Max Slevogt
Wer war Max Slevogt?
Max Slevogt (8.10.1868–20.9.1932) zählt neben Max Liebermann (1879–1884) und Lovis Corinth unwidersprochen zu den wichtigsten deutschen Malern des Impressionismus, ist jedoch im Vergleich zu seinen beiden Freunde nicht so präsent. Schon zu seinen Lebzeiten wusste der Kunst- und Literaturkritiker Julius Elias zu berichten, dass Slevogt als Maler mehr berühmt als bekannt sei.1
Der Maler aus München übersiedelte 1901 nach Berlin. Slevogt sah sich Zeit seines Lebens als Figurenmaler, der ab 1893 sowohl mit religiöser Historie, Genre wie auch Porträt reüssierte. Die Fächer Landschaft und Stillleben faszinierten und beschäftigten den Künstler ebenso. Seine Studien führten zu lichtdurchflossenen, skizzenhaft freien Ergebnissen, in denen das Atmosphärische obsiegt. Aber Slevogt ist dabei wesentlich weniger dramatisch als Corinth und lieblicher als Liebermann. Für ihn war der Impressionismus in Deutschland nicht nur „eine Art Übertragung der Netzhauteindrücke auf Leinwand“, sondern – nach Max Liebermann – will er „das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung bringen, sie auf die Leinwand projizieren, wobei es ganz gleichgültig ist, ob ihm das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge schwebt.“2 Eine Malexpedition nach Ägypten im Frühjahr 1914 brachte den Durchbruch für Slevogt. An dieser Stelle ließe sich einmal die Frage nach der Beeinflussung des „Reisekünstlers“ Oskar Kokoschka stellen.
Ausbildung und frühe Werke: Slevogt, „der Schreckliche“
Die frühe Entwicklung Max Slevogts, der von 1884 bis 1889 an der Münchener Akademie und ein Semester an der Académie Julian in Paris studiert hatte, war von der brauntonigen Malerei Franz von Lenbachs (1836–1904) bestimmt. Lenbach verband das Schöne mit dem Repräsentativen; Mitte der 1880er Jahre hatte er den Gipfel seines Ruhmes erreicht und sich 1887 mit dem Lenbach-Haus selbst ein Monument errichtet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits Wilhelm Leibl (1844–1900) und Max Liebermann aus der Stadt an der Isar vertrieben und die Realisten als bedeutungslos diskreditiert. Die Gründung der Münchener Secession im Jahr 1892 durch Max Slevogt, Wilhelm Leibl, Fritz von Uhde, Albert von Keller u.v.m. bezeugt die Unzufriedenheit der jüngeren Generation mit der Lenbach-Doktrin.
Slevogt erhielt für seine realistischen, ungeschönten Bilder den Beinamen „Der Schreckliche“. Er wurde mit den Cousins Bruno und Paul Cassirer bekannt (ab 1892/93 in München) und ab 1898 in deren Berliner Kunsthandlung ausgestellt. Vom 15. Oktober bis zum 1. Dezember 1899 zeigten die Cassirer in einer Gruppenausstellung Slevogt mit Werken von Edouard Manet, Edgar Degas und Pierre Puvis de Chavannes und katapultierten ihn damit an die Spitze der internationalen Avantgarde. Nach einer kurzen, symbolistischen Phase hatte sich Slevogt ab 1887 mit Pleinair-Malerei, der Kunst Edouard Manets und dem französischen Impressionismus beschäftigt. Der Aufenthalt in Frankfurt, seine Tierbilder aus dem dortigen Zoo, markieren den Übergang Slevogts vom symbolistischen Realisten zum Impressionisten und findet eine Entsprechung in seinem Umzug von München nach Berlin.
Sehen und Fühlen: die Berliner Jahre
Ab 1901 lebte Max Slevogt bis zu seinem Tod 1932 in Berlin, unterbrochen von Studienreisen und Malaufenthalten in der Pfalz, wo er 1914 das Landgut Neukastel bei Leinsweiler als Sommerresidenz erworben hatte. Die Suche nach der „künstlerisch adäquaten Form für das beim Sehen Gefühlte“ sei, nach Slevogt, die Quelle des deutschen Impressionismus.3 Damit stellt er sich in die romantische Tradition seit Caspar David Friedrich. So wie dieser, kann man anfügen, bevorzugte Slevogt panoramatische Blicke auf seine Umgebung. Wie Max Liebermann und Lovis Corinth war Slevogt der Ansicht, dass der deutsche Impressionismus nicht das Sichtbare wiedergebe, sondern die innere Welt des Schöpfers. So lassen sich Slevogts Landschaftsbilder auch als Impressionismus mit „romantischem Impetus“, als weder träumerisch noch sentimental, beschreiben,
Der deutsche Impressionismus zeigt ich als Aufspüren eines genuin deutschen Impressionismus mit romantischen Wurzeln, die sich nicht nur in der Landschaftsauffassung und der Maltechnik des Dreigestirns Liebermann, Corinth und Slevogt, sondern m. E. vor allem in ihrem Schriften nachweisen lassen. Die Lektüre von Max Slevogts Texten zum Umgang mit Farben lässt den Schluss zu, Slevogt habe sich argumentativ im Fahrwasser Liebermanns bewegt, dessen spät einsetzende und heterogene Impressionismus-Theorien schon länger Gegenstand der Forschung sind.4 Auffallend dabei ist, dass Liebermann die „Klassik“ des Impressionismus über Bezüge zu Diego Velázquez und Frans Hals begründet und sich partout nicht als Revolutionär sehen möchte. Für Slevogt war die Weiterentwicklung des Impressionismus zumindest „aus sich selbst drängend“, wenn sich auch die Einleitung zu seinem Ausstellungskatalog streckenweise als Verteidigungsschrift gegen die Expressionisten liest und dieser Haltung wohl auch viel verdanken.
Max Slevogt in der Pfalz
Über seine Ehefrau Antonie Finkler aus Guntramstein war Slevogt an die Pfalz gebunden und entwickelte hier beeindruckende Landschaftsbilder.
Slevogt im Krieg
Kurz nachdem Max Slevogt von der Reise nach Ägypten und Italien wieder zurückgekehrt war, brach der Erste Weltkrieg aus. Vom 12. Oktober bis zum 2. November 1914 diente er als „Kriegsmaler“ an der Front. Das Kriegserlebnis schockierte den anfangs überzeugten Kriegsbefürworter, weshalb er nach neuen Ausdrucksformen suchte, um für die Schrecken des Ersten Weltkriegs angemessene künstlerische Gestaltungsformen zu finden. Während seines Einsatzes entstanden Zeichnungen, die er später auf Wunsch von Bruno Cassirer in dessen Verlag als Kriegstagebuch publizierte. Der Maler schrieb dazu im Vorwort:
„So blieb von der so lebhaft ersehnten Teilnahme am Kriege und von den erregten Vorstellungen außer der menschlichen Erschütterung und Erhöhung trotz großer Momente: dem Anblick des Anmarsches von todesmutigen, pflichterfüllten Brüdern, den technisch merkwürdigen Kampfmitteln, den unglaublichen Leistungen der Pioniere und den wechselnden Improvisationen manchen Zufalls als letzte entscheidende Erinnerung: eine Welt, die durch blinde Zerstörung geschändet erscheint, wie dir üppige reine Lichtung des Waldes, auf der die Rest von Butterstullenpapier, Speisen, Büchsen zurückgeblieben sind.“ (Max Slevogt, Ein Kriegstagebuch, Berlin 1917)
Motive und wichtige Bilder
Auffallend häufig nutzten der Student und dann auch der Maler sein eigenes Konterfei zur Selbstbefragung. Familie und Freunde wurden genauso häufig in Bildern verewigt. Sport- und Landschaftsdarstellungen runden gemeinsam mit den Stillleben Slevogts Suche nach dem modernen Leben und der gefühlten Schau der Welt ab. Die Motivwahl Slevogts ist jener Liebermanns näher als der von Lovis Corinth.
Wichtige Slevogt-Bilder wie die Bildnisse von „Francisco d`Andrade als Don Giovanni“ (ab 1901) und der russischen Primaballerina „Anna Pawlowa“ (1909) oder der Flamencotänzerin „Marietta di Rigardo“ (1904) reihen sich an das Triptychon mit dem „Verlorenen Sohn“ (1899) und unzählige Skizzen für die „Ringerschule“ (1893), das auf der ersten Ausstellung der Münchener Secession gezeigt und kontrovers diskutiert wurde.
Max Slevogt Forschungszentrum
2011 erwarb Rheinland-Pfalz von den Erben das Slevogt-Archiv, bestehend aus ca. 3.700 Schriftstücken im Landesbibliothekszentrum Speyer sowie Grafiken im Landesmuseum Mainz. Das Skizzen- und Studienmaterial des wichtigen deutschen Impressionisten wird mit Ausstellung und Katalog erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Gemeinsam mit den bereits 1971 angekauften Nachlass des Künstlers5 sowie Leihgaben aus ganz Deutschland werden Denken und Arbeitsweisen des Künstlers vorgestellt.
Alle Beiträge zu Max Slevogt
- Julius Elias u.a.: Graphik der Gegenwart, Berlin 1928, S. 66.
- Max Liebermann, Die Phantasie in der Malerei, Berlin 1916, S. 11-12. Und weiter: „Denn beides ist im Grunde dasselbe: der Maler kann nur malen, was er zu sehen glaubt, ob er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht.“
- Max Slevogt in einem handschriftlichen Entwurf zu einem Katalogvorwort von 1928, zit. nach Miriam-Esther Owesle: „Das Auge ist kein Instrument, kein Spiegel…“ Zum Impressionismus Max Slevogts, in: Max Slevogt Neue Wege des Impressionismus (Ausst.-Kat. Landesmuseum Mainz 4.5.-12.10.2014), München 2014, S. 42.
- Siehe beispielsweise die erhellenden Ausführungen von Andreas Kreul, Graue Natur in bunter Theorie. Notizen zum persönlichen Impressionismus Max Liebermanns, in: „Nichts trügt weniger als der Schein“ Max Liebermann der deutsche Impressionist (Ausstkat. Kunsthalle Bremen 16.12.1995 – 24.3.1996), München 1995, S. 96-102.
- Ursprünglich fasste der Bestand 121 Gemälde v.a. aus der Frühzeit, Grafiken und drei Büsten, Bibliothek und Mobiliar.