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Düsseldorf Kunstpalast: Das Junge Rheinland „Zu schön, um wahr zu sein“ der Düsseldorfer Kunstszene bis 1933

Gert H. Wollheim, Abschied von Düsseldorf, Detail, 1924, Öl auf Leinwand, 160 × 185 cm (Kunstpalast, Düsseldorf, © Jutta Osterhof / Nachlass des Künstlers, Foto: Kunstpalast - Horst Kolberg – ARTOTHEK)

Gert H. Wollheim, Abschied von Düsseldorf, Detail, 1924, Öl auf Leinwand, 160 × 185 cm (Kunstpalast, Düsseldorf, © Jutta Osterhof / Nachlass des Künstlers, Foto: Kunstpalast - Horst Kolberg – ARTOTHEK)

Am 24. Februar 2019 jährt sich zum 100. Mal die Gründung der Künstlervereinigung „Das Junge Rheinland“. Der Kunstpalast erinnert in einer umfassenden Ausstellung – 120 Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier sowie zahlreiche Dokumente – an diese Gruppierung. Dem „Jungen Rheinland“ gehörten bis 1933 über 400 Künstlerinnen und Künstler an, von denen viele aus Düsseldorf und der näheren Umgebung stammten. Neben der Malerei, Grafik, Bildhauerei, Angewandten Kunst und Architektur waren im „Jungen Rheinland“ auch Dichtung und Schauspielkunst vertreten. Als Mitglied der Künstlervereinigung beschrieb Max Ernst rückblickend den gemeinsamen „Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen“ als „zu schön, um wahr zu sein.“

Was war „Das Junge Rheinland“?

„Das Junge Rheinland“ hatte sich unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in Folge eines Aufrufs des Dichters Herbert Eulenberg (1876–1949), des Malers Arthur Kaufmann (1888–1971) und des Illustrators und Schriftstellers Adolf Uzarski (1885–1970) als ein Sammelbecken für Künstler und Intellektuelle verschiedenster Fachrichtungen formiert. Überregional und international sollte der Künstlerbund „Das Junge Rheinland“ ein Forum für Ausstellungen und Diskussionen bieten. „Sie blieben deshalb bewusst offen in ihrem ästhetischen Programm. Nur der jugendliche Elan der Beteiligten sollte zählen“, betonen die Ausstellungskuratoren Kay Heymer und Daniel Cremer. „Insbesondere die Anfangsjahre von 1919 bis 1922 waren von großem Enthusiasmus und einer besonderen Aufbruchsstimmung getragen.“

 

 

Das Spektrum der Mitwirkenden spiegelte von Beginn an eine große stilistische Vielfalt an progressiven und konservativen Stilrichtungen wider. Dem Publikum wurden in den Ausstellungen des „Jungen Rheinland“ Werke von rheinischen Expressionisten wie Walter Ophey sowie von Vertretern der ausklingenden Düsseldorfer Malerschule wie Fritz Westendorp, aber auch Arbeiten von jungen Künstlern wie Jankel Adler (→ Jankel Adler und die Avantgarde), Ernst Gottschalk oder Otto Pankok sowie von jung verstorbenen Künstlern wie August Macke oder Wilhelm Lehmbruck präsentiert.

 

 

„Das Junge Rheinland“ in Düsseldorf

Die Ausstellung veranschaulicht die Komplexität und Interdisziplinarität dieser heterogenen Künstlervereinigung durch eine Auswahl der im „Jungen Rheinland“ aufscheinenden künstlerischen Positionen. Im ersten Raum trifft der Besucher beim Ausstellungsrundgang auf das berühmte Gruppenporträt Zeitgenossen von Arthur Kaufmann mit einer sich um die legendäre Kunsthändlerin Johanna Ey (1864–1947) sammelnden Künstlerschar. Es folgen Werke, die die von Anfang an im „Jungen Rheinland“ bestehende stilistische Bandbreite vorstellen.

Das Gemälde „Blick auf das Pantheon“ von Franz Westendorp und das „Gurkenstillleben“ von Ernst te Peerdt (1852–1932) stehen beispielhaft für eine Malerei, die von Impressionismus und Akademie geprägt und konservativ ist. Die „Vier Mädchen“ von August Macke und die „Große Felsenlandschaft“ von Walter Ophey repräsentieren den Rheinischen Expressionismus, das Bild „Flucht nach Ägypten“ von Hans Schüz steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Künstlern, die sich zum Teil aufgrund der Erfahrung der Kriegsteilnahme verstärkt religiösen Themen zuwandten.

 

 

Den Kernbereich der Ausstellung bilden Werke von zwölf exemplarisch ausgewählten Protagonisten wie Otto Dix (→ Otto Dix – Der böse Blick), Max Ernst, Wilhelm Kreis, Carl Lauterbach, Heinrich Nauen, Lotte B. Prechner, Karl Schwesig, Adolf Uzarski, Erwin Wendt, Walter von Wecus, Gert H. Wollheim und Marta Worringer. Es handelt sich um Künstlerinnen und Künstler, deren Entwicklung die Schlüsselfragen der Geschichte des „Jungen Rheinland“ beispielhaft veranschaulichen: die traumatische Kriegserfahrung, die entweder zur Politisierung oder zu introvertierter Selbstbesinnung führen konnte, die Konflikte um fortschrittliche und moderate künstlerische Haltungen, die Marginalisierung von Frauen, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Generationen, das Beziehungsgeflecht zwischen Akademie, Museum und freien Künstlern, das Aufkeimen des Faschismus und die unterschiedlichen Reaktionen darauf.

 

 

Auflösung

Die wachsenden Konflikte zwischen avantgardistischer Programmatik, politischem Engagement und dem täglichen Existenzkampf, die das Leben der Kunstschaffenden in der Weimarer Republik prägte, fanden im „Jungen Rheinland“ ihren Ausdruck in öffentlich werdenden Streitigkeiten, in Austritten oder Abspaltungen sowie einer Auflösung mit anschließender Neugründung.

Viele der aktiven Künstlerinnen und Künstler der bis 1933 existierenden Gruppierung Junges Rheinland wurden verfemt, verfolgt und im Extremfall – wie der aufgrund seines politischen Engagements verhaftete Maler Karl Schwesig – gefoltert oder wie die jüdischen Maler Julo Levin und Franz Monjau ermordet. Die Rheinische Sezession, die Nachfolge-Gruppe des „Jungen Rheinland“, wurde 1938 durch die Nationalsozialisten verboten. Die Geschichte des „Jungen Rheinland“ markiert für die Kunststadt Düsseldorf einen wesentlichen Augenblick künstlerischer und intellektueller Freiheit, der die Weimarer Jahre der deutschen Geschichte auch in Düsseldorf bis zu ihrem jähen Ende 1933 strahlen.

 

 

Das „Junge Rheinland“ im Kunstpalast

Für den Aufbau der Sammlung des 1913 gegründeten Kunstpalast hat Karl Koetschau (1868–1949) als damaliger Direktor der Städtischen Kunstsammlungen Düsseldorf zahlreiche Werke aus dem Umfeld des „Jungen Rheinland“ angekauft. Das Ensemble am Ehrenhof mit dem hufeisenförmigen Museumsgebäude, der heutigen Tonhalle, dem NRW-Forum sowie der nahegelegenen Rheinterrasse wurde von dem Architekten Wilhelm Kreis, einem Mitglied der Künstlervereinigung, für die „Große Ausstellung Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei)“ entworfen. Für die künstlerische Ausstattung beauftragte er vor allem Künstler des „Jungen Rheinland“.

Kuratiert von Kay Heymer und Daniel Cremer.
Quelle: Pressetext

 

 

Düsseldorf Kunstpalast. Das Junge Rheinland: Ausstellungskatalog

mit Beiträgen von Daniel Cremer, Kay Heymer, Anne Rodler, Jens-Henning Ullner, Andrea von Hülsen-Esch und Carolin Wurzbach
280 Seiten, über 250 Abbildungen
Wienand Verlag

 

Düsseldorf Kunstpalast. Das Junge Rheinland: ausgestellte Werke

  • August Macke, Vier Mädchen, 1913, Öl auf Leinwand, 105 × 81 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Gert H. Wollheim, Der Aufschrei, 1917, Bleistift auf Papier, 24,3 x 15,8 cm (Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf)
  • Marta Worringer, Stadtpark, um 1920, Seidengarn auf Seide, 79,5 × 61 cm (Museum August Macke Haus, Bonn)
  • Walter von Wecus, Entwurf eines Bühnenbildes zu Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Heuboden. 1920/21, Wachskreide auf Papier auf Pappe, Papiermaß: 25 x 32 cm (Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln)
  • Karl Schwesig, Lulu, 1922, Öl auf Leinwand, 190,5 × 80,5 cm (Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf)
  • Otto Dix, Bildnis Adolf Uzarski, 1923, Öl auf Leinwand, 110 × 76 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Otto Dix, Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey, 1924, Öl auf Leinwand, 140 × 90 cm (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf)
  • Gert H. Wollheim, Abschied von Düsseldorf, 1924, Öl auf Leinwand, 160 × 185 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Arthur Kaufmann, Zeitgenossen, 1925, Öl auf Leinwand, 182 x 245,5 cm (Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf)
  • Heinrich Nauen, Kapuzinerkresse in einer Glasvase, um 1925, Öl auf Leinwand, 80 × 50 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Wilhelm Kreis, Blick in die Ostseite des Vorhofes zum Kunstpalast (Architekt Wilhelm Kreis), Fotografie: Julius Söhn, 1925/1926, aus: Richard Klapheck (Hrsg.): Dokument Deutscher Kunst Düsseldorf 1926, Düsseldorf 1927, S. 74.
  • Max Ernst, Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Eluard und dem Maler, 1926, Öl auf Leinwand, 196 × 130 cm (Museum Ludwig, Köln)
  • Lotte B. Prechner, Epoche, 1928, Öl auf Leinwand, 105 × 85,5 cm (Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.)
  • Erwin Wendt, Hup, 1928, Collage, 50 × 35,1 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Carl Lauterbach, Karneval, 1929, Öl auf Leinwand, 130 × 145 cm (Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf)
  • Karl Schwesig, Selbstbildnis im Karneval, 1930, Öl auf Leinwand, 134 × 114 cm (Kunstpalast, Düsseldorf)
  • Julo Levin, Hiob, 1933/34, Öl auf Leinwand, 103 x 69 cm (Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf)

Aktuelle Ausstellungen

2. Dezember 2019
Sofonisba Anguissola, Porträt von Königin Anne von Österreich, Detail, 1573, Öl/Lw, 86 x 67,5 cm (Madrid, Museo Nacional del Prado)

Madrid | Prado: Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana Renaissance-Malerinnen aus Cremona und Bologna

Sofonisba Anguissola (um 1535–1625) und Lavinia Fontana (1552–1614) sind zwei der herausragendsten Malerinnen der Renaissance. Mit insgesamt 60 Werken präsentiert der Prado erstmals die wichtigsten Gemälde der beiden Spezialistinnen für Porträt und Historienmalerei.
14. November 2019
Max Pechstein, Tänzerin in einer Bar, 1923/31, Detail, Öl auf Leinwand, 90 x 90,5 cm (Privatbesitz © 2019 Pechstein – Hamburg/Tökendorf)

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: Max Pechstein. Tanz! Bühne, Parkett und Manege im Werk Pechsteins

Tanz, Varieté und Zirkusdarstellungen im Werk von Max Pechstein werden erstmals auf ihre stilistische und inhaltliche Funktion untersucht: ausgehend von expressionistischen Tanzdarstellungen, über exotische rituelle Tänze aus Palau, Darstellungen von Gesellschaftstänzen der Goldenen 1920er Jahre, die Pechstein in Berlin erlebte, bis zu den Erinnerungen an Palau in seinem Spätwerk.
12. November 2019
El Greco, Aufnahme Mariens in den Himmel, Detail, 1577–1579, Öl/Lw, 403,2 x 211,8 cm (Chicago, The Art Institute of Chicago / Photo © Art Institute of Chicago)

Paris | Grand Palais: El Greco Spanischer Maler des Manierismus zum ersten Mal in Frankreich ausgestellt

Ziel der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Louvre und dem Art Institute of Chicago entwickelt wird, ist, den Werdegang des Malers vorzustellen. Es lässt sich von einer beeindruckenden Wandlung des Malers an den Anfängen seiner Karriere sprechen, die ihn von der Ikone bis zu seiner künstlerischen Bindung an die venezianische und römische Renaissance-Malerei führte.
5. November 2019
William Turner, Peace - Burial at Sea, Detail, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856. Foto © Tate, London 2018)

William Turner in Münster: erhabene Berge, pittoreskes Italien und das Meer Große Turner-Ausstellung 2019 in Deutschland

Nach 20 Jahren zeigt das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster 2019 eine große Turner-Ausstellung in Deutschland. Der Romantiker veränderte das Landschaftsbild seiner Eopche radikal und beeinflusste damit maßgeblich die sich formierenden Impressionisten. Erhabene Berge, das pittoreske Italien und das Meer sind die Leitthemen der Schau.
25. Oktober 2019
Vincent van Gogh, Stillleben mit Zwiebel, Detail, 1889, Öl/Lw (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Museum Barberini: Van Gogh. Stillleben Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe

Von seinem ersten Gemälde bis zu den farbstarken Blumenbildern der späten Jahre hat Vincent van Gogh (1853–1890) immer wieder Stillleben gemalt. In diesem Genre konnte er malerische Mittel und Möglichkeiten erproben: von der Erfassung des Raums mit Licht und Schatten bis zum Experimentieren mit Farbe. Die erste Ausstellung zu diesem Thema analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben van Goghs.
23. Oktober 2019
NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019

Paris | Fondation Cartier: Bäume Bäumen eine Stimme geben

Den etwa drei Trillionen Bäumen der Welt eine Stimme zu verleihen, ist das erklärte und erreichte Ziel der Ausstellung „Nous, les arbres [Wir, die Bäume]“ in der Fondation Cartier pour l’art contemporain.