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Pieter Bruegel der Ältere: Kinderspiele Beschreibung und Deutung

Pieter Bruegel der Ältere, Kinderspiele, Detail, 1560, signiert und datiert, Öl auf Eichenholz, 118 x 161 cm (Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. 1017)

Pieter Bruegel der Ältere, Kinderspiele, Detail, 1560, signiert und datiert, Öl auf Eichenholz, 118 x 161 cm (Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. 1017)

Pieter Bruegel der Ältere stellte im Gemälde „Kinderspiele“ 246 Kinder – 168 Buben und 78 Mädchen – in Beschäftigung mit 91 Kinderspielen dar, lediglich zwei Erwachsene sind in der Komposition zu entdecken. Der erhöhte Blick des Betrachters fällt auf den Platz einer Stadt, gesäumt von einem Flusslauf und Bäumen sowie Häusern und Straßen, die mittels tief fluchtender Zentralperspektive angeordnet sind. Die kleinen Gestalten sind in bewegten Gruppen auf dem gesamten Tafelbild vom Vorder- bis in den Hintergrund angeordnet.

 

Karel van Mander, der bedeutendste Biograph Bruegels, beschrieb das Werk 1604 als „[…] das allerlei Kinderspiele zeigt und unzählige kleine Allegorien.“1 Hiervon leitet sich der Titel des Gemäldes ab. Ob Pieter Bruegel diese Bezeichnung selbst geprägt hat, ist nicht überliefert.

 

Kindlicher Scherz oder pessimistische Lebensbetrachtung?

Im 16. Jahrhundert fanden Allegorien der Lebensalter, und damit der Kindheit, Eingang in Stundenbücher und Kalender. In der Literatur wurden verschiedene Formen der Unterhaltung und des Zeitvertreibes von Kindern bereits früher beschrieben. Zu den bekanntesten Aufzählungen von Kinderspielen gehören:

  • Jean Froissart (um 1337–nach 1404) in dessen „L´espinette amoureuse“ (1365–1372)
  • François Rabelais (um 1494–1553) im 22. Kapitel von „Gargantua“ (1535)

Man kann in Pieter Bruegels Gemälde ein „Inventar der Kinderspiele“ (Romdahl) sehen oder als Darstellung der „Alterstufen der Menschen“ (Tietze-Conrad) deuten. Vielleicht ist in diesem Sujet aber auch das „unsinnige menschliche Treiben“ (Sedlmayr) gemeint, quasi „die Welt als Kinderspiel“ (de Tolnay). „Bruegels Geschöpfe sind ein wenig animalisch und etwas närrisch“ meinte Max Friedländer. In den Interpretationen des Bildmotivs wurden Bezüge zwischen kindlichem Gehabe und dem Verhalten Erwachsener hergestellt und dem Gemälde eine moralisierende Bedeutung zugewiesen. Auffallend sind die mürrischen Gesichter der Kinder, die sich nicht lautstark miteinander unterhalten.

Zudem wurde ein Zusammenhang mit Pieter Bruegels „Die niederländischen Sprichwörter“ (1559) in der Gemäldegalerie in Berlin und „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ (1559) im Kunsthistorischen Museum in Wien hergestellt (Demus). Die drei Gemälde entstanden in enger zeitlicher Abfolge und geben Aufschluss über die Beschäftigung des Malers mit allegorischen, literarischen und humorvollen Inhalten, wenn auch bislang kein schlagender Beweis für eine Zusammengehörigkeit erbracht werden konnte. Könnten sie für den selben Auftraggeber entstanden sein?

Pieter Bruegel der Ältere hinterließ mit seinem Werk erstmals eine überreiche Vielfalt von Kinderspielen, deren Varianten gleichzeitig stattfinden: das Bockspringen, der Kopfstand, das Gehen auf Stelzen, das Treiben eines Reifens, das Schlagen von Purzelbäumen, das Nachspielen einer Hochzeit, das Balkenturnen, das Kreisel Drehen, Blinde Kuh, das Knöchelspiel, das Reiten auf dem Steckenpferd etc. Dem Betrachter eröffnet sich die ganze Welt der kindlichen Unterhaltungen auf einer Holztafel.

 

 

Pieter Bruegel der Ältere, Kinderspiele: Bild

  • Pieter Bruegel der Ältere, Kinderspiele, 1560, signiert und datiert, Öl auf Eichenholz, 118 x 161 cm (Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. 1017)

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  1. Zitat nach Karel van Mander, Het Schilderboeck, Das Leben des Hervorragenden Malers Pieter Brueghel, 1604.
Dr. Birgit Schmidt
Dr. Birgit Schmidt, freischaffende Kunsthistorikerin in Wien, Spezialistin für Alte Meister, Künstlerinnen und die Wiener Schule der Kunstgeschichte