Lovis Corinth

Wer war Lovis Corinth?

Lovis Corinth (21.7.1858–17.7.1925) zählt zu den bedeutendsten Malern Deutschlands im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. In seinem malerischen Werk verarbeitete der aus Ostpreußen stammende Künstler anfangs den Realismus, dann wandte er sich in religiösen Kompositionen dem Symbolismus und in Landschaftsbildern wie Porträts dem Impressionismus zu.

Als Maler wie als Präsident der Berliner Secession prägte Corinth das Kunstgeschehen in der Hauptstadt. 1911 erlitt Lovis Corinth einem Schlaganfall, von dem er sich erstaunlich schnell wieder erholte. Nach dem Ersten Weltkrieg zog er sich zunehmend von öffentlichen Funktionen und dem Berliner Leben zurück. Seine Ehefrau, die Künstlerin Charlotte Berend-Corinth, hatte in am Walchensee (Bayern) ein Haus errichten lassen. Hier entstanden die vom Expressionismus geprägten späten Landschaftsbilder des berühmten Wahl-Berliners. Gemeinsam mit Max Liebermann und Max Slevogt gilt Lovis Corinth heute als einer der drei wichtigsten Maler des deutschen Impressionismus.

Kindheit und Ausbildung

Lovis Corinth wurde am 21. Juli 1858 in Ostpreußen geboren. Er studierte zuerst an der Kunstakademie in Königsberg und dann in München. Vor seinem Studium an der Académie Julian in Paris unternahm er eine Studienreise nach Antwerpen. In Paris war er Schüler von Adolphe-William Bouguereau und Robert-Fleury. 1890 wurde sein Gemälde „Pietà“ (1889, zerstört 1945) auf dem Salon mit einer Auszeichnung geehrt.

München und Berlin

1891 ließ sich Corinth in München nieder und wurde Gründungsmitglied der Münchner Secession. Während sein Gemälde „Salomé II“ (1900, Leipzig, Museum der Bildenden Künste) von der Jury der Münchner Secession abgelehnt wurde, wurde es in Berlin, wohin Lovis Corinth im Oktober 1901 zog, von Erfolg gekrönt. Er gründete dort eine Malschule für Frauen.

Das Berliner Leben diente Lovis Corinth als Inspirationsquelle wie für „Der neue See im Berliner Tiergarten“ (1908, Städtische Kunsthalle, Mannheim), er besuchte Ausstellungen, Salons und verdient seinen Lebensunterhalt vor allem mit Auftragsporträts, darunter das „Porträt von Julius Meier-Graefe“ (1917, Musée d'Orsay).

Als Sprungbrett diente ihm insbesondere die Berliner Secession. Lovis Corinth stellte seine Bilder dort regelmäßig aus und wurde auf diese Weise bei einem sachkundigen Publikum bekannt. Das „Selbstporträt mit seiner Frau und Sektglas“ (1902, Privatsammlung) zeigt den Maler als verlorenen Sohn in Begleitung seiner Gefährtin Charlotte Berend, seiner Muse und seines Lieblingsmodells. Zudem ist es ein Hinweis auf sein Vorbild Rembrandt van Rijn. Durch die biblische Anspielung werden auf diesem Selbstporträt die Grenzen zwischen den Gattungen verwischt. Corinth entlehnte seine klassischen Motive der griechischen Mythologie, dem Christentum und der Literatur. Dieses Genre spielte in seiner Malerei eine wichtige Rolle.

„Heimkehrende Bacchanten“ (1898, Wuppertal, Von der Heydt Museum) dokumentiert, wie sehr er den nackten Körpern seiner Figuren, die sich durch oftmals übertriebene Gesten und Grimassen auszeichnen, die für biblische oder mythologische Figuren charakteristische Anmut fehlt. Mit diesem Bild setzte sich Corinth als Maler der Sinnesfreuden durch, seine Kunst verfolgt keinerlei moralisierende Absicht. Corinth gilt auf Grund seiner provokatorischen und unkonventionellen Behandlung des Themas als subversiver Maler.

Auf „Salome II“ (1900), für das Corinth das Thema der Verführung mit dem Tod verbindet, sind die Modelle identifizierbar. Das Bild ist kein Auszug aus der Geschichte, sondern eine Parodie des Lebens. Dieses Werk ist das erste einer Phase, in der er sich zum „Maler des Fleisches“ entwickelt. Corinth betrachtete die Aktmalerei als das „Latein der Malerei“. Nach 1904 widmete er sich verstärkt dieser Gattung. Lovis Corinth verzichtete bei seinen Figuren allmählich auf jegliche mythologische oder religiöse Anspielung. Manche Gemälde schildern spontane Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben.

Auf Grund seines Interesses für die Darstellung von Körper, Blut und Fleisch kann Corinth Themenbehandeln, die andere Maler meiden. In Anlehnung an sein Vorbild Rembrandt interessiert sich Corinth für Schlachthausszenen. Auf Grund ihrer fleischlichen Realität, der sinnlichen Farben und ihres lasziven Aussehens stellte Lovis Corinth gern geschlachtete Tiere in Verbindung mit nackten Körpern dar: „Geschlachteter Ochse“ (1905, Regensburg, Kunstforum Ostdeutsche Galerie). Er ordnete die realistische Darstellung des Motivs seiner Begeisterung für Farbe und Form unter.

Dies „Selbstporträt mit schwarzem Hut und Stock“ entstand im April 1911, nur wenige Monate nachdem Corinth zum Präsidenten der Berliner Secession ernannt worden war.

Schlaganfall

Die enorme künstlerische Produktion von rund 1.200 Gemälden, Hunderten von Aquarellen und Tausenden von Zeichnungen wurde jäh gebremst, als der 53-Jährige am 19. Dezember 1911 einen schweren Schlaganfall erlitt. Seine Ehefrau Charlotte erinnerte sich:

„Als er endlich aufstehen konnte, sah ich einen Lovis Corinth, wie ich ihn bisher nicht gekannt hatte, vor mir. Hohlwangig, mit weit aufgerissenen Augen, brütete er in seinem Sessel vor sich hin. Als er mit Einwilligung der Ärzte zum ersten Mal wieder das Atelier betrat, war bereits Februar des Jahres 1912 angebrochen.“

Zwischen Impressionismus und Expressionismus

Als Lovis Corinth im Jahr 1912 wieder zu malen begann, wandelte es sich von einem Impressionisten zu einem Expressionisten. Kurz nach seinem schweren Schlaganfall schuf er 24 Ölgemälde. Im Sommer reiste er zur Erholung an die italienische Riviera. Lovis Corinth hielt sich von Februar bis April 1912 in Bordighera auf, wo auch schon Claude Monet gemalt hatte. Mühsam musste sich der Maler wieder die Beweglichkeit seiner Hand erarbeiten. Daher musste Corinth seine Maltechnik umstellen: So wurde sein Pinselduktus breiter und gestrichener. Zusätzlich arbeitete er das Stillleben mit vielen Brauntönen und verlieh ihm damit einen fast herben Charakter.

Etwa ein Dreivierteljahr nach dem einschneidenden Ereignis entstand das „Selbstporträt mit Panamahut“ (1912, Kunstmuseum Luzern) und „Geblendeter Samson“ (1912, Berlin, Privatsammlung). Das Samson-Gemälde ist sowohl biblisch als auch autobiografisch inspiriert. Im Vergleich zu früheren Selbstdarstellungen ist der Bildausschnitt eng gewählt und überschneidet Corinths Schulter und Arm. Der Fokus liegt auf dem Gesicht, das mit pastoser Farbe beinahe im Relief modelliert ist, während die ungewöhnlich leuchtend blaue Jacke, der Hut und auch der Hin­tergrund flächig gestaltet sind. Corinth schaut den Betrachter nicht nur ernst an, tiefe Erschütterung und große Verunsicherung sind ihm ins Gesicht geschrieben.

Späte Werke

Seine Spätwerke zeichnen sich besonders durch ihre Pinselführung aus. Der heftige Pinselstrich, der zu seinem Stilelement wurde, steht dem Expressionismus nahe. Damit öffnete sich der Maler den jüngeren Expressionisten, wie den Mitgliedern der „Brücke“. Seit 1910 drängten sie in die „Berliner Secession“, deren Vorsitzender Corinth zwischen 1911 und 1912 war.

Das Motiv diente ihm oftmals als Vorwand für eine Malerei. Die späten Landschaftsbilder, insbesondere die Ansichten des Walchensees, zeugen von Corinths Liebe für die Natur und von seinem Überdruss gegenüber der Stadt. Die Gemäldeserie, zu der ihn die bayerische Landschaft in den Jahren 1918 bis 1925 inspirierte, besticht durch die Eigenständigkeit der Farbe. Seine Christusdarstellungen erreichten mit „Ecce homo“ (1925, Basel, Kunstmuseum) ihren Höhepunkt.

Gegen Ende seines Lebens widmete sich Lovis Corinth verstärkt der Malerei von Landschaften und Stillleben. Viele der ein wenig morbid wirkenden Bilder zeichnen sich durch verschwommene, ineinander übergehende Farben, sich auflösende Formen und eine schnelle Pinselführung aus. Er ordnete die genaue Wiedergabe des Motivs seiner ausdrucksstarken Malerei unter.

„[D]ie Lust, ganz nach eigenem Gutdünken, ohne jede andere Beeinflussung das Arrangement und die Auffassung treffen zu können, macht das Selbstporträt zum bevorzugtesten Studienmittel aller Maler“1 (Lovis Corinth)

Sein „Letztes Selbstporträt“ von 1925 ist ein Brustbild vor einem Spiegel, der sein verzerrtes, vom Alter gezeichnetes Profil widerspiegelt. Ganz gleich ob er sich während einer Tätigkeit oder verzweifelt darstellt, Corinth gibt sich in seinen Selbstporträts preis und entwickelt seine Malerei weiter. Seine Gattin Charlotte formulierte es folgendermaßen:

„Alle seine Seelenzustände, alle seelischen Echos und seine Einstellung sich selbst gegenüber entfalten sich vor unseren Augen“.

Schüler von Lovis Corinth

  • Josef Ruederer
  • Charlotte Berend: 1901 (ab 26.3.1904 seine Ehefrau)
  • Otto Freundlich: 1907/08 (auch bei Lothar von Kunowski)
  • August Macke: Oktober 1907 bis Januar 1908

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  1. Lovis Corinth, Das Erlernen der Malerei, Hildesheim 1979, S. 136.