Chana Orloff

Wer war Chana Orloff?

Chana Orloff (Starokonstantinov 12.7.1888–16.12.1968 israel) war eine israelische Bildhauerin der Klassischen Moderne und des Art Déco (→ Klassische Moderne). Orloff ging im Herbst 1910 allein nach Paris, um zunächst Mode und dann Kunst zu studieren. Sie schloss sich anderen jungen jüdischen Künstlern an, darunter Marc Chagall, Amedeo Modigliani, Jules Pascin, Chaïm Soutine und Ossip Zadkine. Ihre etwa 300 bekannten Porträts sind extrem stilisiert; gleichzeitig arbeitete Orloff mit Vereinfachung und Übertreibung. Sie stellte aus mit Henri Matisse, Pablo Picasso; Auguste Perret baute ihr die Atelier-Villa Seurat. Chevalier of the Legion of Honor

Kindheit

חנה אורלוף Chana Orloff wurde am 12. Juli 1888 in Starokonstantinov (ehem. Russisches Kaiserreich, heute: Ukraine) als achtes von neun Kindern von Raphael und Rachel (geb. Lipschitz) Orloff geboren.

Chana Orloff in Palästina

Orloff wanderte 1905 gemeinsam mit ihren Eltern in das osmanische Palästina aus und ließ sich in Jaffa nieder, wo sie eine Anstellung als Zuschneiderin und Näherin fand. Zvi Nishri (Orloff), der Pionier des Sportunterrichts in Israel, war ihr Bruder.

Chana Orloff schloss sich der Arbeiterbewegung Hapoel Hatzair an. Nach fünf Jahren in Israel wurde ihr eine Schneider-Lehrstelle am Gymnasia Herzliya angeboten. Chanas Nähbegabung, mit der sie das Familieneinkommen aufbesserte, erregte die Aufmerksamkeit des Direktors ihrer Schule. Dieser ermutigte sie, nach Paris zu gehen, um ein Diplom in Schneiderei zu erwerben, damit sie nach ihrer Rückkehr in seiner Einrichtung unterrichten könnte.

Paris

Im August 1910 zog Chana Orloff nach Paris, anfangs um Mode zu studieren (in den Ateliers von Paquin, 3 rue de la Paix). Auf Drängen eines ihrer Lehrer legte sie 1911 die Aufnahmeprüfung an der Ecole Nationale des Arts Décoratifs ab und belegte den zweiten Platz. Chana Orloff entschied sich jedoch stattdessen für Bildhauerei an der Académie Russe in Montparnasse, die von der russischstämmigen Malerin Marie Vassilieff (1884–1957) gegründet worden war. Dort gehörten Professor Bruneau, Kurator des Louvre, und der Kunsthistoriker Paul Vitry zu ihren Lehrern. 1916 heiratete sie Ary Justman, einen in Warschau geborenen Schriftsteller und Dichter. Das Paar hatte einen Sohn (*1918); Ary starb während der Epidemie von 1919 an der Spanischen Grippe. Die französische Staatsbürgerschaft erhielt Orloff im Jahr 1920.

Am Montparnasse freundete sich Chana Orloff mit anderen Kunstschaffenden an, darunter Pablo Picasso, Leonard Tsuguharu Foujita (1886–1968), Diego Rivera (1886–1957), Guillaume Apollinaire (1880–1918), Jean Cocteau (1889–1963) und Max Jacob (1876–1944). Sie traf Marc Chagall, Jacques Lipchitz, Amedeo Modigliani (1912, später stellte sie ihm ihre Klassenkameradin Jeanne Hébuterne vor, mit der er eine Beziehung einging), Jules Pascin, Chaim Soutine und Ossip Zadkine.

Chana Orloffs Werke wurde im Salon d'Automne (15.11.1913–5.1.1914) im Grand Palais ausgestellt. Sie präsentierte zwei Holzbüsten: „Kopf eines jüdischen Jungen“ und „Madame Z“. 1916 stellte sie gemeinsam mit Henri Matisse, Georges Rouault und Kees van Dongen (1877–1968) in der Galerie Bernheim Jeune unter der Leitung von Félix Fénéon (1861–1944) aus.

Ihre erste Einzelausstellung organisierte sich Chana Orloff während des Ersten Weltkriegs in ihrer eigenen Wohnung am Montparnasse. Sie präsentierte dort „L’Amazone [Die Amazone]“ von 1915 in der ersten Fassung aus Holz (später in Gips und Bronze gegossen). Sie veröffentlichte eine Vorzeichnung für „L'Amazone“ in der Zeitschrift „SIC“ im November 1916 (Nr. 11) und präsentierte das Werk erneut im „Salon des Indépendants“ 1920 sowie auf der „First Russian Exhibition of Art & Craft“, die 1921 in der Whitechapel Art Gallery in London ausgerichtet wurde. Sowohl die Skizze als auch Die Skulptur vermittelt das Bild der modernen Frau, wie es während des Ersten Weltkriegs in Literatur und bildender Kunst als Repräsentantin dieses mythischen matriarchalischen Stammes geprägt wurde. Die Amazone von Orloff trägt ein mit Rüschen verziertes Kleid (oder einen Rock), das einen weiblichen Körpertyp und eine Taille betont. Der weite Rock breitet sich über die Flanke des Pferdes aus und lässt Frau und Tier verschmelzen. Orloff wollte den Betrachter mit einer radikalen Neuinterpretation der Amazone als „Frau-Pferd“-Hybrid inspirieren, eine Allegorie weiblicher Kraft und Stärke, ausgestattet mit den eleganten Attributen der modernen Pariserin. Heute wird „Die Amazone“ als symbolisches Selbstporträt der Künstlerin als erhabene Pariser Avantgarde gedeutet.

Porträts der Schule von Paris

Um ihre Arbeit fortzusetzen, beschloss Chana Orloff, ein Porträtalbum mit elf Holzschnitt-Porträts ihrer Künstler-Freunde herauszugeben (31. Mai 1919, hg. von D'Alignan, 100 Exemplare). Von 1919 bis 1923 arbeitete Orloff an einem weiteren Album mit dem Titel „Figures d'actualité“, das von D'Alignan in einer limitierten Auflage von vierhundert Stück herausgegeben wurde, begleitet von Texten von Jean Pellerin (1917–2001) und Gaston Picard (1892–1962). Das Album enthält eine beeindruckende Reihe von 41 Nachkriegskünstler:innen, darunter die Schriftsteller Jean Cocteau, Max Jacob, Jean Paulhan (1904–1999) und André Salmon (1881–1969); die Maler Pablo Picasso, Georges Braque, André Derain, Natalja Gontscharowa (1881–1962), Moïse Kisling, Mikhaïl Larionov (1881–1964) und Fernand Léger; sowie die Musiker Georges Auric (1899–1983) und Arthur Honegger (1892–1955). Der einzige in der Serie vertretene Bildhauer ist Alexander Archipenko (1887–1964).

Chana Orloff war der Freund dieser radikalen Frauen der Pariser Avantgarde; Im Sommer 1921 schloss sie sich in Grimaud bei Saint-Tropez Natalie Barney, Romaine Brooks und der Schriftstellerin Élisabeth (Lily) de Gramont, Herzogin von Clermont-Tonnerre, an. Die Bildhauerin schuf Porträts von Brooks sowie von der Surrealistin Claude Cahun, der Schriftstellerin Anaïs Nin und vielen anderen berühmten modernen Frauen dieser Zeit. Für jede dieser Büsten modelliert Orloff erkennbare Gesichter und verdichtet die Merkmale ihrer Modelle zu stark stilisierten abstrahierten Formen. In einigen Fällen nutzt sie ihre Erfahrung als Stylistin (den Beruf, den sie ausübte, bevor sie Künstlerin wurde). Kritiker bemerkten sofort die einzigartige Art, in der Chana Orloff die damalige Damenmode in ihre Porträts einfließen ließ.

1924 beauftragte Chana Orloff die amerikanische Reporter-Fotografin Thérèse Bonney, sie in ihrem Atelier zu fotografieren. Die Bildhauerin wollte mit der Aufnahme eine kommende Ausstellung bewerben. Bonney zeigt Orloff, auf einem Sockel sitzend, die Arme stolz vor der Brust verschränkt.1 Durch ihre Haltung bestätigt Orloff ihren Status als professionelle Bildhauerin, umgeben von ihren Werken, und positioniert sich gleichzeitig als unabhängige Künstlerin, die sich der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sicher ist. Auf anderen Aufnahmen aus der gleichen Zeit, die in ihrem Atelier aufgenommen wurden, trägt Orloff ein Kopftuch, das sowohl an die traditionelle jüdische Tracht als auch an den weiblichen Aktivismus in der russischen Belegschaft erinnert.

1929 widmete ihr die Weyhe Gallery in New York eine Einzelausstellung, die ein wahrer Triumph für Chana Orloff wurde:

„Chana Orloff ist wahrscheinlich die bedeutendste lebende Bildhauerin der Gegenwart und [gehört] in der ersten Gruppe von Bildhauern beiderlei Geschlechts …“ (Vanity Fair) .

Flucht und Rückkehr

Obwohl sie nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten 1933 nicht mehr hofften durfte, in Deutschland auszustellen, präsentierte sie ihre Skulpturen während der 1930er Jahre in großem Umfang – in London, Amsterdam, Zürich, Chicago, Boston, Worcester (Massachusetts), New York, Brooklyn, Philadelphia und Buffalo. Weiters war Orloff regelmäßiger Gast in Paris im Salon des Tuileries und im Salon d’Automne sowie 1937 in der Ausstellung „The Masters of Independent Art“ im Petit Palais; und in Tel Aviv und Jerusalem.

Zwischen 1940 und 1942 lebte Chana Orloff im besetzten Paris, wo sie in ständiger Gefahr arbeitete und eine Reihe kleiner Werke herstellte, die sie „Taschenskulptur“ nannte. Von Freunden gewarnt, konnte sie der Razzia vom 16. Juli 1942 (la raid du Vel'd'hiv') entkommen und sich einen Weg in die Zone libre bahnen. Mit Hilfe ihres Freundes, des Malers Georges Kars (1880–1945), gelang es ihr über die Grenze in die Schweiz zu kommen. Dort blieb sie bis Kriegsende bei ihrem Sohn. Während ihres Aufenthalts in Genf schuf sie mehr als fünfzig Skulpturen, die 1945 in der Galerie Georges Moos (Genf) ausgestellt wurden. Im Februar 1945 beging Kars in Genf Selbstmord, woraufhin Orloff nach Paris zurückkehrte und feststellte, dass ihr Haus durchwühlt und die Skulpturen in ihrem Atelier zerstört worden waren.

Späte Werke

Nach der Gründung des Staates Israel verbrachte Orloff zunehmend Zeit dort. Das Tel Aviv Museum of Art veranstaltete 1949 eine Ausstellung mit 37 ihrer Skulpturen. Sie blieb etwa ein Jahr in Israel, um eine Skulptur von David Ben-Gurion (1949), das Heldendenkmal für die Verteidiger von Ein Gev und das Mutterschaftsdenkmal fertigzustellen in Erinnerung an Chana Tuckman, die während des Palästinakrieges 1947–1949 starb. Neben Denkmälern schuf Orloff Porträts des israelischen Premierministers David Ben-Gurion und des zukünftigen Premierministers Levi Eshkol; die Architekten Pierre Chareau und Auguste Perret; Maler Henri Matisse, Amedeo Modigliani, Pablo Picasso und Per Krohg; und die Dichter Hayyim Nahman Bialik und Pierre Mac Orlan.

Tod

Chana Orloff starb am 16. Dezember 1968 in Israel.

Literatur zu Chana Orloff

  • Paula J. Birnbaum, Chana Orloff: A Modern Woman Sculptor of the School of Paris 2022.
  • Paula J. Birnbaum, Women Artists in Interwar France: Framing Femininities, Aldershot 2011.
  • Véronique Richard de la Fuente, Dada à Barcelone, 1914–1918: Chronique de l'avant-garde artistique parisienne en exil en Catalogne pendant la grande guerre: Francis Picabia, Manolo Hugue, Serge Charchoune, Marie Laurencin, Olga Sacharoff, Franck Burty, Chana Orloff, Albert Gleizes, Kees van Dongen, Arthur Cravan, Otto Lloyd, Pau Gargallo, S et R Delaunay, Céret 2001.
  • Chana Orloff: Line & Substance, 1912–1968, hg. v. Hana Kofler (Ausst.-Kat. Tefen: the Open Museum), Tefen 1993.
  • Félix Marcilhac, Chana Orloff, Paris 1991.
  • Chana Orloff, hg. v. Yankel Kikoïne (Ausst.-Kat. Musée Bourdelle, Paris), Paris 1988.
  • Chana Orloff; sculptures et dessins (Ausst.-Kat. Musée Rodin), Paris 1971,
  • Chana Orloff: Exposition Retrospective, 120 Sculptures, 60 Designs (Ausst.-Kat. Tel Aviv Museum), Tel Aviv 1969.
  1. Die Aufnahme erinnert an den griechischen Mythos von Pygmalion, der sich in die von ihm geschaffene Statue einer Frau verliebte – mit vertauschten Rollen.