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Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung Farbenfrohe Moderne mit südfranzösischem Licht

Pierre Bonnard, Speisezimmer am Land, Detail, 1913, Öl/Lw, 164,5 x 205,7 cm (Minneapolis Institute of Art)

Pierre Bonnard, Speisezimmer am Land, Detail, 1913, Öl/Lw, 164,5 x 205,7 cm (Minneapolis Institute of Art)

Pierre Bonnard (1867–1947), der französische Postimpressionist, wird mit stimmungsvollen Momenten, farbintensiven Landschaften und intimen Interieurs vorgestellt. Nach der Tate Modern, London, und der Ny Carlsberg Glyptothek, Kopenhagen, zeigt das Kunstforum Wien die erste umfassende Retrospektive Bonnards Kunst in Österreich. Die Ausstellung konzentriert sich auf Bonnards reifes Werk, das nach seinem ersten Besuch an der Côte d’Azur, 1909, und der tiefgreifenden Erfahrung des Mittelmeerlichts einsetzt. Bonnard, der bis dahin vornehmlich in Paris und Mittelfrankreich lebte, veränderte daraufhin die Palette. Die nun auftretenden starken leuchtenden Farben charakterisieren seine Gemälde bis in sein Spätwerk.

Farbe im Zentrum

Im Zentrum der Ausstellung steht die Farbe als zentrales Ausdrucks- und Gestaltungsmittel des Künstlers. Nicht nur Stimmungen, sondern auch Räume, ganze Kompositionen, entwickelt und modelliert Bonnard über Farbakkorde und -dissonanzen, über die Gegensätze und das Zusammenspiel warmer und kühlerer Töne. Das raffinierte Mit- und Gegeneinander der Farbwerte ist für Bonnard jedoch nur eines der Mittel, um die Harmonie der Natur in Frage zu stellen. Genauso subtil spielt er mit räumlichen Verunklärungen oder „Fehlern“ in der Personenführung – immer wieder sucht er, wie er es selbst formulierte, eine Überwindung der Natur durch die Kunst.

 

 

Wie zeitgenössisch war Bonnard?

Der geheimnisvolle Künstler – kurz nach seinem Tod um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch als Vertreter einer oberflächlichen Harmonie und „harmloser“ Chronist eines großbürgerlichen Alltags klassifiziert – hat die Gegenständlichkeit abseits der Entwicklung aller Ismen zu Beginn des Jahrhunderts nie in Frage gestellt. Stattdessen hatte er seinen eigenen, letztlich der französischen Klassik verbundenen Stil der „anderen Moderne“ gepflegt. Bonnard inszenierte sich selbst immer wieder als Außenseiter, der sich von Künstlergruppen fernhielt und so auch vom Publikum gesehen wurde.

Heute wird Bonnard neu und im Kontext seiner Zeit verstanden: Freundschaften mit Vuillard oder Henri Matisse, die künstlerische Auseinandersetzung mit seinen Zeitgenossen und nicht zuletzt seine bis dato kaum reflektierten Reaktionen auf das politische Zeitgeschehen rücken Bonnard in einen aktuellen Zusammenhang und zeigen ihn als zeitgemäßen Künstler des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Tate, London und der Ny Carlsberg Glyptothek, Kopenhagen. Unterstützt durch den Bonnard Exhibition Supporters Circle und Tate Members

Kuratorin: Evelyn Benesch mit Matthew Gale (Tate)

Quelle: Pressetext

 

 

Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung: Bilder

  • Pierre Bonnard, Offenes Fenster zur Seine (Vernon) [Fenêtre ouverte sur la Seine (Vernon)], 1911/12, Öl/Lw, 78 x 105,5 cm (Ville de Nice Musée des Beaux-Arts Jules Chéret, Photo Muriel Anssens)
  • Pierre Bonnard, Speisezimmer am Land, 1913, Öl/Lw, 164,5 x 205,7 cm (Minneapolis Institute of Art)
  • Pierre Bonnard, Kaffee [Le Café], 1915, Öl/Lw, 73 x 106,4 cm (Tate)
  • Pierre Bonnard, Der 14. Juli 1918, Öl/Lw, 59,5 x 85,3 cm (Privatsammlung)
  • Pierre Bonnard, Ein Dorf in Ruinen bei Ham [Un Village en ruine près de Ham], 1917, Öl/Lw, 63 x 85 cm (FNAC 5891 Centre national des arts plastiques © Domaine public/CNAP/ photo: Yves Chenot)
  • Pierre Bonnard, Der Garten [Le Jardin], 1936, Öl/Lw, 127 x 100 cm (Musée d'Art moderne de la Ville de Paris/ Roger-Viollet)
  • Pierre Bonnard, Akt im Bad [Nu dans le bain], 1936–1938, Öl/Lw, 93 x 147 cm (Musée d'Art moderne de la Ville de Paris/ Roger-Viollet)
  • Pierre Bonnard, Atelier mit Mimosen, 1939–1946, Öl/Lw, 127,5 x 127,5 cm (Musée National d'Art Moderne - Centre Pompidou, Photo © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais)

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12. September 2017
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Pierre Bonnard (geb. 1867) und Henri Matisse (geb. 1869) lernten einander 1906 anlässlich einer Ausstellung von Bonnard in der Galerie Ambroise Vollard kennen. Wenn auch in diesen Jahren die Bilder von Bonnard und Matisse gänzlich anderen Farbkonzepten folgen, so verband sie doch die Überzeugung, dass Kunst nicht das Gesehene einfach wiedergibt, sondern ein Gefühl spiegelt, das sich beim Betrachten einstellte. Daraus folgt, dass sich ein Maler nicht der Natur, sondern dem Bild unterzuordnen hätte.
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Pierre Bonnard Farbe, Licht, Gefühle und der „Akt im Gegenlicht“ beschäftigten den Postimpressionisten

Pierre Bonnard (1867–1947) gehörte neben Edouard Vuillard, Maurice Denis und Paul Sérusier zur Künstlergruppe „Nabis“ (hebräisch für „die Erleuchteten“), die ab den 1888 den Impressionismus durch eine flächige, dekorative Gestaltung ablöste und so den Jugendstil vorbreitete. Bonnard war zeitlebens kein „Star“ und sein Werk wurde nicht journalistisch oder kunstkritisch „ausgebeutet“.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.