Roberto Matta

Wer war Roberto Matta?

Roberto Matta, eigentlich Roberto Antonio Sebastián Matta Echaurren (Santiago de Chile 11.11.1911/1912– 23. November 2002 in Civitavecchia, Italien), war ein chilenischer Architekt, Bildhauer und Maler des Surrealismus. Von 1937 bis 1947 und erneut ab 1957 gehörte er der Gruppe rund um André Breton an.

„Ich denke, dass die Rolle des Malers nicht darin besteht, nach der anderen Realität zu suchen, sondern nach der wirklichen Realität. Mit dem mentalen Auge, das eine poetische Geste erzeugt, kann die Wahrheit rekonstruiert werden.“1 (Roberto Matta)

Roberto Matta ist der Vater der Künstler Gordon Matta-Clark und Ramuntcho Matta.

Kindheit und Ausbildung

Roberto Antonio Sebastián Matta Echaurren wurde am 11. November 1911 oder 1912 in Santiago de Chile als Sohn spanisch-französischer Eltern geboren.2 Er wuchs in einer prominenten römisch-katholischen Familie spanischer und französisch-baskischer Herkunft auf.

Matta studierte Architektur und Innenarchitektur am Colegio del Sagrado Corazón wie auch der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago und schloss sein Studium 1933 ab. Im Frühjahr 1933 reiste er von Peru nach Panama und fertigte surreale Zeichnungen vieler der geografischen Merkmale an, die er sah.

Nach seinem Abschluss lernte er Europa zum ersten Mal kennen, als er in der Handelsmarine diente. 1933 kam er auf Wunsch seines Vaters ins Büro von Le Corbusier in Paris, wo er eine Stelle als Zeichner in Paris annahm, die er bis 1937 innehatte. Roberto Matta verfolgte jedoch keine Architektenlaufbahn und teilte sich ein Haus mit einem chilenischen Landsmann, dem Schriftsteller Pablo Neruda. Nachdem er Picasso kennengelernt hatte, während dieser an „Guernica“ arbeitete (ausgestellt im spanischen Pavillon der Pariser „Internationalen Weltausstellung 1937“, wo Le Corbusier den „Pavillon der Neuen Zeiten“ entwarf), lag Mattas Zukunft in der Malerei.

Roberto Matta und der Surrealismus

Auf zahlreichen Reisen sucht er die Begegnung mit anderen Künstlern. Während dieser Zeit lernte Matta bei Familienbesuchen in Spanien und Portugal die Dichter kennen Federico García Lorca, Gabriela Mistral und Rafael Alberti kennen. Über die Vermittlung von Garcia Lorca begegnete Matta Salvador Dalí.

Im Jahr 1937 schickte Salvador Dalí auf Anregung von Federico García Lorca einen Brief an André Breton, in dem er seinen Freund Roberto Sebastián Antonio Matta Echaurren vorstellte. Dieser erklärte ihn 1937 ungefragt zum Surrealisten, nachdem er Mattas fantastische Architekturzeichnungen gesehen hatte. Breton nahm Matta in seine surrealistische Ausstellung von 1938 auf und seine ersten Gemälde wurden in der Zeitschrift Minotaure veröffentlicht und kommentiert. Unter Bretons intellektueller Schirmherrschaft entwickelte sich der junge Matta sehr bald zu einem prominenten Mitglied der surrealistischen Gruppe.

Matta schrieb zunächst Beiträge über Architektur für die surrealistische Revue „Minotaure“, dann ging er erneut auf Reisen. In London schloss er Bekanntschaft mit dem Bildhauer Henry Moore und dem Künstler Roland Penrose, in Skandinavien mit dem Architekten Alvar Aalto, aber auch mit Walter Gropius. Es folgte eine Reise nach Russland.

Werke

Im Jahr 1938 begann Matta zu malen und experimentierte zusammen mit Yves Tanguy und Gordon Onslow-Ford Roberto Matta mit dem automatischen Schreiben. Noch im gleichen Jahr schuf Matta seine ersten Gemälde, „Inscapes“ oder „Psychologische Morphologien“ genannt, die sich durch leuchtende Farben und die Verschmelzung von architektonischem Raum und biomorphen Formen auszeichnen. Mit ihnen nahm er an der großen Ausstellung „Exposition Internationale du Surréalisme“ in Paris teil.

Heute ist Roberto Matta vor allem für die Entwicklung der von ihm „technique des morphologies psychologiques [Technik der psychologischen Morphologien]“ genannten Maltechnik bekannt, die eine Umsetzung der von den Surrealist:innen verteidigten literarischen Technik der Écriture automatique [automatische Schreibweise] in die Bildende Kunst ist. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Maler zunächst Farbe mit einem Schwamm über die Leinwand aufträgt und verteilt, erst danach bearbeitete Matta seine Leinwände mit dem Pinsel. Mattas Bilder stellen immer eine Art „innerer Landschaft“, die Matta „inscape“ nannte, dar. Während seine Gemälde manchmal ungegenständlich waren, stellte Matta oft aus dem Unbewussten heraufbeschworene Landschaften dar, die kosmischen Orten ähneln, wie sie in der Science-Fiction populär gemacht wurden. Einen Fluchtpunkt sucht man in Mattas malerischen Kosmen vergeblich. Transzendenz, Mystik und auch der für den Surrealismus so wichtige Automatismus sind Mattas stete Begleiter.

Matta entwickelte eine Technik, bei der er mithilfe von Lappen, Schwämmen und Pinseln Pigmentschichten aufbaute, die er an verschiedenen Stellen abrieb und so neue Formen freilegte. Die durch diesen Prozess hervorgerufene physische Transformation spielte auf die für seine Kunst grundlegenden Konzepte von Veränderung und Metamorphose an.

New York (1939–1948)

Im Jahr 1939 überredete Marcel Duchamp Matta, nach Amerika auszuwandern, wo er sich der Gruppe surrealistischer Künstler wie Max Ernst, Yves Tanguy und André Masson anschloss , die während des Zweiten Weltkriegs zusammen mit Breton Zuflucht in New York fanden. In New York City verzeichnete er als Maler große Erfolge. Bereits sechs Monate nach seiner Ankunft zeigte Matta seine Arbeiten in der Galerie des Kunsthändlers Julien Levy (1940), der die Interessen der Surrealist:innen in New York vertrat.

Im Jahr 1942 wurde Matta in die von der Galerie Pierre Matisse organisierte Ausstellung von Künstlern im Exil aufgenommen und ist auf dem berühmten Foto abgebildet, das das Ereignis zusammen mit Breton, Ernst, Masson, Tanguy, Eugene Berman, Marc Chagall, Fernand Léger, Jacques Lipchitz verewigt. Piet Mondrian, Amédée Ozenfant, Kurt Seligmann, Pavel Tchelitchew und Ossip Zadkine.

Während seiner Jahre in New York knüpfte Matta eine noch größere Komplizenschaft mit Breton und Duchamp, mit denen er die Idee der „Les Grands Transparents“ teilte, unsichtbarer Wesenheiten, die den Menschen umgeben. Breton bezog sich in seinen Schriften auf diese Wesenheiten und der chilenische Maler gab ihnen in seinen apokalyptischen Schauplätzen eine visuelle Form. Wie viele Künstler dieser Zeit drückte Matta seine Besorgnis über den Zustand der Welt aus, die durch den Zweiten Weltkrieg verwüstet wurde. Seine Gemälde und Zeichnungen aus der Mitte bis Ende der 1940er Jahre (genannt „soziale Morphologien“) thematisieren die gesellschaftliche Krise, in der er sich zu befinden fühlte.

„Was Mattas Kunst so reichhaltig macht, ist, dass er seit seinen frühesten Werken über eine völlig neue Farblinie verfügte, vielleicht die einzige, zumindest die faszinierendste seit Matisse. Diese Reihe, deren Abstufung auf einer bestimmten Rose basiert, die sich bereits verwandelt, bereits berühmt ist, und die Matta entdeckt zu haben scheint („die Überraschung, wie ich gehört habe, wird wie ein rubinroter Fluorit in ultraviolettes Licht explodieren“), ist einem komplexen Prisma entsprechend organisiert.“3 (André Breton, 1944)

Mattas Betonung der Macht der Gewalt führte dazu, dass er als eine der einflussreichsten Figuren des Spätsurrealismus gefeiert wurde, und in den frühen 1940er Jahren wurde sein Atelier im Stadtteil Greenwich (New York) zum Zentrum einer Debatte, in der viele über die Zukunft sprachen Beteiligt waren abstrakte Expressionisten wie Robert Motherwell, William Baziotes, Arshile Gorky und Jackson Pollock.

Während er in der Stadt lebte, erforschte Matta weiterhin die automatische Malerei gemeinsam mit Künstlern wie William Baziotes, Arshile Gorky und Robert Motherwell. In New York wurde Matta vor allem für die spätere New York School of Painting zur Gallionsfigur, im Unterschied zu den Vertretern des Abstrakten Expressionismus verlässt er für seine Kunst jedoch nie die Gegenständlichkeit. Mitte der 1940er Jahre besuchte Matta regelmäßig Marcel Duchamp; Matta zog sich größtenteils von der New Yorker Kunstszene zurück, da er anthropomorphe Figurationen statt reiner Abstraktion bevorzugte. Marcel Duchamp streute dem frühen Mentor des Abstrakten Expressionismus und des Surrealismus 1946 Rosen, wenn er festhielt:

„Sein erster und wichtiger Beitrag zur surrealistischen Malerei war die Entdeckung von Raumregionen, die im Bereich der Kunst bisher unerforscht waren.“4 (Marcel Duchamp, 1946)

Während seiner Jahre in den Vereinigten Staaten zeigte er seine Arbeiten auch in der Pierre Matisse Gallery und bei Peggy Guggenheims „Art of This Century“.

Paris

Die Surrealisten schlossen Roberto Matta 1947 aus, ohne ihn darüber zu informieren; erst bei seiner Rückkehr nach Paris im Jahr 1948 musste der Künstler diese „Exmatrikulation“ hinnehmen. Allerdings nahm die Gruppe ihn 1959 wieder in auf.

Matta interessierte sich nun weniger dafür, sein inneres Selbst durch persönliche Symbole darzustellen, sondern beschäftigte sich mehr damit, universelle soziale Erfahrungen durch erkennbare Formen auszudrücken.

Im Jahr 1954 kehrte Roberto Matta erneut nach Paris zurück und 1969 wurde er französischer Staatsbürger.

Italien

Nach einem Aufenthalt in Chile kehrte der Künstler 1948 nach Paris zurück und ließ sich schließlich in Italien nieder. Von 1950 bis 1954 lebte Matta in Rom, wo er zeitweise in Ateliergemeinschaft mit Fabius von Gugel (1910–2000) arbeitete.

Ab den 1960er Jahren wohnte er in Tarquinia im Latium. In den 1960er und 1970er Jahren engagierte sich Matta in der lateinamerikanischen Politik und unterstützte die kubanischen Revolutionäre sowie die regierungsnahen Wandmaler um den chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Er malte und stellte in seinen späteren Jahren weiterhin aus, während er zwischen London, Mailand, Paris und Tarquinia, Italien, lebte.

Roberto Matta arbeitete in den 1960er Jahren wiederholt in Kuba mit Studenten zusammen und nahm 1968 am ersten Kulturkongress in Havanna teil. Er engagierte sich auch während der Studentenunruhen des Mai 1968 und nahm vehement zu Pinochets Putsch in Chile 1973 Stellung.

Die Werke Mattas stehen oft in starkem Bezug zu den jeweils aktuellen Geschehnissen und spiegeln sein politisches Engagement wider. Er behandelte beispielsweise den Prozess von Ethel und Julius Rosenberg („Les roses sont belles“), die Anwendung der Folter im Algerienkrieg („La Question“) oder die Hinrichtung des Kommunisten Julián Grimau in Spanien („Les puissances du désordre“). Fluidität und Grenzsprengung aber auch tagesaktuelle politische Bezüge sind – und das macht Matta nach wie vor zu einem Säulenheiligen zeitgenössischer Kunstproduktion – wesentliche Bedingungen seines künstlerischen Praxis.

Ausstellungen

  • 2006: „Roberto Matta und Gordon Matta-Clark“, San Diego Museum of Art
  • 2001: Museum of Contemporary Art in Los Angeles
  • 1999: Museo nacional centro de arte Reina Sofia, Madrid
  • 1985: Musée national d'art moderne, Centre Georges Pompidou, Paris
  • 1957: Das Museum of Modern Art in New York veranstaltete die erste große Retrospektive von Mattas Werk.
  • 1940: Erste Einzelausstellung Roberto Mattas in der Julien Levy Gallery, New York

Auszeichnungen und Ehrungen

  • 1992: Prinz-von-Asturien-Preis im Bereich Kunst
  • 1981: Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters

Tod

Roberto Matta starb am 23. November 2002 in Civitavecchia, Italien, einige Tage nach der Vollendung seines 91. Lebensjahres.

Beiträge zu Roberto Matta

  1. Zit. n. Gaspar Galaz, El paisaje de Ser en la pintura de Matta, in: Matta: Centenario 11.11.11, Centro Cultural Palacio La Moneda, Santiago 2011, S. 178.
  2. Roberto Matta nutzte selbst den Geburtstag 11.11.1911, obschon die Dokumente seine Geburt im Jahr 1912 überliefern.
  3. André Breton, Preliminaires sur Matta (1944), in: Matta (Ausst.-Kat. Galerie René Drouin), Paris 1947, o.S.
  4. Marcel Duchamp, Matta, Painter (aus: Katalog der Sammlung der Société Anonyme, 1946), in: The Writings of Marcel Duchamp hg. v. Sanouillet und Peterson, New York 1989, S. 154.