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Joseph Cornell Fernweh

Joseph Cornell, Wanderlust, Plakat der Royal Academy in London

Joseph Cornell, Wanderlust/ Fernweh, Plakat der Royal Academy in London

Boxen des amerikanischen Objektkünstlers Joseph Cornell (1903─1972) erweiterte im Kunsthistorische Museum - wenn auch nur temporär - die Kunstkammer um einige Stücke an „verarbeiteter Sammellust“. Joseph Cornell war als Künstler Autodidakt. In den späten 1920ern begann er in Ausstellungen die Kunst der Pariser Dadaisten und Surrealisten zu bewundern. Ab 1930 stellte er selbst Kunst her, anfangs kleine Collagen aus Buchillustrationen und Katalogbildern, die etwa zwei Jahre später in Schneekugel-Gläsern dreidimensional wurden. Das KHM präsentiert 80 Arbeiten, darunter drei Experimentalfilme des ausgewiesenen Cineasten.

„Fernweh“ und Gedankenreisen

„Fernweh“ spielt auf die Verwurzelung Joseph Cornells in New York City an. Zeit seines Lebens reiste der Künstler seine Heimatstadt nur in Gedanken, selten genug verließ er sie. Seine Phantasien, Träume und Sehnsüchte verpackte er in Schaukästen („shadow boxes“), Schachteln und unter Glasstürzen. Aus Fundstücken, Zeitungsausschnitten und Objekten fügte der belesene Autodidakt zu kleinen Wunderkammern! Sie tragen so romantische Namen wie „A Dressing Room für Gille“ (1939), „Soap Bubble Set“ (1941 und 1948) oder „Toward the Blue Peninsula: For Emily Dickinson“ (um 1953).

Wie die von ihm verehrte Dichterin Emily Dickinson (1830─1886) verbrachte auch Cornell sein gesamtes Leben in seinem Elternhaus - gemeinsam mit seiner Mutter und dem gehbehinderten Bruder Robert. Die Schriftstellerin blieb ledig, kleidete sich ausschließlich in Weiß und hielt sich fast ihr gesamtes Leben in ihrem Zimmer auf. Bewunderung verdient, wie sie in ihren Gedichten ihre überschaubare, stille Lebenswelt in ungeahnte Weiten verwandelte. Cornell beschrieb in seinem Tagebuch diese Art des Lebens als „qualvolle Zurückgezogenheit“. Für Emily Dickinson setzte er deren schicksalsergebenes Gedicht „Toward the Blue Peninsula“ als eine weiße Box mit geöffnetem Fenster um. Zwei Papierschnipsel am Boden verweisen auf die aphorismenartigen Verse der großen Poetin1. Das Gedicht endet mit der Feststellung: „It might be easier to fail with Land in Sight - than gain My Blue Peninsula - to perish - of Delight“ (1862). Auch wenn der weiße Raum durch Gitter und Stangen abgesperrt erscheint, so ist der Zaun vor dem Fenster aufgeschnitten und -gebogen worden. Blau lockt den Blick hinaus. Ist es das Meer, der Himmel, die Unendlichkeit?

 

Ballett und Bildende Kunst - Joseph Cornells romantische Träume

Der „Romantiker vom Utopia Parkway“, wie Joseph Cornell schon einmal genannt worden ist, hatte eine große Vorliebe für Phänomene des 19. Jahrhunderts. Seine Kunstform der kleinformatigen Assemblage erinnert an Sammelkästen der Viktorianischen Epoche. Seine ersten eigenständigen Boxen sind Ballerinen gewidmet, wie Mademoiselle Faretti, Tilly Losch (1907─1975), gefolgt von Kompositionen für Cléo de Mérode (1875─1966) und Tamara Toumanova (1919─1996). Der Künstler war er echter Ballett-Fan, besuchte Aufführungen seiner angebeteten Stars, beobachtete sie während seiner Mittagspause beim Training und sammelte Erinnerungsstücke. Aus diesen Ephemera stellte er immer aufwändigere Boxen zusammen, mit denen er die Geschichte der Assemblage um eine höchst sensible Facette bereicherte.

Die Schaukästen von Joseph Cornell sind wie kleine Sammlungen, die Strukturen und Ordnungen kennen. Wenn auch der Zufall eine große Rolle spielte, welche Abbildungen und Objekte ihm auf seinen Streifzügen durch die Antiquitäten- und Buchläden in die Hände fielen, so legte der Künstler ein Archiv an, in dem er seine Funde nach Themengebieten sammelte. Mit dem „Hölderlin Objekt“ (1944─1946, Privatsammlung) gelang Cornell nicht nur eine Hommage an den von ihm verehrten deutschen Romantiker, sondern auch eines seiner hintergründigsten Werke: In einer Holzschachtel liegt ein Buch in einem blauen Samt eingeschlagen und verknotet. Das hinter einem ebenfalls blauen Glas präsentierte Eichen-Blatt bezieht sich auf die Nationalität des Schriftstellers, der so häufig stolze, dunkle Eichen, die mit ihren ausladenden Armen ewig am Felsen stehen, besungen hat.2

Hinter Cornells Assemblagen steht immer der Gedanke, Erzählungen mit ihnen anzudeuten. Die wunderschönen, wenn auch oft geheimnisvollen Märchen enthüllen ihre Geheimnisse nie gänzlich, sondern bleiben in dem Zustand zwischen Realitätsbezug, Offensichtlichem und unwirklichen Zusammenstellungen.

 

Joseph Cornell und Marcel Duchamp

Die Freundschaft zwischen dem kultivierten Franzosen und dem stillen New Yorker begann 1933 in der von Duchamp kuratierten Brancusi-Ausstellung in der Brummer Gallery und vertiefte sich 1942. Dass Cornell mit „Dingen“ arbeitete, die er in Kunstwerke transformierte, stieß bei Duchamp auf reges Interesse. Jahre später beschrieb er seinen amerikanischen Kollegen sogar als den wichtigsten lebenden Künstler seiner Zeit. Als Peggy Guggenheim die Edition von Duchamps „Boîte“ und „Boîtes-en-valise“ in Auftrag gab, assistierte Cornell beim Bau der Schachteln.3 Duchamp lebte damals bei dem Ehepaar Friedrich Kiesler, mit dem er seit der internationalen Kunstgewerbeausstellung in Paris 1925 bekannt war. Die großzügigen Gastgeber nahmen Marcel Duchamp im Oktober 1942 für ein Jahr als Untermieter auf. In seinem Zimmer in der Seventh Avenue 56, Ecke 14. Straße entstand die Edition der „Boîte“, was Cornell in seinem Tagebuch beschrieb als „ein Durcheinander mit Trümmern, aber ansprechend aussehend“4. Cornell reagierte auf die Zusammenarbeit mit einem „Duchamp Dossier“ (um 1942─1953), einer Schachtel mit insgesamt 117 maschin- und handgeschriebenen Notizen, Briefen und Postkarten, Fotokopien, Papieren, Zeitungs- und Magazinausschnitten, Ausstellungsankündigungen, Reproduktionen u. a. von der Mona Lisa, dem Vogue-Cover mit Duchamps „Großem Glas“, Zeichnungen, Objekten und Readymades von Cornell und Duchamp.5

Duchamp war nicht der einzige Europäer, den Joseph Cornell kennengelernt hat. In Levys Galerie traf er ab den frühen 1930er Jahren die wichtigsten Künstlerinnen und Künstler des Surrealismus: Salvador Dalí, André Breton, Max Ernst, Roberto Matta, Yves Tanguy und Dorothea Tanning. Auch die aus den USA stammende Fotografin Lee Miller gehörte zu seinen Künstler-Freunden. In einer außergewöhnlichen Porträtaufnahme des Dreißigjährigen (National Galleries of Scottland) lässt sie ihn mit einem seiner Objekte verwachsen. Max Ernsts Collage-Roman „La Famme 100 têtes“ (1929) inspirierte Cornell wohl zu seinen ersten Papier-Collagen, die er 1932 dem Galeristen Julien Levy präsentierte.6 Die größte stilistische und technische Nähe findet sich zu Werken von Max Ernst, René Magritte, den er auch zitierte, Man Ray und Marcel Duchamp.

 

Kein Surrealist, nicht einmal ein Künstler!

Wenn Joseph Cornell gerne als Surrealist bezeichnet wird, und er viele seiner Anregungen auch den Pariser Vorbildern verdankte, so wollte er sich selbst nicht so verstanden wissen. Als „Macher von Dingen“, der in einer „Art von Sonntagsgeist“ arbeitete,7 und zweifellos nicht als Künstler - so sah sich Cornell selbst. Mit den Surrealisten verband ihn jedoch sein Interesse an der Improvisation, am Collagieren und am Sublimen. Darüber hinaus spielt die Verbindung von Wort und Bild in Cornells Werk ebenfalls eine wichtige Rolle. So wichtige Aspekte der surrealistischen Kunst wie Unbewusstes, Sexualität und Erotik finden sich in Cornells Werk nicht explizit. Sie sind in höchst sublimierter Weise in seinen romantischen Ballett-Fantasien versteckt. An die Stelle des Unheimlichen und Traumatischen tritt der Aspekt der Nostalgie.

Cornell sammelte riesige Mengen an Materialien und Informationen im Keller seines Hauses, die er dann in Ordnern, Portfolios oder Alben sortierte, um sie ständig zu ergänzen und zu verfeinern. Er nutzte seine Quellen sowohl als Arbeitsmaterial als auch als Inspiration für verschiedene Kreationen - von Schaukästen und Collagen zu Layout Entwürfen für Magazinen und Ankündigungen für sein Ausstellungen.8 Sammeln und Lesen gehörten für ihn zum kreativen Prozess.9 Vor allem in den 1930er-Jahren beschäftigte er sich noch stark mit den Surrealisten, doch 1940 löste sich der Ballettliebhaber von den vorbildhaften Franzosen. Die märchenhafte Welt der Ballerinen und Schauspielerinnen, aber auch die Natur wurden zu seinen wichtigsten Referenzen. Im selben Jahr kündigte er seinen Job und widmete sich gänzlich der Kunst.10

 

Experimentalfilmer und Raster-Minimalist

Auch in seinen 16 Millimeter-Filmen ging Joseph Cornell nicht den Weg des Surrealismus. Er arbeitete mit jungen Kameramännern zusammen, die ihm Filmmaterial von seinem geliebten New York aufnahmen, oder arbeitete mit gefundenem Material („found footage“). Als Sammler von seltenem Filmmaterial kannte Cornell die Geschichte des Films gut, sah seine eigenen Experimentalfilme aber nicht als ernstzunehmende Werke an. Da der zurückhaltende Künstler auch in Austausch mit der jungen Generation rund um Robert Motherwell, Jackson Pollock, Mark RothkoBarnett Newman stand, hatte er enormen Einfluss auf die folgende Generation wie Robert Rauschenberg oder auch Andy WarholJames Rosenquist, Robert Indiana und Yayoi Kusama.

Ab den 1950er Jahren ging Cornell in einigen Arbeiten über die erzählerischen Konzeptionen seiner Schaukästen hinaus. In den so genannten „Dovecotes“, „Taubenschlägen“, nahm er Strategien des Minimalismus vorweg. Es handelt sich um eine Serie von weißen Boxen, in denen er einerseits die architektonische Form von Taubenschlägen verarbeitete und andererseits auf das Motiv der Wiederholung aufbaute. Auf der Basis dieses Rasters fügte er bewegliche Kugeln als Stellvertreter für die Tauben ein und abstrahierte so vom Naturvorbild. Aus den Wunsch- und Traumbildern der frühen Schaukästen wurden post-surrealistische Assemblagen, die über die Ästhetik des Readymade bereits hinausführten. In den 1960er Jahren lebte die künstlerische Strategie des Ansammelns und Verdichtens in den Vitrinen von Joseph Beuys sowie den Objekten und Displays der Fluxus-Künstler weiter. Es ist erstaunlich, wie viele junge Künstler Joseph Cornell in den 1950er und 1960er Jahren mit seinen „shadow boxes“ erreichte: von Robert Rauschenberg bis Andy Warhol, Donald Judd bis George Brecht und Robert Watts. Harmonie, Schönheit, Perfektion, Zeitlosigkeit aber auch Nostalgie, Lyrik, Transzendenz - all diese Begriffe finden sich gehäuft in Publikationen über Cornell. Sie lassen seine Kunst, die während des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Jahre von Wirtschaftswachstum, Modernität und Kaltem Krieg entstanden sind, wie Zeitkapseln einer unbestimmten Vergangenheit erscheinen.

 

Zusammenfassung

Zu den Lieblingsthemen von Joseph Cornell zählten klassisches Ballett mit seinen bewunderungswürdigen Ballerinen, Kunst (vor allem Renaissance-Malerei), Kindheit, Apothekenschränke, Naturgeschichte, Kartografie und Sternenkunde. Der Künstler, der selten seine Geburtsstadt New York verließ, hat sich in seinen Boxen imaginäre Reisen und romantische Bühnen erträumt. Die von Kurator Jasper Sharp chronologisch aufgebaute Retrospektive beginnt mit einfachen Papier-Collagen in der Nachfolge von Max Ernst. Doch schon für seine erste Ausstellung hatte Cornell ein dreidimensionales Objekt, geschützt von einem Glassturz, konzipiert. Traumhafte Miniaturwelten entwickeln sich ab 1933 in geschlossenen Schaukästen. Sie bestehen aus Fotografien, Illustrationen aus Büchern und Reiseführern, Reproduktionen von Kunstwerken, Spiegeln, kleinen Glasflaschen, Sand, Perlen, Tonpfeifen, Kugeln und Quadern aus Holz, Zeitungsausschnitte, Notizen, Pigmente, Federn, Muscheln, Mineralien und andere Ephemera.

Dass Joseph Cornell Künstler werden würde, war ihm weder in die Wiege gelegt noch kündigte sich sein Talent frühzeitig an. Er begann sich erst mit etwa 27 Jahren mit Kunst zu beschäftigen. Schon 1932 wurde er von der wichtigen Surrealisten-Galerie Julien Levys zu einer ersten Ausstellungsbeteiligung eingeladen, und ab dem Jahr 1940 konnte er sich ganz seinen Objekten widmen. Als Cornell am 29. Dezember 1972 im Alter von 69 Jahren starb, war er zwar von den renommiertesten Galerien des Landes vertreten worden und dennoch nur wenigen, vor allem Künstlern, bekannt. Erst die Retrospektive im Museum of Modern Art zum Jahreswechsel 1980/81 stellte Joseph Cornell einem größeren Publikum vor. Seither sind die Einzelausstellungen in den USA zahlreich, in Europa gehört Cornell jedoch noch immer zu den noch zu entdeckenden Größen der Assemblage Kunst.

 

Biografie von Joseph Cornell (1903–1972)

Am 24. Dezember 1903 wurde Joseph I. Cornell als Sohn des Stoffhändlers und -designers Joseph I. Cornell und dessen Frau Helen Ten Broeck Storms in Nyack geboren.
1905 Geburt der Schwester Elizabeth
1906 Geburt der Schwester Helen
1910 Geburt des Bruders Robert.
1911 Bei Robert wurde neuronale Kinderlähmung diagnostiziert. Die Familie übersiedelte in ein Haus am 137 South Broadway.
1912 Josephs Vater erkrankte an Leukämie.
1917 Tod des Vaters (29.4.), wodurch die Familie sich in einer schwierigen finanziellen Lage befand. Im Herbst schrieb sich Cornell in der Philips Academy, Andover (Mass.), für ein naturwissenschaftliches Studium ein. Er belegte aber auch Französisch, Spanisch und Latein.
1918 Übersiedlung nach Douglaston, Queens, New York.
1919 Im Herbst Übersiedlung nach Bayside, Queens.
1921 Vor dem Abschluss verließ Cornell die Philips Academy, um seiner Familie finanziell unter die Arme zu greifen. Er arbeitete für die William Whitman Company, Inc., einem Textilhändler aus Boston. Cornell begann Lower Manhattan nach alten Büchern, Fotografien, Aufzeichnungen, Kupferstichen und anderen Ephemera abzusuchen. Er besuchte Oper-, Theater- und Ballettabende und interessierte sich für Film.
1926 Im Januar besuchte Cornell die Gedächtnis-Ausstellung des Sammlers moderner Kunst John Quill im Art Center, New York. Dort konnte er sehen: Georges Seurats „Le Cirque“ (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus), Henri Rousseaus „Schlafende Zigeunerin“ (→ Henri Rousseau), Pablo Picassos „Mutter und Kind am Strand“ und André Derains „Fenster zum Park“. Cornell begann Artikel über Kunst, Musik, Literatur und Philosophie aus Zeitungen auszuschneiden und sie zu sammeln. Besuchte das New York Debut des spanischen Opernstars Raquel Meller. Über sie legte er ein erstes Dossier an. Im September wurde Joseph Cornell Mitglied der First Church of Christ, Scientist.
1929 Die Mutter von Joseph Cornell erwarb ein Haus in Utopia Parkway 3708, in dem der Künstler bis zu seinem Tod lebte. Hochzeit seiner Schwester Helen (Juni).
1931 Anfang des Jahres verlor Joseph Cornell seine Arbeit wegen der Depression. Er begann eine Serie von Teilzeitjobs anzunehmen, um seine Mutter und seinen Bruder zu unterstützen. Hochzeit seiner Schwester Elizabeth (August). Cornell stellte seine Werke dem Galeristen Julien Levy vor, der daraufhin Cornell in seine Galerie mit Schwerpunkt Surrealismus aufnahm. Die Arbeiten bestehen aus originalen und reproduzierten Kupferstichen und Holzschnitten, Jahrhundertewende-Büchern und ähneln jenen von Max Ernst (vgl. „Die Frau mit den 100 Köpfen“). Cornell blieb der Galerie bis zu deren Schließung im April 1949 verbunden.
1932 Teilnahme an der Gruppenausstellung „Surréalisme“ mit Werken von de Chirico, Dalí, Ernst, Masson, Miró, Picasso und Pierre Roy. Cornell gestaltete auch die Ankündigung. Erste Einzelschau bei Levy: „Objects by Joseph Cornell: Minutiae, Golass Bells, Shadow Boxes, Coups d’Oil, Joouets, Surréalistes“ (26.11.-30.12.) wurden im Hinterzimmer gezeigt.
1933 Cornell sah die Filmvorführung von „L’Age d’Or“ und „Un Chien andalou“ von Bruñuel und Dalí in der New York Film Society. Cornell schrieb ein Filmszenario mit dem Titel „Monsieur Phot“, das er über Jahre in 20 handgeschriebenen Kopien an Freunde verteilte. Die Fassung Nr. 12 ging an mit Widmung Marcel Duchamp (Januar 1934). Am 9. November schickte Cornell eine Fotografie seiner „bell jar objects“ an André Breton nach Paris, Widmung: „A André Breton En Hommage Joseph Cornell November 9, 1933“. In der von Marcel Duchamp arrangierten Brancusi-Ausstellung in der Brummer Gallery trafen sich Cornell und Duchamp zum ersten Mal. Teilnahme an einer Gruppenausstellung in der Julien Levy Gallery.
1934 Cornell begann Fotografien und Ephemera zu kaufen, die er später in „The Crystal Cage (Portrait of Berenice)“ (um 1934-1967) einarbeitete. Duchamp lud Cornell zur „International Exhibition of Modern Art“ im Brooklyn Museum ein. Im Herbst fand Cornell eine Anstellung als Textilentwerfer bei Traphagen Commercial Textile Studio, New York, wo er bis 1940 blieb. In der Freizeit Besuch der New York Public Library in der 42nd Street und der Fifth Avenue bzw. von Proben des American Ballet.
1935 Erste Teilnahme an einer musealen Gruppenausstellung (29.1.-19.2.) mit dem Titel „American Painting and Sculpture of the 18th, 19th & 20th Centuries“ im Wadsworth Atheneum.
1936 Im Herbst publizierte Levy das Buch „Surrealism“ mit einem Cover-Design von Cornell. Das Buch enthält eine Transkription von „Monsieur Phot“. Im Dezember zeigte Levy eine Film Matinee mit einer Auswahl aus Cornells Filmsammlung sowie seinen ersten Film „Rose Hobart“. Dalí, der die Aufführung besuchte, beschuldigte Cornell, ihm seine Idee für einen Spezialeffekt gestohlen zu haben. Teilnahme an der Schau „Fantastic Art, Dada, Surrealism“, die Alfred H. Barr im The Museum of Modern Art, NY, organisierte. Cornell ist mit zwei Boxen sowie zehn kleinen „bell jar objects“ vertreten. Er verkaufte „Untiteled (Soap Bubble Set)“ (1936) an das Wadsworth Atheneum und damit eine erste Box an ein Museum.
1937 Begann selbständig für Kundenpublikationen zu arbeiten und dafür seine Fotografien und Ephemera zu verwenden Im Februar wurden zwei unbetitelte Montagen von Cornell in Harper’s Bazaar veröffentlicht. Im Winter reproduzierte Minotaure „Glass Bell“(um 1932).
1938 In der von André Breton und Paul Eluard organisierten Ausstellung „Exposition Internationale du Surréalisme“ ist Cornell mit einem Objekt vertreten, das auch im Galerie-Katalog „Dictionnaire Abrégé du Surréallisme“ abgebildet ist. Im Sommer begann Cornell mit einer Serie von Fotografien und Installationen, für die er eine viktorianische Puppe einer Cousine verendete. Eine Aufnahme mit „Bébé Marie“ wurde in Harper’s Bazaar veröffentlicht.
1939 Cornell freundete sich mit Charles Henri Ford, den russischen Maler Pavel Tchelitchew und den Kritiker Parker Tyler an, die seine Arbeit unterstützten. Er besuchte die New Yorker Weltausstellung in Flushing Meadows, Queens. Er ist beeindruckt von Dalís Unterwasserfantasie, dem Pavillon „Dream of Venus“, und vom Pavillon mit den Meisterwerken, wo er Dosso Dossis „Circe und ihre Liebhaber“ (um 1525) sah. Cornell kaufte einige holländische Tonpfeifen, die er später in seinem „Soap Bubble Set“ und ihre Varianten verarbeitete.
1940 Einzelausstellung in der Julien Levy Gallery (10.-26.12.). Cornell begann selbständig Design und Kunstwerke für Mademoiselle, House and Garden, Vogue, Good Housekeeping und Harper’s Bazaar anzufertigen, was er bis in die 1950er-Jahre fortsetzte.
1941 Anfang des Jahres kündigte er bei Traphagen, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er nutzte den Keller des Hauses als Atelier. Von 1941 bis 1947 arbeitete er freiberuflich für das View Magazin.
1942 Cornell traf Matta, Robert Motherwell, Max Ernst. Für Dance Index gestaltete Cornell die ersten drei Cover. Mit Windham, dem Herausgeber, verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Peggy Guggenheim erwarb drei Werke von Cornell. Am 31. Juli war Duchamp zu Gast bei Joseph Cornell und dessen Bruder Robert. Am 20. Oktober eröffnete Guggenheims Galerie Art of This Century, in der auch Cornell vertreten ist. Er wurde bis 1947 von der Galerie vertreten. Im Dezember präsentierte Guggenheim eine Ausstellung von Cornell, Duchamps und Laurence Vail.
1943 Traf den Autor von „Der kleine Prinz“ Antoine de Saint-Exupèry. Der Kunsthändler Pierre Matisse erwarb eine unbetitelte Apotheken-Box von Cornell, die nach seiner Scheidung bei dessen Ex-Frau Alexina „Teeny“ Sattler blieb. Sie heiratete 1954 Marcel Duchamp. Anfang des Jahres begann er eine Korrespondenz mit Marianne Moore, die er um ein Guggenheim Stipendium bat. Obwohl sie sich für ihn einsetzte, bekam er es nicht. Ausstellungen bei Peggy Guggenheim und Julien Levy.
1944 Cornell ist in Sidney Janis „Abstract & Surrealist Art in America“, Katalog und Ausstellung, vertreten. Zwischen Frühling und Winter arbeitete er in einem Gartencenter, seine Liebe zur Natur verarbeitete er in „GC44“.
1945 Für das Museum of Modern Art, New York, entwarf Cornell eine Weihnachtskarte auf der Basis eines astronomischen Kupferstichs aus dem 19. Jh. Arbeiten für Dance Index (Mai, Juni und September, Oktober Covers, Illustrationen, Filmszenario).
1946 Ausstellung im Park Lane Hotel in der Park Avenue sowie der Hugo Gallery, Arbeit für Dance Index.
1948 Von Ernst Beadle im Central Park fotografiert. Erste retrospektive Ausstellung in der Copley Galleries, Beverly Hills, California mit 42 Arbeiten aus den 1930er und 1940er-Jahren.
1949 Ausstellungen in der Hugo Gallery und der Egan Gallery, lernte den Fotografen Rudy Burckhardt über Robert Motherwell kennen.
1950 Ausstellungen im Central Children’s Room der New York Public Library (Juni-Nov.) und der Egan Gallery (Dez.-Jan. 1951)
1951 Cornell und sein Bruder Robert besuchten ihre Schwester Elizabeth auf ihrer Hühnerfarm in Westhampton, Long Island.
1952 Cornell war Gründungsmitglied der First Church of Christ, Scientist, in Bayside.
1953 Ausstellungen in der Egan Gallery, erste Einzelausstellung im Walker Art Center Minneapolis und Teilnahme an der Jahresausstellung im Whitney Museum of American Art. James Thrall Soby schenkte Cornells „Taglioni’s Jewel Casket“ (1940) dem Museum of Modern Art, New York.
1954 Ausstellung in Eleanor Ward’s Stable Gallery (Jan.-Feb.) und Entwurf der Weihnachtskarte für das Museum of Modern Art.
1955 Drehte zwei Filme, Stan Brakhage ist der Kameramann; Ausstellung in der Stable Gallery.
1956 Ausstellung in der One-Wall Gallery, Wittenborn Bookstore, New York.
1957 Drehte zwei Filme mit Burckhardt als Kameramann, erhielt den Kohnstamm Prize von 250.- Dollar. Teilnahme an einer Ausstellung in Eleanor Ward’s Stable Gallery (Mai-Juni) sowie Einzelausstellung (Dez.) und Entwurf der Weihnachtskarte für das Museum of Modern Art.
1958 Cornell beschäftigte Assistenten, um sein Werk sowie sein Lager zu ordnen. Sie halfen ihm auch, seine Boxen zu bauen. Teilnahme an der Ausstellung „The Disquieting Muse: Surrealism“ im Contemporary Arts Museum, Houston, Texas. Ende des Jahres neuer Film.
1959 Nachdem er Cornells Werke bei Duchamp gesehen hatte, kontaktierte Marcel Jean den Künstler für die Publikation „Histoire de la peinture surréaliste“ (Paris). Am 2. März besuchten Cornell und Duchamp gemeinsam die Eröffnung der René Magritte Ausstellung bei Alexandr Iolas Gallery. Ausstellung bei Bennington College, erhielt den mit 1.500 Dollar dotierten Ada S. Garrett Preis.
1960 Teilnahme an der „Surrealist Intrusion in the Enchanter’s Domain“ in D’Arcy Galleries, New York.
1961 Teilnahme an der „The Art of Assemblage“ im Museum of Modern Art, organisiert von William Seitz.
1962 Ausstellung in der Ferus Gallery, Los Angeles.
1963 Charles Henri Ford besuchte gemeinsam mit Robert Indiana, James Rosenquist und Andy Warhol Cornell in dessen Haus. Im Dezember Einzelausstellung im Loeb Student Center der New York University.
1964 Joyce Hunter und zwei Freunde wurden wegen Diebstahls von neun Boxen von Cornell verhaftet. Cornell weigerte sich, sie gerichtlich verfolgen zu lassen. Im Dezember wurde Joyce Hunter erstochen in New York gefunden. Joseph Cornell begann, autobiografische Bilder in seine Collagen aufzunehmen.
1965 Robert und die Mutter übersiedelten in das Haus von Elizabeth in Westhampton. Tod von Robert (26.2.).
1966 Cornell arrangierte die Ausstellung „Robert Cornell: Memorial Exhibition, Drawings by Robert Cornell, Collages by Joseph Cornell, Related Varia“ in der Robert Schoelkopf Gallery, New York (4.-29.1.). Ausstellungen in der Allan Stone Gallery (Februar bis März), im Allen Memorial Art Museum, Ohio (März-Frühherbst). Tod der Mutter (19.10.). Am 27.12. eröffnete Cornells erste Retrospektive im Pasadena Art Museum in Kalifornien, organisiert von Walter Hopps (27.12.1966-11.2.1967).
1967 Zweite große Museumsretrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum, New York (4.5.-25.6.). Sidney Janis Gallery zeigt eine Box neben Arbeiten von Warhol, Oldenburg und Rosenquist.
1968 Ist mit sieben Arbeiten aus der Ausstellung „Dada, Surrealismus und ihr Erbe“ im MoMA vertreten (27.3.-9.6.). Erhielt den Creative Arts Award der Brandeis University.
1969 In einer Gruppenausstellung im Metropolitan Museum of Art vertreten.
1970 Einzelausstellung im Metropolitan Museum of Art.
1971 Erste Einzelausstellung in Europa in der Galleria Galatea in Turin (15.10.-13.11.)
1972 „A Joseph Cornell Exhibition for Children“ in der Galerie der Cooper Union. Einzelausstellung in der Albright-Knox Art Gallery, Buffalo. Im Juni Prostata Operation. Am 29. Dezember 1972, fünf Tage nach seinem 69. Geburtstag, starb Joseph Cornell vermutlich an einem Herzinfarkt. Am 8. Januar 1973 wurde er am Oak Hill Cementery, Nyack, New York beerdigt. Im Dezember organisierte das Smithsonian American Art Museum eine Gedächtnisausstellung. Seine Schwester Betty schenkte dem Institut zwischen 1974 und 1989 eine Auswahl von den gesammelten Papieren.

  1. Walter Hopps, in: Towards the Blue Peninsula (for Emily Dickinson), in: Joseph Cornell: Shadowplay - Eterniday, Washington 2003, S. 208.
  2. Siehe u. a. „Die Unsterblichkeit der Seele“, „Heimkunft“, „Die Eichenbäume“.
  3. Ann Temkin, Habitat for a Dossier, in: Joseph Cornell / Marcel Duchamp …In Resonance (Ausst.-Kat. Philadelphia Museum of Art 8.10.1998-3.1.1999; The Menil Collection, Houston 22.1.-16.5.1999), Ostfieldern 1998, S. 78-93, hier S. 84.
  4. Zitiert nach ebenda, Ann Temkin, Habitat for a Dossier, in: Joseph Cornell / Marcel Duchamp …in resonance (Ausst.-Kat. Philadelphia Museum of Art 8.10.1998-3.1.1999; The Menil Collection, Houston 22.1.-16.5.1999), Ostfieldern 1998, S. 78-93, hier S. 91.
  5. Das „Duchamp Dossier“ befindet sich im Philadelphia Museum of Art und ist in der Ausstellung nicht zu sehen.
  6. Diane Waldman, Joseph Cornell. Master of Dreams, New York 2002, S. 20.
  7. Lynda Roscoe Hartigan, When Does an Artist Become an Artist?, in: Joseph Cornell: Navigating the Imagination (Ausst.-Kat. Smithsonian American Art Museum 17.11.2006-19.2.2007; Peabody Essex Museum 28.4.-19.8.2007), New Haven 2006, S. 14-91, hier besonders S. 54-55.
  8. Dieses Quellenmaterial wurde von Cornells Schwester Elizabeth Benton dem Smithsonian American Art Museum, Joseph Cornell Study Center geschenkt und kann seit 2009 online eingesehen werden: Joseph Cornell Papers (letzter Aufruf 26.6.2015).
  9. Sarah Lea, Joseph Cornell. Wanderlust, in: Sarah Lea, Sabine Haag, Jasper Sharp (Hg.), Joseph Cornell - Fernweh (Ausst.-Kat. Royal Academy of Arts, London 4.7.-27.9.2015; Kunsthistorisches Museum, Wien 20.10.2015-10.1.2016), London 20, S. 18-39, hier S. 27.
  10. Lynda Roscoe Hartigan, When Does an Artist Become an Artist?, in: Joseph Cornell: Navigating the Imagination (Ausst.-Kat. Smithsonian American Art Museum 17.11.2006-19.2.2007; Peabody Essex Museum 28.4.-19.8.2007), New Haven 2006, S. 14-91, hier besonders S. 80-87.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.