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dOCUMENTA (13): Kassel und Afghanistan Das war die dOCUMENTA (13) in 12 Kapiteln - Teil 5

Goshka Macuga, Of what is, that it is; of what is not, that is not, Kassel, dOCUMENTA (13) 2012, Installationsfoto: Alexandra Matzner.

Goshka Macuga, Of what is, that it is; of what is not, that is not, Kassel, dOCUMENTA (13) 2012, Installationsfoto: Alexandra Matzner.

Zu den ersten wichtigen künstlerischen Beschäftigungen eines westlichen Künstlers mit Afghanistan im 20. Jahrhundert dürfte die 1971 gewebte „Mappa“ von Alighiero e Boetti (1940-1994) gehören. „Mappa“ (ital. für Landkarte) ist ein in Afghanistan von Frauen in traditioneller Handwerkskunst gefertigter Wandteppich, der auf einer aufgeklappten Weltkarte die nationalen Territorien mit deren jeweiligen Flaggen gefüllt zeigt. Der Ostblock erscheint in der Darstellung der Welt von 1971 als riesige, einheitlich rot gefärbte Fläche. Diese „Mappa“ hätte, wie der Schriftverkehr zwischen Boetti und dem Kurator Harald Szeemann belegt, bereits auf der documenta 5 (1971) präsentiert werden sollen und ist im Katalog abgebildet worden. Da die Arbeit jedoch erst im Frühling 1972 fertiggestellt werden konnte, wurde in Kassel ein anderes Werk („Lavoro postale (permutazione)“) präsentiert. Zwischen 1971 und 1977 bewohnte Boetti für mehrere Monate jedes Jahr das One Hotel in Kabul, um die Produktion seiner „Landkarten“, die den aktuellen politischen Veränderungen auf der Welt Rechnung tragen und diese in ein großformatiges Bild umsetzen, durch afghanische Weberinnen zu beaufsichtigen. Der mexikanische Künstler Mario Garcia Torres (* 1975) recherchierte und fand das One Hotel, renovierte und wiederbelebte es und führte so die von Alighiero e Boetti begonnene Verbindung zwischen Kassel und Kabul weiter. Boettis „Mappa“ wird auf der dOCUMENTA (13) als Teil der Installation von Garcia Torres gezeigt.

Der in Afghanistan traditionsreichen Handwerkskunst des Teppichwebens bedient sich auch Goshka Macuga (* 1967). Sie konstruiert im obersten Stockwerk des Fridericianums einen halbkreisförmigen Raum, der die Rotunde des Gebäudes wiederholt. Der Panorama-Teppich mit dem Titel „Of what is, that it is; of what is not, that is not“ zeigt eine Menschenmenge, die vor dem Darul Aman Palast in der Nähe von Kabul posierte. Eine riesige Schlange bäumt sich im Zentrum der Komposition auf, umgeben von fotorealistisch wiedergegebenen Personen in der verschneiten, fast postapokalyptisch wirkenden Landschaft. Die Porträtaufnahmen zu dem zweiteiligen Werk, von dem nur ein Teppich auf der dOCUMENTA (13) zu sehen ist, entstanden während zweier Festakte, die Macuga veranstaltete bzw. für sie veranstaltet wurden. In den Kabuler Bagh-e Babur, ein historischer Park aus der Mogul-Zeit und Begräbnisstätte des ersten Mogul-Herrschers Babur (um 1528), lud Macuga im Februar 2012 über 100 Personen aus dem afghanischen Kulturleben zu einem Mittagessen: Künstler, Diplomaten, Archäologen von der UNESCO, Journalisten und Intellektuelle nahmen daran teil und sind hier vor eine fast zerstörten Architektur, die an die Rückseite des Fridericianums erinnert, zu sehen. Die zweite Feierlichkeit war ihre Prämierung mit dem Arnold Bode Preis im Oktober 2011 im Kasseler Fridericianum. Aus dem Material ließ Macuga zwei Teppiche fertigen, die sie an dem jeweils anderem Ort präsentiert: Die in Afghanistan arbeitenden Personen sind für das Fridericianum und die Kulturschaffenden Europas für den Königinnenpalast in Kabul bestimmt.

 

 

Omer Fast (* 1972) beschäftigt sich mit dem „Krieg“ Deutschlands in Afghanistan und den Problemen der Hinterbliebenen, mit dem Tod ihrer Söhne umzugehen. Sein 40-minütiger Film „Continuity“ (2012) zeigt drei Wiederholungen der nahezu gleichen Geschichte: Ein gut situiertes Elternpaar holt zu Weihnachten seinen als Soldaten in Afghanistan dienenden „Sohn“ vom Bahnhof ab. Drei Varianten zwischenmenschlichen Agierens entfalten sich, drei Mal werden heldenhafte Geschichten aus dem Krieg erzählt, drei Mal reagieren die Eltern unterschiedlich, drei Mal kommt es zu sexuellen Übergriffen der Mutter auf den „Sohn“. Der „Vater“ trägt am Ende jeder dieser Sequenzen einen großen, schwarzen Sack aus dem Haus und hievt ihn im Dunkel der Nacht in sein Auto. Realität, Visionen und Fiktionen mischen sich auf unheilvolle Weise in dieser surrealen Erzählung, die einen Höhepunkt im gefilmten Tableau toter deutscher Soldaten findet. Die Brüche sind nur mit dem Wissen auflösbar, dass es sich bei den Söhnen jedes Mal um einen neuen Callboy handelt, den sich die Eltern als „Ersatz“ für den getöteten Sohn ins Haus holen.

Teil 1: dOCUMENTA (13): Raumfragen
Teil 2: dOCUMENTA (13): Themenfelder
Teil 3: dOCUMENTA (13): Kunst und ihre politische Verantwortung
Teil 4: dOCUMENTA (13): Kunst und der Umgang mit Geschichte
Teil 6: dOCUMENTA (13): Kassel und Australien
Teil 7: dOCUMENTA (13): Historische Wurzeln aktueller Kunst
Teil 8: dOCUMENTA (13) Kunst und Naturwissenschaft
Teil 9: dOCUMENTA (13): Aktuelle Malerei – oder gegen jede Art von Medienspezifität
Teil 10: dOCUMENTA (13): Kunst und Ökologie
Teil 11: dOCUMENTA (13): Künstler und Schamanismus
Teil 12: dOCUMENTA (13): „Realität“ und ihre mediale Vermittlung

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.