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Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube Variationen des Friedenssymbols und seine Rezeption

Pablo Picasso, Fliegende Taube im Regenbogen, 1952, Lithografie (© Succession Picasso, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Pablo Picasso, Fliegende Taube im Regenbogen, 1952, Lithografie (© Succession Picasso, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Pablo Picasso setzte sich in seiner Kunst intensiv mit Krieg und Frieden auseinander. . Für ihn bedeutete Kunst eine subversive wie lesbare Möglichkeit, Machthabern den Spiegel vorzuhalten. Eine von ihm lithografierte Taube zierte das Plakat für den ersten Weltfriedenskongress 1949 (→ Picasso: die Erfindung der Friedenstaube). In der Folge entwickelte sie sich zu einem wirkungsmächtigen Friedenssymbol – und neben „Guernica“ zu Picassos berühmtestem Werk. Die Taube des Spaniers wurde von so unterschiedlichen politischen Lagern wie Bertold Brecht, DDR-Propaganda aber auch US-amerikanische Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen eingesetzt.

Wie kaum ein anderer Künstler der Klassischen Moderne versuchte Pablo Picasso, mit seiner Kunst zu einer Befriedung Europas und der Welt beizutragen. „Malerei“, so der Künstler im März 1945, „ist nicht dazu da, Wohnungen zu dekorieren. Sie ist eine offensive und defensive Waffe gegen den Feind“.1

 

Picassos „Mann mit Schaf“

Die knapp überlebensgroße Bronze „Mann mit Schaf“ aus dem Frühjahr 1943 belegt Pablo Picassos neuerliche Hinwendung zur großformati­gen Plastik. Im Picasso Museum Münster steht „Mann mit Schaf“ zudem auf einem Sockel, so dass die Gruppe größer und hieratischer wirkt als in den beigestellten Fotografien aus dem Atelier und dem Garten hinter Picassos Villa in Cannes. Wenn auch nicht auf dem ersten Blick als Kommentar auf den Zweiten Weltkrieg, die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten (Deportation und Ermordung der Juden) und die Besatzung von Paris zu lesen, so dürfte der Maler-Bildhauer mit ihr doch genau das im Sinn gehabt haben. Für „Guernica“ nutzte Picasso ab 1937 ein großes Atelier in der Rue des Grands-Augustins No. 7, in dem er wenige Jahre später genug Platz für die Plastik hatte. „Mann mit Schaf“ nimmt dennoch eine Sonderstellung in der skulpturalen Produktion Picassos im besetzten Paris ein.

Wer der Plastik gegenübertritt, wird schnell eine christliche Thematik erkennen können. „Mann mit Schaf“ – der Titel beschreibt eine stehende, männliche Figur, die, hoch aufgerichtet und streng nach vorne blickend, ein sich windendes Lamm trägt. Kenntnisreich führt Markus Müller im Katalog aus, dass die Motivik erstmals im Kontext einer Radierung vom 14. Juli 1942 und weiters in über fünfzig Zeichnungen und Skizzen nachzuweisen ist. Vor allem beschäftigten Picasso das Haltungsmotiv des Schafes und der Gesichtstypus des Mannes – jugendlich-bartlos oder antikisch-bärtig? Angesichts des Originals ist gar nicht so leicht zu entscheiden, welche der Variante Picasso einsetzte. Die Oberfläche ist vor allem am Oberkörper, Kopf und an den Armen schroff und additiv aus Tonklumpen zusammengesetzt, während die Beine mit dem Modellierholz glattgestrichen wurden. „Mann“ ist zudem geschlechtslos.

Ab August 1942 setzte sich Picasso mit dem an seinen Läufen gefesselten und angstvoll blökenden Schaf auseinander. Zu diesem Zeitpunkt scheint er auf Gemälde von Meistern des Barock – Francisco de Zurbarán (→ Francisco de Zurbarán und Juan de Zurbarán) und Caravaggio – zu verweisen. Opfertod, Leid und Schmerz sind in dieser christlich konnotierten aber dennoch in ihrer Bedeutung offenen Plastik in Balance gehalten. In der gefundenen Form wendet es sich dramatisch vom starr nach vorne Blickenden ab. Das geöffnete Maul bildet einen schwarzen Schlund. Der Mann hält es vor seiner Brust, indem er drei Läufe fest umschließt. Der vierte Lauf hängt frei, von einer Bewegung ist mit Ausnahme des sich zur Seite reckenden Halses nichts zu spüren. Von den verschiedensten im Katalog angebotenen Deutungsansätzen sind zwei besonders bemerkenswert: 1942 begann die Judenverfolgung im besetzten Frankreich und im Sommer stellte Arno Breker seine „Übermenschen“ im Musée de l’Orangerie aus. Der im Nebenraum gezeigte Film fügt dokumentarische Aufnahmen dieser Zeit zu einer bedrückenden Collage zusammen.

Picasso modellierte „Mann mit Schaf“ im Februar oder März 1943, indem er die Skulptur in Ton über einer Armie­rung aus Eisen fertigte. Dabei beließ er die Tonklumpen in einer rohen, additiven Form, was der Figurengruppe eine lebendige Oberfläche verleiht und sie als Antithese zur NS-Ästhetik postuliert. Da die Schwerkraft an „Mann mit Schaf“ nagte, ließ Picasso ihn rasch im Geheimen in Gips abgießen. „Offensichtlich“, so Müller, „reagierte er mit der Plastik auf das große Ausstellungsereignis des Sommers 1942, nämlich die ambitionierte Einzelausstellung von Werken des Nazi-Vorzeige­bildhauers Arno Breker, die im Musée de l’Oran­gerie vom 15. Mai bis zum 31. Juli 1942 gezeigt wurde.“2 Picasso besuchte die Schau nachweislich und bezeichnete die NS-Ästhetik Brekers als „Mode“. Seine eigene Skulptur widerspricht der antikisierende Großplastik und wurde aufgrund der kriegsbedingten Knappheit an Bronze erst 1948 gegossen.

 

Picasso politisch – eine Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg

Picassos Kunst war während des Spanischen Bürgerkrieges (1936–1939) politisch geworden. Mit der berühmten Radierfolge „Traum und Lüge Francos“ (8.1.–7.6.1937) demonstrierte Pablo Picasso seine kritische Haltung gegenüber dem Franco-Regime. Der Spanier zeigt den General als monströs deformierte, hybride Gestalt. In 18 Szenen bezog Picasso künstlerisch gegen den Diktator Stellung – und nutzte dafür Strategien aus Karikatur und Comics. Da die einzelnen Dar­stellungen im Format von 9 × 14 Zenti­metern ursprünglich als Postkarten fungieren sollten, war kein fortlaufender Bildzyklus geplant. Die Radierungen, zwei Blätter zu je neun Szenen, entstanden am 8. Januar 1937; Picasso überarbeitete im Mai 1937 das zweite Blatt mit dem Zuckeraussprengverfahren (Flächenätzung). Damit erzielte er noch feinere Abstufungen der tonalen Flä­chen.

Gleichzeitig arbeitete Pablo Picasso auch an dem Anti-Kriegsbild „Guernica“ (→ Picasso: Guernica). Motivik und Symbolik von „Traum und Lüge Francos“ lieferten entscheidende Verständnis- und Deutungsansätze für „Guernica“. Kenntnisreich spielt Picasso auf traditionelle Darstellungsformen des christlichen Ritters, der Madonna von Pilar usw. an bzw. auf Vorbilder aus der Kunstgeschichte wie Francisco de Goyas Radierung „Hoffentlich reißt das Seil“ aus „Die Schrecken des Krieges [Desastres de la Guerra]“ (1814/15). Vor allem das später entwickelte zweite Blatt der Bilderfolge nimmt die für „Guernica“ charakteristischen Figuren vorweg: der Kampf zwi­schen Stier und Pferd, das Motiv der Mutter mit dem Säugling vor einem brennenden Haus sowie die Frauengestalt mit emphatisch zum Himmel gestreckten Armen.

Aufgrund der hohen Auflage von insgesamt 1.000 Exemplaren wurden beide Druckplatten verstählt. Das Portfolio zu „Traum und Lüge Francos“ enthält beide Radierungen sowie ein radiertes Gedicht des Malers. Es wurde im Sommer 1937 im Spa­nischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung in unmittelbarer Nähe zu „Guer­nica“ präsentiert und verkauft. Dabei kamen die Verkaufserlöse der Spanischen Republik zu Gute.

 

Tatjana Doll „RIP_Im Westen nichts Neues II“

Pablo Picassos berühmtestes Bild „Guernica“ ist in der Schau durch Fotografien präsent. Dora Maar hielt acht verschiedene Zustände des Werks fest, aber auch seine Präsentation im Spanischen Pavillon ist thematisiert. Die deutsche Malerin reinterpretiert das Monumentalgemälde in „RIP_Im Westen nichts Neues II“ (2009), das sie nach Erich Maria Remarques gleichnamigen Roman zum Ersten Weltkrieg benennt.3 Die monochrome Arbeit nähert sich dem Werk über eine Verallgemeinerung der berühmten Motive. Die schreiende Mutter mit Kind, der Stier, das Pferd, die Lampe und die aus dem brennenden Haus Fliehende – sie sind alle da. Und doch verfremdet Doll geschickt das Bild, indem sie in der letzten Malschicht mit äußerst dünnflüssiger Farbe die rudimentär angelegte Komposition überarbeitet. Die rinnende Farbe verweist nicht nur auf den Malprozess an sich, sondern wirkt auch wie ein Schleier, der den Blick auf die Ikone verhindert.

 

 

Variationen der Friedenstaube

Einen Schwerpunkt der Ausstellung im Pablo Picasso Museum Münster bilden Picassos Variationen der Friedenstaube, die er 1949 für den ersten Weltfriedenskongress als Plakatmotiv zur Verfügung stellte und die sich in der Folgezeit zu einem weltweit anerkannten Symbol der Friedensbewegung entwickelte. Schon sieben Jahre zuvor hatte Picasso mehrere lavierte Tuschzeichnungen von Mailänder Tauben angefertigt, die sich Henri Matisse schenken lassen wollte. Am 9. Januar 1949 zeichnete er eine solche mit subtil ausdifferenziertem Federkleid vor einem mit Petroleum lavierten lithografischer Tusche Hintergrund. Louis Aragon wählte genau dieses Motiv als Plakatmotiv, was Picasso anfangs amüsiert haben dürfte. Seiner Freundin Geneviève Laporte gegenüber äußerte er sich halb belustigt:

„Der arme Aragon […] Er versteht nichts von Tauben. Die Legende der zarten Taube, was für ein Witz! Es gibt keine brutaleren Tiere. Ich habe hier welche gehabt, die mit Schnabelstös­sen ein kleines Täubchen getötet haben, das ihnen nicht gefiel. Sie haben ihm die Augen aus­gehackt, es zerrissen, das war furchtbar […]. Was für ein Symbol für den Frieden!“4

Offensichtlich ließ sich Pablo Picasso von der Sinnhaftigkeit dieser Wahl überzeugen, denn zwischen 1949 und 1962 schuf Pablo Picasso insge­samt zehn politische Plakate mit der Friedenstaube. Immerhin schwingt doch die Geschichte von Noahs Taube unmissverständlich mit (1. Mose 8, 6 –12). Alle folgenden Entwürfe verweisen auf die etablierten christli­chen Darstellungsmuster und variieren sie, wobei der ebenfalls aus der christlichen Tradition abgeleitete Regenbogen eine zunehmend große Rolle spielt (Gen 9, 13). Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der Kommunistischen Partei Frankreichs zeichnete Picasso ab dem 5. Dezember 1950 eine Folge von 29 allegorischen Variationen zur Friedenstaube, wobei er hierbei ein Frauengesicht mit der Taube verschmolzen hat.

 

 

Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube in Münster

Krieg und Frieden im Werk von Pablo Picaso – wird anhand von etwa 50 Werken analysiert. Die Weigerung des Künstlers „dokumentarisch“ zu arbeiten, führte zu symbolisch aufgeladenen, vielschichtigen Werken mit offenen Interpretationshorizont. Markus Müller gelingt es im begleitenden Katalog einen gangbaren Weg durch das Dickicht der Interpretationen zu schlagen und Picassos subversiven Widerstand zugänglich zu machen. Dass der Meister – trotz heftiger Debatten um seine expressive Kunst auch innerhalb der Kommunistischen Partei – zum „Erfinder“ der Friedenstaube werden konnte, lag an der Einprägsamkeit seines Motivs zumindest genauso wie an seiner Bereitschaft dafür von seinen avantgardistischen Stilexperimenten Abstand zu nehmen. Sehens- wie lesenswert!

 

Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube: Ausstellungskatalog

Markus Müller für das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster (Hg.)
mit Beiträgen von Alexander Gaude, Markus Müller
118 Seiten
ISBN 978-3-95498-384-1
Sandstein Verlag, Dresden

 

Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube: Bilder

  • Pablo Picasso, Mann mit Schaf, 1943, Bronze (Musée Picasso, Paris © Succession Picasso, Paris, VG Bild-Kunst, Bonn 2018)
  • Pablo Picasso, Die Taube im Regenbogen, 1952, Lithografie (© Succession Picasso, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)
  • Pablo Picasso, Fliegende Taube im Regenbogen, 1952, Lithografie (© Succession Picasso, Paris / VG Bild-Kunst, Bonn 2018)
  • Pablo Picasso, Die verschränkten Hände II, 1952, Lithografie © Succession Picasso, Paris  VG Bild-Kunst, Bonn 2018
  • Tatjana Doll, RIP_Im Westen Nichts Neues II, 2009, Lack auf Leinwand (Galerie Lehmann, Dresden, Foto: Bernd Borchardt © Courtesy Galerie Gebr. Lehmann)

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  1. Zit. n. Markus Müller, „Das Schweigen der Lämmer“. Pablo Picassos Bildfindungen zu Krieg und Frieden, in: Picasso – Von den Schrecken des Krieges zur Friedenstaube (Ausstellungskat. Picasso Museum Münster 2018), S. 11. Die in diesem Beitrag verarbeiteten Informationen sind großteils aus seinem gut geschriebenen Aufsatz entnommen.
  2. Ebenda, S. XX
  3. Das Bild ist Teil eines Zyklus, in dem die Künstlerin Werke von Pablo Picasso, Max Beckmann und Francis Bacon in ihrer charakteristischen Lackfarben-Technik nachmalt, variiert und ver­fremdet hat.
  4. Zit. n. Geneviève Laporte, Si tard le soir, in: Conversation avec Picasso, Picasso. Propos sur l’art, hg. von Marie-Laure Bernadac und Adroula Michael, Paris 1998, S. 130
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.