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Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre Magischer Realismus auf der Appeninhalbinsel

Ubaldo Oppi, Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse, Detail, 1921, Öl/Lw (Privatsammlung, Rom, Foto: Carlo Baroni, Rovereto)

Ubaldo Oppi, Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse, Detail, 1921, Öl/Lw (Privatsammlung, Rom, Foto: Carlo Baroni, Rovereto)

Im Laufe der 1920er Jahre entfaltet sich in Italien der Realismo Magico [Magischer Realismus], eine Kunstströmung, die lange mit der Neuen Sachlichkeit gleichgesetzt wurde (→ Neue Sachlichkeit). Rund 80 Gemälde dieser Bewegung sind im Herbst 2018 in der Ausstellung „Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre“ im Museum Folkwang zu sehen. Herausragende Werke wichtiger Protagonisten wie Felice Casorati, Antonio Donghi und Ubaldo Oppi sind ebenso in der Schau vertreten wie die einflussreichen Gemälde von Giorgio de Chirico und Carlo Carrà (→ Carlo Carrà vom Futurismus zur Pittura metafisica).

Nach den Zäsuren des Ersten Weltkriegs verstärkte sich allgemein der Wunsch nach Ruhe und Ordnung, besonders ab 1918 setzen sich in Europa und Nordamerika realistische Tendenzen in der Kunst durch. In Deutschland entwickelt sich die Neue Sachlichkeit, in Frankreich vermehren sich neoklassizistische Tendenzen und in Italien entsteht der Magische Realismus. Der Begriff Magischer Realismus beschreibt keine feste Künstlergruppe, sondern eine künstlerische Haltung:

„Mit ‚magisch‘ im Gegensatz zu ‚mystisch‘ sollte angedeutet sein, daß das Geheimnis nicht in die dargestellte Welt eingeht, sondern sich hinter ihr zurückhält.“ (Franz Roh, 1925, Kunsthistoriker)

 

 

Es sind stimmungsvolle Bilder von verstörender Schönheit. Giorgio de Chiricos rätselhafte Szenografien verwaister Plätze (→ Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade) inspirieren die Künstlerinnen und Künstler genauso zu ihren Bildwelten wie Carlo Carràs stilistische Anknüpfung an die Meister des Quattrocento (→ Florenz und seine Maler: Die Erfindung der Renaissance). Sie changieren zwischen Melancholie und Idylle, zwischen Zivilisationsmüdigkeit und Fortschrittspathos. Altmeisterlich ist ihr Farbauftrag, klassisch sind ihre Motive: Es entstehen Stillleben, Porträts, Interieurs und Akte. Die Gemälde sind direkt, präsentieren die Gegenstände klar und deutlich und scheinen doch das Wesentliche zu verbergen. Geschlossene Bücher, Musikinstrumente, Masken und Maskeraden sind ein ebenso wiederkehrendes Bildsujet wie verzerrte Perspektiven und Draperien. Sie weisen auf etwas Entscheidendes hin: Künstlerinnen und Künstler spielen mit den vermeintlichen Gegensätzen zwischen Realität und Künstlichkeit, vermischen Vordergründigkeit und Abgründigkeit.

Mit der Machtübernahme Mussolinis 1922 entwickelt sich die Kunst vor der Folie einer faschistisch geprägten Gesellschaft. Es mag an der politischen Situation dieser Jahre gelegen haben, dass die nicht selten Befremden auslösenden Zweideutigkeiten dieser faszinierenden Gemälde in den letzten Jahrzehnten wenig beachtet worden sind.

 

 

„Unheimlich real. Italienische Malerei der 1920er Jahre“ im Folkwang Museum Essen

„Unheimlich real“ bringt erstmalig in Deutschland die wichtigen Werke des Magischen Realismus zusammen und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Damit eröffnet die Ausstellung die Diskussion über ein bisher hier zulande nur wenig bekanntes Kapitel der europäischen Kunstgeschichte. Werke der Hauptvertreter: von Antonio Donghi, Felice Casorati, Gino Severini und Edita Broglio bis hin zu bekannteren Künstler_innen wie Giorgio Morandi, Giorgio de Chirico und Carlo Carrà.

Quelle: Pressetext

 

 

Italienische Malerei der 1920er Jahre: Bilder

  • Ubaldo Oppi, Die Frau des Künstlers vor venezianischer Kulisse, 1921, Öl/Lw (Privatsammlung, Rom)
  • Carlo Carrà, Blumentöpfe auf dem Fensterbrett, 1923, Öl/Lw, 52 x 67 cm (Privatsammlung, Courtesy Galleria dello Scudo, Verona)
  • Cagnaccio di San Pietro, Stillleben mit blauem Tuch, 1923, Öl/Lw, 24,5 x 33,5 cm (Collezione Malcisi-Zaccarelli)
  • Giorgio de Chirico, Italienischer Platz (Souvenir aus Italien), 1924/25, Öl/Lw (Rovereto, MART-Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto)
  • Daphne Maugham Casorati, Das Frühstück, 1929, Öl/Lw, 121 x 100 cm (Privatsammlung © Artifigurative di Alberto Rodella, Crespellano (BO)
  • Cesare Sofianopulo, Masken, 1930, Öl/Lw, 77,5 x 103 cm (Museo Revoltella)
  • Antonio Donghi, Frau im Café, 1931, Öl/Lw, 80 x 60 cm (Fondazione Musei Civici di Venezia, Galleria Internazionale d‘Arte Moderna di Ca‘ Pesaro)
  • Antonio Donghi, Der Jongleur, 1936, Öl/Lw, 116 x 86,5 x 3 cm (Privatsammlung)

Beiträge zur Neuen Sachlichkeit

22. Oktober 2018
Max Beckmann, Cabins [Kajüten], Detail, 1948, Öl/Lw, 139,5 x 190 cm (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf)

Max Beckmann. Figuren im Exil Flucht und Exil im Werk des deutschen Malers

„Max Beckmann. Figuren im Exil“ versammelt Arbeiten, in denen Exil – auch in wörtlichem Sinne sein eigenes Exil – und Figur im Zentrum stehen. Die Figur hatte zeitlebens größte Bedeutung für Max Beckmann, stand sie doch in seinem Werk und Denken für die conditio humana, die Existenz des modernen Menschen.
2. September 2018
Lotte Laserstein, Abend über Potsdam, Detail, 1930, Öl auf Holz, 111 x 205,7 cm (Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Roman März © VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht Porträtistin Berlins der Weimarer Zeit im Städel Museum und der Berlinischen Galerie

Das Werk der deutschen Malerin Lotte Laserstein (1898–1993) zeichnet sich durch ebenso sensibel wie eindringlich gestaltete Porträts aus den späten Jahren der Weimarer Republik aus. Anhand von rund 40 Gemälden und Zeichnungen nimmt die Ausstellung im Städel sowie 2019 in der Berlinischen Galerie Lasersteins künstlerische Entwicklung in den Blick.
13. August 2018
Christian Schad, Halbakt, Detail, 1924 (Von der Heydt-Museum, Wuppertal, © Christian Schad Stiftung Aschaffenburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Bucerius Kunstforum zeigt Kunst von Otto Dix bis August Sander Neues Sehen – Neue Sachlichkeit: Fotografie und Malerei der Weimarer Republik im Vergleich

Nach 1918 etablierte sich mit der Neuen Sachlichkeit in der Malerei sowie dem Neuen Sehen in der Fotografie eine moderne Stilrichtung, die eine sachliche und realistisch-veristische Wiedergabe anstrebte und sich so vom Expressionismus bzw. Piktorialismus abgrenzte. In der Gegenüberstellung von Gemälden und Fotografien aus dieser Epoche spürt die Ausstellung den Wechselbeziehungen zwischen den Medien nach. Sie untersucht die Themenkomplexe Porträt, Stadtansichten, Stillleben, Industrie und Technik sowie politische Fotomontage, in der sich die gesellschaftlichen Spannungen dieser turbulenten Epoche exemplarisch verdichten.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.