Jacoba van Heemskerck

Wer war Jacoba van Heemskerck?

Jacoba van Heemskerck (Den Haag 1.4.1876–3.8.1923 Domburg) war eine niederländische Malerin des Expressionismus und eine der wichtigsten Künstlerinnen des STURM. Van Heemskerck schuf in weniger als zwei Jahrzehnten ein kraftvolles Œuvre, das Gemälde, Holzschnitte und Glasgemälde umfasst. Rhythmische Kompositionen des Bildraums, schwarze Umrisslinien und ein intensiver Farbeinsatz prägen die expressiven Landschafts-, Stadt- und Hafenmotive der Niederländerin.

„Kunst ist mein Leben. Es ist so wunderbar, dass ich meine Ideen zum Ausdruck bringen kann.“1 (Jacoba van Heemskerck, 1914)

Kindheit & Ausbildung

Jacoba Berendina Heemskerck van Beest wurde am 1. April 1876 in Den Haag geboren. Van Heemskerck stammt aus einer adligen niederländischen Familie, ihr Vater Jacob Eduard van Heemskerck van Beest war Marineoffizier, der in seiner Freizeit auch malte und Jacoba, das jüngste seiner sechs Kinder, in die Malerei einführte. Jacob Eduard hatte sich in den Niederlanden einen Namen als Schöpfer von Seestücken gemacht. Jacoba war das einzige Kind, welches das Talent und die Begeisterung des Vaters geerbt hat.

Sie besuchte als eine der ersten Frauen von 1897 bis 1901 die Koninklijke Academie voor Beeldende Kunsten in Den Haag. Dort erlernte sie zwar das technische Rüstzeug der Malerei, wurde jedoch nicht in die moderne zeitgenössische Kunst eingeführt.

Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1901 zog Jacoba van Heemskerck nach Hilversum, wo sie die Maler der Larener Schule kennenlernte. Ab September 1900 nahm van Heemskerck einmal in der Woche Unterricht bei Ferdinand Hart Nibbrig im Künstlerdorf Laren und ließ sich bei ihm in den grafischen und zeichnerischen Künsten unterrichten. Dabei entstanden detailliert gezeichnete Porträts (Bauern, Bäuerinnen und Fischer*innen). Noch 1901 ging van Heemskerck nach Paris, wo ihr Lehrer Eugène Carrière wurde, und wo sie mit der modernen Kunst in Berührung kam. Anfang 1904 stellte sie eine Arbeit auf einer Schau der Union des Femmes Peintres et Sculpteurs aus.

1904 kehrte sie in die Niederlande zurück und zog bei ihrer älteren Schwester ein, da ihre Eltern in der Zwischenzeit verstorben waren und sie ledig war. Im August 1905 übersiedelte van Heemskerck nach Den Haag. Van Heemskerck freundete sich mit der begüterten Marie Tak van Poortvliet (1871–1936) an, die nun als ihre Mäzenin wirkte und in deren Domburger Haus mit Atelier, die Villa Loverendale, sie ab 1906 jeden Sommer wohnte.

Von 1905 bis 1911 nahm die Malerin zum Beispiel wiederholt an der Schau der Künstlervereinigung St. Lucas im Stedelijk Museum in Amsterdam teil. Viele von Heemskercks Werken zeigen Seelandschaften, Segelboote und die Natur, inspiriert vom holländischen Badeort. Bis 1908 arbeitete van Heemskerck an vergleichsweise realistisch gezeichneten oder lithografierten Porträts. In der Domburger Sommerfrische erhielt sie ab 1908 Unterstützung von Jan Toorop, traf im Sommer 1908 erstmals Piet Mondrian und Lodewijk Schelfhout. In dieser Zeit wandte sich die Malerin dem Luminismus zu. Diese Stilrichtung fußte im französischen Pointillismus (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus), in den Niederlanden verbanden Kunstschaffende ihn mit den Werken von Vincent van Gogh und dem Fauvismus, so dass gröbere Pinseltupfen und intensive Farbigkeit die Bilder kennzeichnen. Gleichzeitig mit der Hinwendung zur modernen Maltechnik reifte in Jacoba van Heemskerck die Überzeugung, dass Kunst mehr als die Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit wäre. Die Leuchtkraft der Farben verweist auf die spirituelle Dimension und spürt dem Leben an sich nach.

Jacoba van Heemskerck nahm an den jährlichen Sommerausstellungen der Domburger Künstlerkolonie rund um Mondrian teil und wurde so als Künstlerin erstmals wahrgenommen. Im Jahr 1907 zeigte eines ihrer Bilder in der Ausstellung „Kunst van Levende Meesters“ im Amsterdamer Stedelijk Museum aus. Die Ausstellung von St. Lucas im Frühjahr 1910 wurde zum „Triumph des Luminismus”. Mondrian hängte die Schau und entschied sich, einen ‚radikalen’ und einen ‚gemäßigten’ Saal einzurichten. In den ‚radikalen’ Saal waren seine eigene Bilder gemeinsam mit jenen von Jacoba van Heemskerck, Jan Sluijters und Leo Gestel zu sehen. Im August wurden van Heemskerck, Mondrian und Sluijters eingeladen, mit der Gruppe Doe Stil Voort im Museum für Moderne Kunst in Brüssel auszustellen.

Weiters stellte sie in Amsterdam bei den „Onafhangelijken“ und dem „Modernen Kunstkrings“ (1911, Herbstausstellung in Amsterdam) aus, in Brüssel, bei der Gruppenausstellung der „Allied Artists Assocication“ in der Londoner Royal Albert Hall und in Paris am „Salon des Indépendants“ (1911) mit den überwiegend männlichen Kollegen. In dieser Phase nahm die Malerin noch stark Anregungen des Kubismus auf. Diesen hatte sie im Herbst 1911 auf der ersten Präsentation des Moderne Kunstkring kennengelernt. Dort waren Werke von Paul Cézanne, Georges BraquePablo Picasso und von den sogenannten Salon-Kubisten wie Henri Le Fauconnier zu sehen. Im Mai 1912 reiste Jacoba van Heemskerck deshalb nach Paris und malte kubistische Bilder im Sommer darauf. Sie ging allerdings einen anderen Weg als die Pariser Avantgardisten: Jacoba van Heemskerck nutzte eine prismatisch-abstrakte Zergliederung des gesamten Bildraums.

Jacoba van Heemskerck, Herwart Walden und die „Sturm“-Galerie

Wie der erste Kontakt zwischen Jacoba van Heemskerck und Herwarth Walden zustandekam, ist nicht belegt. Im Herbst/Winter 1912/13 organisierte der Berliner Publizist eine Ausstellung zu den Futuristen (die „Futuristenausstellung“ reiste weiter nach Amsterdam und Rotterdam) und eine Personale von Wassily Kandinsky, gefolgt von einer Ausstellung Franz Marcs in der Kunsthandlung d'Auretsch in Den Haag (März 1913), die er gemeinsam mit Franz Marc zusammenstellte. Vielleicht sah Walden anlässlich eines dieser Ereignisse erstmals van Heemskercks Werke und traf die Künstlerin.

Jacoba van Heemskerck wurde im Jahr 1913 von Herwarth Walden zum „Ersten Deutschen Herbstsalon“ (20.9.-1.12.1913) nach Berlin eingeladen, wo sie vier Bilder zeigen konnte. Die Künstlerin reiste zur Ausstellungseröffnung an und lernte in Berlin ihre internationalen Kolleginnen und Kollegen kennen. Die dort ausstellenden Künstler des Blauen Reiter, Wassily Kandinsky und Franz Marc, beeinflussten ihren Weg in die Abstraktion (→ Abstrakte Kunst). Für ihre internationale Wahrnehmung bedeutete die Ausstellungsteilnahme und die daraufhin folgende Unterstützung durch Walden viel. Zudem entwickelte die niederländische Künstlerin erst in Zusammenarbeit mit Walden den für sie so charakteristischen Stil, der von einer freien Farb- und Formwahl gekennzeichnet ist.

Herwarth Walden wurde 1914 ihr Agent und Mentor. Vor allem während des Ersten Weltkriegs, als Walden die Kontakte zu den russischen und französischen Kunstschaffenden aufgeben musste, setzte er sich unermüdlich für die Künstlerin ein. So stellte er ihre Werke auf Personal- und Gruppenausstellungen in Europa, den USA und in Japan vor. Zudem vermittelte Walden wichtige Kontakte zu Theoretikern und Kritikern wie Adolf Behne.

Van Heemskerck fühlte sich ihrem Galeristen tief verbunden und verehrte ihn geradezu auf eine schwärmerische Weise. Er bot ihr Raum in seiner Zeitschrift „Der Sturm“, führte mit ihr in den Jahren bis 1922 regelmäßig Korrespondenz - 269 Briefe sind im Sturm-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin erhalten - und besuchte sie in den Sommern 1914 und 1915 gemeinsam mit Nell nach Den Haag. Auf ihren Wunsch hin übersandte Walden Heemskerck auch die Schriften von Kandinsky sowie von Bruno Taut und das Buch „Glasarchitektur“ von Paul Scheerbart.

Auf der 23. Sturm-Ausstellung war Jacoba van Heemskerck bereits mit 21 Werken präsent und von April bis Oktober 1914 in einer Einzelausstellung in Hamburg. Im März 1914 widmete ihr Walden gemeinsam mit Marianne von Werefkin und Arthur Segal eine Ausstellung, aus der Nell Walden die großformatigen Gemälde „Insel. Komposition 21“ (1914, Kunstmuseum Bern) sowie „Segelschiff“ für ihre eigene Sammlung erwarb. Im Herbst 1914 hatte sie in Hamburg eine Einzelausstellung. Ihre Holzschnitte wurden dem Publikum in der „Sturm“-Zeitschrift nahegebracht. Bereits im Jahr 1914 plante Walden die Herausgabe einer Mappe mit van Heemskercks Holzschnitten, die mit einiger Verspätung im April 1916 erschien. Ein Treffen mit Oskar Kokoschka 1916 könnte sie dazu angeregt haben, Portäts zu malen. Als Walden im gleichen Jahr die „Sturm“-Kunstschule gründete, gehörte Jacoba van Heemskerck neben Paul Klee und Gabriele Münter zu den Lehrenden. Sie kam jedes Jahr für einen Monat nach Berlin, um Malerei zu unterrichten. Im Gegensatz zur Theorie Kandinskys, die sie zunehmend als dogmatisch empfand, setzte van Heemskerck auf die Stärkung von Individualität. Im Vordergrund ihrer Vermittlungstätigkeit stand die Auseinandersetzung mit Farbe und Komposition, die aus der Persönlichkeit abgeleitet werden sollten.

Von 1913 bis 1923 gehörte Jacoba van Heemskerck zur avantgardistischen Bewegung des „Sturm“ von Herwarth Walden in Berlin und war dort mit zehn Einzelausstellungen eine der am meisten gezeigten Künstlerinnen. Sie ihrerseits förderte den mittellosen „Sturm“-Dichter Adolf Knoblauch, den sie 1916 kennengelernt hat. Ihre Kompositionen regten sowohl Knoblauch als auch Lothar Schreyer und Wilhelm Schlicht-Krull zu Gedichten an, die Walden wiederum in der „Sturm“-Zeitschrift veröffentlichte. Aus dem „Sturm“-Kreis standen Nell Walden, Heinrich Campendonk, Gabriele Münter, Lothar Schreyer und Georg Muche nahe.

Filiale des „Sturm“ in Den Haag

Während des Ersten Weltkriegs lebte Jacoba van Heemskerck in Den Haag und Domburg. Gemeinsam mit ihrer Freundin Marie Tak van Poortvliet eröffnete Jacoba van Heemskerck 1917 eine Filiale des „Sturm“ in ihrem Atelier. Die beiden Damen empfingen jeden Samstagnachmittag Gäste, stellten die aktuelle „Sturm“-Zeitschrift vor und organisierten Vorträge und Diskussionen. Die Kunstsammlung von Marie Tak stand den Teilnehmenden ebenso offen. Dort konnten Interessierte Werke von Pablo Picasso, Georges Braque und Fernand Léger, Marc Chagall, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Emil Filla und Lyonel Feininger besichtigen. Auch die Sturm-Bühne fand Eingang in ihr Schaffen: Sie initiierte mehrere Aktivitäten unter der Leitung von John Schikowski. Gemeinsam mit Lothar Schreyer arbeitete die niederländische Expressionistin an einem abstrakt konzipierten, „kosmisch wirken[den]“ Puppentheater.

Im Wintersemester 1917/18 eröffnete Jacoba van Heemskerck eine Filiale der „Sturm“-Kunstschule in Den Haag. Sie unterrichtete nur drei Schülerinnen oder Schüler an einem Tag die Woche. Daneben gab sie weiterhin Unterricht an der Berliner „Sturm“-Kunstschule in den Fächern Glasmalerei und Farblehre.

Heemskerck und die Theosophie

Durch ihre Hinwendung zur Anthroposophie Rudolf Steiners unterscheidet sich van Heemskerck von anderen Künstlerinnen und Künstlern des Expressionismus. Sie strebte nach einer allgemeingültigen Harmonie und einer Gesetzlichkeit, die alle Formen des Seins durchdringt. Kunst war für sie nicht nur Ausdruck subjektiver Empfindung, sondern auch ein Weg der Erkenntnis, vor allem über die elementare Wirkung von Licht und Farbe auf die Betrachtenden. Die Leuchtkraft und zunehmende Transparenz ihrer Werke machen dies deutlich. Dabei nimmt die angewandte Kunst bei ihr keinen geringeren Stellenwert ein als die Malerei, im Gegenteil, am Ende ihres Lebens verwirklicht van Heemskerck in der Glaskunst ihr Streben nach „leuchtend geistlichen“ Farben.

Seit 1910 Mitglied in der Theosophischen Gesellschaft in Den Haag, trat sie 1915 der Anthoposophischen Gesellschaft bei und hielt 1916 einen Vortrag über die Beziehungen zur modernden Kunst. Die Malerin zitierte während dieser Ausführungen aus Wassily Kandinskys Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ und führte in die Kunsttheorie des „Sturm“ ein. Auch Steiner kannte das Werk van Heemskercks. Er besuchte ihre Ausstellungen im „Sturm“ und kaufte ihre Bilder.

Jacoba van Heemskercks Werk

Die niederländische Künstlerin schuf in knapp zwei Jahrzehnten Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte, Glasarbeiten und Mosaike. Ihr Stil reicht von einer gegenständlichen, streng rhythmisierten Formensprache bis zu einer organisch-fließenden Abstraktion. In den Holzschnitten ist eine geometrische Vereinfachung feststellbar, die van Heemskerck meist aus landschaftlichen Motiven destillierte. Die Künstlerin fokussierte immer mehr auf wenige Themen: Bäume, Schiffe, Landschaften und später noch Fische. Mehrfach gebrochene Konturen geben den Kompositionen ein dynamisches Gepräge und basieren auf dem Prinzip der Formzertrümmerung, welches sie im Kubismus kennengelernt hatte und 1913 über den Maler Lodewijk Schelfhout (1881-1943) vermittelt bekam, einem Freund von Henri Le Falconnier. Die Linie tritt in vielen Holzschnitten Heemskercks zugunsten des Flächenstils zurück, Symmetrie spielt in ihren Werken eine genauso große Rolle wie die Verbindung zwischen allen Elementen.

Zwischen 1914 und 1918 nutzte Jacoba van Heemskerck einen klaren, eckigen Flächenstil; um 1918 wandte sich sie dynamisch schwingenden Formen zu. Nachdem sich die Künstlerin intensiv mit den Theorien Wassily Kandinskys beschäftigt hatte, teilte sie Walden mit, dass sie mit dem Russen zwar in grundlegenden Überzeugungen übereinstimmen würde, er ihr aber - wie Mondrian - zu dogmatisch wäre. So zeigen van Heemskercks Werke meist abstrahierte Formen; ab etwa 1916 arbeitete sie abstrakte Farbkompositionen aus, die van Heemskerck zu einer Hauptvertreterin einer organischen, vitalistischen Abstraktion machen. Damit zeigte sie sich als Anhängerin der Einheit von Mensch, Natur und Kosmos. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, dass das subjektive Empfinden vor einer Landschaft darzustellen wäre, wollte die Künstlerin damit einen voraussetzungslosen Empfindungs- und Erkenntnisraum eröffnen.2

Glasfenster

Ab 1919 arbeitete Jacoba van Heemskerck auch an Glasfenstern und Glasmosaike für private und öffentliche Auftraggeber. Erste Überlegungen dazu hatte sie bereits 1914 angestrengt. Die transzendente Qualität ihrer Bildwelten trug sie durch das Malen auf Glas in transparent-leuchtenden Kompositionen vor. Mit Hilfe eines kleinen Brennofens realisierte sie viele ihrer Entwürfe selbst; einige Entwürfe gab sie auch bei Fabrikanten in Auftrag. Dies bestärkte sie darin, klare, unmodellierte Farbflächen auch in ihrer Malerei und ihren Holzschnitten zu verwenden.

Walden bildete ein Glasfenster in seinem Buch „Einblicke in Kunst“ (1918) ab. Formal lässt sich dieses Werk gut mit dem Ölgemälde „Bild Nr. 2 (Hafen)“ in Waldens Publikation „Expressionismus. Die Kunstwende“ (1918) vergleichen. Während das Gemälde noch gegenständlich interpretieren lässt, wird im Glasgemälde zum Rhythmus von Formen. Noch 1918 stellte Walden Van Heemskercks Glasfensterentwürfe im STURM aus, förderte sie allerdings nicht bei der Umsetzung derselben. Der 1919 zustandegekommene Kontakt zu dem Architekten Jan Bujis ermöglichte ihr, für die Villa der Familie Wulffraat in Wassenaar Glasfenster zu entwerfen. Diesem ersten Engagement folgten weitere und machten die Künstlerin in den Niederlanden noch bekannter. 1921 erhielt sie den Auftrag, die Marinekaserne in Amsterdam mit Fenstern auszustatten.

Nummern statt Titel

Um die individuelle Begegnung der Betrachtenden mit den Werken möglichst offen zu halten, verzichtete Jacoba van Heemskerck auf Bildtitel und Daiterung. Stattdessen führte sie 1914 die Nummerierung ihrer Bilder ein. Titel wären:

„nur widerlich romantisch. [...] Farbe und Linien haben für alle eine verschiedene eigene Sprache, die nicht im Titel festgelegt werden soll.“3 (Jacoba van Heemskerck in einem Brief an Herwarth Walden, 14.1.1920)

Die in den „Sturm“-Zeitschriften angegebenen Bildtitel sind meist Erfindungen des Redakteurs Dr. Fritz Blümner, was die Künstlerin in ihren Briefen an Walden problematisierte und abzuwehren versuchte.

Van Heemskercks Suche nach Spiritualität und ihre Ablehnung eines rein durch Materialismus und Positivismus bestimmten Verständnisses der Natur und des Kosmos machen ihr Werk heute, wo wir unter anderen Vorzeichen wiederum gefordert sind, die komplexen Zusammenhänge in der Welt als Ganzes zu sehen, höchst aktuell.

Internationale Ausstellungserfolge

Als sich Herwarth Walden um 1919 der kommunistischen Bewegung anschloss, folgte ihm Jacoba van Heemskerck nicht. Sie nahm auch weiterhin an den Ausstellungen des „Sturm“ teil, allerdings kündigte sie dem Galeristen das alleinige Vertretungsrecht. Um 1920 stellte Jacoba van Heemskerck vermehrt in den Niederlanden aus, darunter 1920 in der Domburger Ausstellung. Sie besuchte 1920 das Bauhaus in Weimar und wurde mit einem Holzschnitt in die Bauhaus-Mappe „Neue europäische Graphik“ aufgenommen.

Allein im Jahr 1921 war Jacoba van Heemskerck mit großformatigen Ölbildern sowohl an der „Sturm“-Ausstellung in Paris vertreten als auch mit Glasfenstern und im November 1921 in einer Einzelausstellung (32 Gemälde, 14 Zeichnungen, 6 Holzschnitte). Ihre Präsenz auf der „Gesamtschau des Sturm“ positionierte Jacoba van Heemskerck im Zentrum der russischen, deutschen, ungarischen und schweizer Moderne, waren dort doch Werke von Alexander Archipenko, Rudolf Bauer, Hans Brass, Marc Chagall, Tour-Donas (alias Mathe Donas), Béla Kádàr, Wassily Kandinsky und Paul Klee zu sehen.

1922 druckte die amerikanische Zeitschrift „The Dial“ vier Holzschnitte ab, was sie über das „Sturm“-Büro vermittelt bekam. Danach bat Jacoba van Heemskerck Walden, ihr eine Einzelausstellung in den USA zu organisieren. Doch dieses Vorhaben blieb unerfüllt.

Tod

Jacoba van Heemskerck starb am 3. August 1923 im Alter von 47 Jahren in Domburg.

„Aus der Kraft der Sinne hat Jacoba van Heemskerck die Bilder geschaffen, die die Welt bedeuten. Sie die Welt bedeuten. Wasser und Berg und Baum sind ihre optischen Eindrücke, die malerische Mittel ihrer Bildgestaltung wurden. Die Bewegung des Elements wird Element der Bewegung. Naturform Kunstform. Eindruck Ausdruck. Erdteile werden in Kunstteile gewandelt. Kunstteile zum Bild zusammengeschlossen.“4 (Nachruf von Herwarth Walden)

Nach ihrem frühen Tod organisierte Herwarth Walden im März 1924 eine Retrospektive, die er in vier Städte schickte, und widmete ihr den siebten Band der Sturm-Bilderbücher.

Nell Walden rettete die „Sturm“-Sammlung vor den Nationalsozialisten in die Schweiz und vermachte 1967 dem Kunstmuseum Bern die Ölgemälde „Segelboote“, „Natur“, „Bäume“ und Insel“, drei Zeichnungen, einen Holzschnitt und sechs Farbholzschnitte.

Literatur zu Jacoba van Heemskerck

  • Jacoba van Heemskerck. Kompromisslos modern, hg. v. Luisa Pauline Fink, Sebastian Möllers, Henrike Mund und Christina Végh (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld, 19.6.-5.9.2021; Museen Stade | Kunsthaus, 25.9.2021-6.2.2022; Edwin Scharff Museum Neu-Ulm, 26.2.-19.6.2022),  München 2021.
  • Lea Schleiffenbaum, Jacoba van Heemskerck, in: Sturm-Frauen: Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910–1932, hg. v. Ingrid Pfeiffer und Max Hollein (Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle), Köln 2015.
  • Karla Bilang, Moderne und Anthroposophie: Jacoba van Heemskerck, in: Karla Bilang, Frauen im „STURM“. Künstlerinnen der Moderne, Berlin 2013, S. 69–80.
  • Kapelle, Heemskerck van Beest, Jacoba, in: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 71, Berlin 2011, S. 29.
  • H. Huussen jr., J. F. A. van Paaschen-Louwerse, Jacoba van Heemskerck, schilderes uit roeping, Waanders 2005.
  • Jacoba van Heemskerck, in: DER STURM. Chagall, Feininger, Jawlensky, Kandinsky, Klee, Kokoschka, Macke, Marc, Schwitters und viele andere im Berlin der zehner Jahre, in: hg. v. Barbara Alms und Wiebke Stzeinmetz (Ausst.-Kat. Städtische Galerie Delmenhorst 18.6.–6.9.2000), Bremen 2000, S. 134.
  • Karla Bilang, Jacoba van Heemskerck, in: Britta Jürgs (Hg.), Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, Berlin 1998, S. 93–113.
  • Wände aus farbigem Glas. Das Archiv der Vereinigten Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei Puhl & Wagner, Gottfried Heinersdorff, hg. v. Helmut Geisert und Elisabeth Moortgat (Ausst.-Kat. Martin-Gropius-Bau Berlin, 8.12.1989–21.1.1990), Berlin 1989.
  • Jacoba van Heemskerck, 1876–1923: eine expressionistische Künstlerin, hg. v. Herbert Henkels (Ausst.-Kat. Haus am Waldsee, Berlin; Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; Rheinisches Landesmuseum Bonn; Saarland-Museum, Saarbrücken; Städtische Galerie Erlangen, Sommer 1983 bis Februar 1984), Berlin 1983.

Beiträge zu Jacoba van Heemskerck

Jacoba van Heemskerck, Bild no. 33 (Meer mit Schiffen), 1915, Öl auf Leinwand, 80,5 x 100,5 cm (Kunstmuseum Den Haag, Foto: Kunstmuseum Den Haag)
Jacoba van Heemskerck, Bild no. 33 (Meer mit Schiffen), 1915, Öl auf Leinwand, 80,5 x 100,5 cm (Kunstmuseum Den Haag, Foto: Kunstmuseum Den Haag)

Bielefeld | Kunsthalle Bielefeld: Jacoba van Heemskerck

Jacoba van Heemskerck (1876–1923) hat in weniger als zwei Jahrzehnten ein kraftvolles Œuvre geschaffen, das Gemälde, Holzschnitte und Glasarbeiten umfasst. Rhythmische Kompositionen des Bildraums, schwarze Umrisslinien und ein intensiver Farbeinsatz prägen die expressiven Landschafts-, Stadt- und Hafenmotive der Niederländerin.

Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld in Kooperation mit dem Kunstmuseum Den Haag (Sommer 2021).

Bielefeld | Kunsthalle Bielefeld: Jacoba van Heemskerck

Bielefeld | Kunsthalle Bielefeld: Der böse Expressionismus

„Wir wollen die Bürger nicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes, ernst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren“, propagiert Herwarth Waldens Sturm-Zeitschrift, eine der wichtigsten Publikationen des Expressionismus. Diese Ansage ist klar und eindeutig. Es ist die Kampfansage einer neuen Zeit an die Überzeugungen und Werte der alten; das Kampfmittel ist die Kunst.

Bielefeld | Kunsthalle Bielefeld: Der böse Expressionismus

  1. Jacoba van Heemskerck in einem Brief an Herwarth Walden, 11.11.1914, Sturm-Archiv, Berlin. Vgl. auch DER STURM. Digitale Quellenedition zur Geschichte der internationalen Avantgarde, erarb. und hg. von Marjam Trautmann und Torsten Schrade, Mainz 2018, https://sturm-edition.de/ index.html (Aufruf, 16.6.2021).
  2. Siehe vor allem Luisa Pauline Fink, Henrike Mund, Jacoba van Heemskerck. Kompromisslos mordern, in: Ebenda (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld), 2021, S. 7-24, hier S. 19.
  3. Zit. n. Jacoba van Heemskerck 1876-1923. Eine expressionistische Künstlerin, hg. v. Herbert Henkels (Ausst.-Kat. Haggs Gemeentemuseums, u.a.) Den Haag 1983, S. 96
  4. Herwarth Walden, Jacoba van Heemskerck (Nachruf), in: Der Sturm, 14. Jg., Nr. 10 (1923), S. 145.