triumphiert hatte, nicht wohlgesonnen. Max Liebermanns Entscheidung nach Frankreich zu gehen, mag ein Zeichen seines Mutes ausgelegt werden.

Der Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten hatte sich in Weimar dem Realismus zugewandt und wollte die Welt der einfachen Landarbeiter, wie sie die Künstler der Schule von Barbizon malten, kennenlernen. Er sah in Jean-François Millet (1814–1875) sein großes Vorbild, und hielt sich deswegen im Sommer 1874 und noch einmal 1875 im Künstlerdorf Barbizon am Rande des Waldes von Fontainebleau auf – traf den Maler allerdings nur ein einziges Mal. Nichtsdestotrotz schuf Max Liebermann eine Serie von Arbeiten, deren Motivik direkt aus den Werken französischer Künstler übernommen ist: „Frau beim Kartoffelsammeln“ (1874) und „Kartoffelernte in Barbizon“ (1875).

 

 

Stillstehende Zeit in den Niederlanden

 

„Italien ist zu pittoresk. Holland dagegen scheint auf dem ersten Blick langweilig: wir müssen erst die heimlichen Schönheiten entdecken. In der Intimität liegt seine Schönheit. Und wie das Land, so seine Leute: nichts Lautes, keine Pose oder Phrase.“1 (Max Liebermann in Anerkennung von Jozef Israels, 1901)

Max Liebermanns suchte nach Orten, in denen die Zeit stillzustehen schien, in denen die Modernität und Technologisierung des 19. Jahrhunderts noch nicht Einzug gehalten haben, und wurde in den Niederlanden fündig. Er fand sein eigenes Barbizon in Orten wie Delden, Dongen, Zweeloo und Scheveningen – und schuf seine ersten Hauptwerke „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) oder „Altmännerhaus in Amsterdam“ (1880). 1880 entdeckte er in Amsterdam im Garten des katholischen Altmännerhauses, wo er schwarzgekleidete Männer auf Bänken im Sonnenlicht sitzen sah, das durch ein Laubdach gefilterte Licht – die „Liebermann’schen Sonnenflecken“. Mit diesem Bild schaffte Liebermann (als Deutscher und als Jude) den Durchbruch am Salon in Paris und wurde bis Berlin anerkannt. Der Sammler Léon Maître kaufte mehrere Gemälde Liebermanns. Von diesem Erfolg ermutigt, begann sich der Maler mit dem Thema der „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ zu beschäftigen. Am Salon von 1882 gemeinsam mit der „Schusterwerkstatt“ (1881) ausgestellt, erwarb es Jean-Baptiste Faure, ein Förderer von Edouard ManetMax Slevogt und der Impressionisten.

Auch der niederländische Maler Jozef Israels war von Liebermanns Werk beeindruckt. Auf einer Ausstellung tippte der 20 Jahre ältere Israels seinem Kollegen einfach auf die Schulter und stellte sich vor. Das war der Beginn einer sehr engen Freundschaft, die über Jahre anhielt. Die beiden Maler verbrachten einige Sommer zusammen in Scheveningen. Es gab in den Niederlanden keinen Ort, der so symbolträchtig für die Entwicklung der Freizeitindustrie war wie dieser. Anfangs malte Max Liebermann hauptsächlich das Fischerdorf. Bald wichen dies realistischen Schilderungen des einfachen Lebens Bildern des sonnigen Dorfes und des modischen Lebensgefühls der Touristen, der Tennisspieler, Badenden und Reiter am Strand. Zur selben Zeit wandte sich der Impressionist aus Deutschland auch den Zoos zu, die zu einer populären Attraktion in Europa wurden. Besonders gerne malte er im Artis Zoo in Amsterdam, wo auch sein berühmtestes Werk, „Der Papageienmann“, entstand.

 

„Wissen Sie, das mit den zerlegten Farben, das ist alles Unsinn. Ich habe es jetzt wieder gesehen, die Natur ist einfach und grau.“ (Max Liebermann nach einem Aufenthalt in Holland, 1894)

 

Vom Realismus zum Impressionismus: Badende, Reiter, Tennisspieler

Erst 1896 entdeckte Max Liebermann die Küste und das Meer als Bildmotiv, obwohl er schon seit zwanzig Jahren in Holland gemalt hatte. Bis 1911 entstand eine große Zahl von Strandbildern in den mondänen Seebädern Scheveningen und Noordwijk. Badende (Knaben), Ankleideszenen, das bunte Treiben am Strand und Reiter bevölkerten nun die Küstenzonen und die Dünen. Max Liebermann vollzog den Wandel der Küstenregion vom Lebensort der Fischer zum Ort des Freizeitvergnügens deutlich nach. Mit dem neuen Thema änderte Liebermann sowohl seine Arbeitsweise – die Bilder entstanden direkt vor den Motiven – wie auch seine Handschrift, die deutlich offener und damit impressionistischer wurde. Die helleren Farben geben Licht, Atmosphäre, Luft wieder.

 

 

Über 40 Darstellungen von Reitern entstanden bei Liebermanns alljährlichen Aufenthalten in Scheveningen und Noorwijk. Der Maler war selbst passionierter Reiter und bei dem Pferdemaler Carl Steffeck seine Ausbildung zum Maler begonnen. Die meist dunkel gefärbten Tiere heben sich mit ihren elegant gekleideten Reitern und Reiterinnen vor dem Meer deutlich ab. Sie stehen in Kontrast zum wild anbrandenden Wasser und sind meist ruhig gegeben. Im Kontrast dazu widmete sich Max Liebermann aber auch dem dynamischen Rennplatz und dem Polospiel. Vor allem in diesen Werken zeigt sich der deutsche Impressionist als geschickter Komponist und Anhänger von Edgar Degas.
Zwischen 1901 und 1914 beschäftigte sich Max Liebermann auch mit Tennisspielerinnen. Wie auch bei den Reitern stehen manchmal die Akteure und manchmal die Landschaft im Fokus der Beobachtung.

 

Max Liebermann: Der Papageienmann

Noch Mitte der 1890er Jahre wandte sich Max Liebermann gegen die Farbzerlegung der französischen Impressionisten und Pointillisten. Die Natur wäre einfach und grau, zeigte sich der Deutsche in Holland überzeugt. Dennoch begann er in dieser Zeit, seine Palette aufzuhellen. Liebermanns Bilder wurden leuchtender und ihre Motivik in dem Sinn impressionistischer, als dass er sich der (groß-)bürgerlichen Schicht und ihrem Freizeitverhalten zuwandte.

Liebermanns „Der Papageienmann“ zeigt einen Bediensteten des Amsterdamer Zoos, der gerade drei große Ara-Vögel auf der Papageienallee betreut. Zwei rote Papageien hält er mit einem Tragegestellt in seiner Linken, eine weitere Vorrichtung hat er geschultert, während er damit beschäftigt ist einen dritten, gelben Vogel von seinem Platz abzunehmen. Hinter dem Papageienmann erstreckt sich die beschattete und von wenigen Lichtflecken erhellte Allee steil in die Tiefe. Der sandige Weg zieht nach rechts und gleicht so den Bewegungsduktus des Papageienmannes nach links aus. Elegant gekleidete Damen und Mädchen mit Strohhüten bewundern die ausgestellten Exponate. Das Ölgemälde ist in drei Versionen bekannt, wobei das Bild aus dem Folkwang Museum in Essen als die am weitesten ausgearbeitete Fassung gelten darf.

 

 

Im Sommer 1901 skizzierte Max Liebermann erstmals im Zoologischen Garten von Amsterdam und fertigte erste Studien sowohl zum „Papageienmann“ wie auch zur zeitgleich gemalten „Papageienallee“ (Bremer Kunsthalle). Es ist für Liebermann charakteristisch zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor dem Motiv sein Ölgemälde begonnen zu haben, sondern in vielen Zeichnungen, Pastellen, Studien Motive zu sammeln, aus denen er im Atelier den fruchtbaren Moment konstruierte. Die Meisterschaft Liebermanns besteht also in hohem Maße auch darin, diese Szenen so lebendig gestalten zu können. In den ersten Kreidezeichnungen arbeitete Liebermann an einem Querformat, das er schlussendlich die die beiden Bilder „Papageienmann“ (links) und „Papageienallee“ (rechts) aufteilte. Die große Ölstudie, die dem Bild wohl vorausging, ist nicht bekannt.

Ausgeführt wurde das Bild im Jahr 1902. In der Secessionsausstellung 1903 präsentierte Liebermann vier Bilder, darunter „Papageienmann“ und die „Papageienallee“, sowie das alte Bild „Die Bleiche“ (1882/83). Im Gegensatz zu seinen anderen holländischen Bildern ist „Der Papageienmann“ ein höchst buntfarbiges Werk. Im Vergleich zu seinen älteren Arbeiten fällt sowofrt der „impressionistischere“ Strich und die Reduktion der Details ins Auge. Vielleicht interessierte sich der Maler gerade deshalb für das Sujet. Jedenfalls bereitet diese Auseinandersetzung mit Licht Liebermanns späte Gartenbilder profund vor.

Der „Papageienmann“ zählt zu den buntesten Werken Liebermanns – und ist auch vielleicht als eine Reaktion auf seinen Kollegen der Berliner Secession, Max Slevogt, zu deuten. Slevogt hatte 1901 drei Varianten des „Papageienmannes“ im Frankfurter Zoo gemalt, bei denen er sich entschiedener als Liebermann vom Gegenstand löste. Ungelöst ist bis heute die Frage, in welchem Verhältnis die Werke zueinanderstehen: Handelt es sich um eine zufällige Gleichzeitigkeit oder doch um eine (heimliche) Konkurrenz zwischen den beiden Malern?

 

Durchbruch in Deutschland

Anfangs war den Deutschen Liebermanns Stil zu „französisch“, zudem wurde er in Publikationen antisemitisch beschimpft. Um 1900 begann er aber auch in seiner Heimat bekannt zu werden. Im Jahr 1898 war er ein Mitbegründer der Berliner Secession, einer Künstlervereinigung in der Nachfolge der Münchner und der Wiener Secession. Max Liebermann wurde zum ersten Präsidenten der Berliner Secession gewählt. Sein Ruhm war zur Jahrhundertwende am Höhepunkt, wenn er auch von konservativer Seite als „undeutsch“ angefeindet wurde. Zu diesem Zeitpunkt konnte er höhere Preise für seine Gemälde erzielen als noch Claude Monet (1840–1926).

Kurz danach ist in Liebermanns Werk ein Wandel festzustellen. Während man in seinen hochgepriesenen Amsterdamer Bildern nahezu jeden Ziegel in der Wand zählen kann, wurde in den 1890ern – unter dem Einfluss des französischen Impressionismus – sein Pinselstrich offener. Dies ist in „Birken am Ufer des Wannsees nach Osten“ leicht nachzuvollziehen. Dieser neue Zugang machte Max Liebermann über Nacht zum Vorkämpfer für den deutschen Impressionismus.

 

 

 

Sonnige Gemälde in Kriegszeiten

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutete ein Ende für die Bewegungsfreiheit von international orientierten Künstlern. Liebermann konnte nicht mehr in die Niederlande reisen – und doch begrüßte er den Heroismus. Schnell wurde er enttäuscht und desillusioniert, als der Maler in Berlin der Schrecken des Krieges gewahr wurde.

1920 wurde Max Liebermann der Direktor der Akademie der bildenden Künste in Berlin. Seine Internationalität, die kurz zuvor noch Stein des Anstoßes war, wurde ihm nun zum Vorteil gereicht. Dank seines großen internationalen Netzwerks konnte Liebermann die Akademie liberalisieren und deren Kulturkonservatismus brechen. Entgegen den politischen und sozialen Spannungen blieb Liebermann dem sonnigen Impressionismus in seinem Werk verhaftet. Er malte bis ins hohe Alter, entzog sich aber immer mehr der Öffentlichkeit auf seiner Villa am Wannsee. Er sah allerdings die Fackelumzüge, mit denen Adolf Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 gefeiert wurde von seinem Stadthaus aus. Als ein jüdischer Künstler wurde ihm der Posten des Ehrenvorsitzenden der Akademie noch entzogen.

Max Liebermann starb in seinem Haus am Pariser Platz am 8. Februar 1935. Für einen so prominenten Künstler in Berlin war das folgende Begräbnis eine sehr bescheidene Veranstaltung. Einem jüdischen Künstler, der holländische Szenen im Licht des französischen Impressionismus malte, konnte und wollte man 1935 keinen Respekt mehr zollen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Max Liebermann wiederentdeckt und zu einem Lieblingskünstler vieler Kunstbegeisterter.

 

 

Max Liebermann. Sommerimpressionen: Ausstellungskatalog

 

Max Liebermann in Holland: Amsterdamer Waisenhaus und Papageienmann: Bilder

  • Max Liebermann, Altmännerhaus in Amsterdam, 1880, Öl/Lw, 87,5 x 61,4 cm (Staatsgalerie Stuttgart)
  • Max Liebermann, Freizeit im Amsterdamer Waisenhaus, 1881/82, Öl/Lw, 78.5 x 107.5 (Städel Museum)
  • Max Liebermann, Tennisspieler am Meer (1.Version), 1901, Öl/Lw, 69,5 x 100 cm (Museum der Westküste)
  • Max Liebermann, Der Papageienmann, 1902 (Museum Folkwang, Essen)
  • Max Liebermann, Atelier des Künstlers, 1902, Öl/Lw, 68,5 x 82 cm (Kunstmuseum St. Gallen)
  • Max Liebermann, "De Oude Vink" Restaurant in Leiden, 1905, Öl/Lw, 88 x 71 cm (Kunsthaus Zürich)
  • Max Liebermann, Reiter am Strand, 1908, Öl/Lw, 71 x 89 cm (Museumlandschaft Hessen Kassel)
  • Max Liebermann, Birken am Wannseeufer nach Ost, 1924, Öl/Lw, 50 x 60 cm (Museum Wiesbaden)
  • Fritz von Uhde, Am Fenster, 1890, Öl/Lw, 80,5 x 65,5 cm (Städel Museum, Frankfurt am
  1. Zit. n. Anne Röver-Kann, Beobachteter Alltag – Holland 1880–1900, in: „Nichts trägt weniger als der Schein“. Max Liebermann der deutsche Impressionist (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen, 16.12.1995–24.3.1996) München 1995, S. 110.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.