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Kristallvisionen in der Kunst

Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst (KERBER, Cover)

Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst (KERBER, Cover)

Kristalle und Kristallines von der Romantik bis zur Gegenwartskunst interessieren Matthias Frehner und Daniel Spanke vom Kunstmuseum Bern. In sechs Aufsätzen nähern sie sich dem Kristall und seiner Bedeutung für die bildende Kunst, von der Aufklärung im 18. Jahrhundert, der kristallinen Form als Ausgangspunkt architektonischen Denkens bis hin zur Erneuerung der Malerei im Kubismus und Expressionismus. Der Symbolgehalt des Kristalls als Ausdruck von Vergeistigung sowie Reinigung ist bereits früh nachweisbar und wird im 20. Jahrhundert in der Kunst von Joseph Beuys und Marina Abramović fortgeschrieben. Der Ausstellungskatalog fällt schon allein durch seine leicht facettierte, kristalline Form auf, folgt in der grafischen Gestaltung aber dann doch dem klassischen Katalogschema. „Stein aus Licht“ versammelt Aufsätze von ausgewiesenen Spezialistinnen und Spezialisten wie Regine Prange, Johannes Grave, Bernd Nicolai und Verena Kuni.

Kristall: Symbol und Geologie

Sich mit dem „Stein aus Licht“ zu beschäftigen, bedeutet sich vor allem mit der symbolischen Aufladung von Material und Form auseinanderzusetzen. Der Kristall, so eine Annahme, stehe für Verwandlung (vergleiche auch Märchen), Ordnung der Welt, Regelmäßigkeit, Spiritualität und verweise auf ein höheres, reineres, reicheres Dasein. Seine regelmäßige Gitterstruktur, seine Facetten faszinierten und faszinieren durch Vielfalt, Schönheit und bizarre Fremdheit. Sowohl Alexandre Calame (1810–1864) als auch Caspar Wolf (1735–1783) begannen im 18. Jahrhundert Berge kristallin umzudeuten und sie so ästhetisch darstellbar zu machen. Die Begeisterung für Kristallines steigerte sich um 1800, als Analogieschlüsse zur Architektur gezogen und die Strukturprinzipien von Kristallen naturwissenschaftlich nachgewiesen wurden. Interesse für Erdgeschichte verband sich mit dem Wissen um den Vorgang der Kristallisation als Prozess der Selbstorganisation des anorganischen Materials. Die Maler der Romantik - allen voran Caspar David Friedrich (1774–1840) und der malende Arzt Carl Gustav Carus (1789–1869) - revolutionierten die Landschaftsmalerei, indem sie barocke Kompositionsprinzipien wie die innerbildliche Rahmung und den Einsatz von Staffagefiguren ablehnten. Stattdessen ging es ihnen um eine bildliche Inszenierung eines Naturtempels, wie Johannes Grave in seinem Aufsatz zu zwei aquarellierten Zeichnungen ausführt (S. 23-29). Die Bildungsgesetze der Natur, so suggeriert die Darstellung der Fingalshöhe auf der Insel Staffa, fallen in Eins mit den Leistungen der Architektur.

 

 

Natur und Kunst verschmelzen im Kristall

Dem Sublimen folgten in der Romantik Architekturvisionen und Interpretationen gotischer Kathedralen. Letztere erschienen romantischen Autoren wir kristalline Naturformen. Dieses Konzept steigerte sich im frühen 20. Jahrhundert in den Gebäuden von Bruno Taut (1880–1938), Hans Scharoun (1893–1972) und Paul Scheerbart (1863–1915). Das „Glashaus“ von Taut auf der Kölner Werkbundschau 1914 ist genauso in die Kunstgeschichte eingegangen wie Joseph Paxtons „Crystal Palace“ der Londoner Weltausstellung 1851. Für Bruno Taut (1880–1938) bedeutete der transparente Kristall und damit auch das Glas Reinheit und Perfektion, womit der den visionär-utopischen Entwürfen von Wenzel Hablik (1881–1934) folgte. Der Kristall wurde für ihn Symbol und abstrakte Form des Höchsten (Nicolai, S. 46).

Ab 1905 zogen die Maler nach. Adolf Hölzel (1853–1934) und Georges Braque (1882–1963) nutzten kristalline Strukturen, um mit grundlegenden, künstlerischen Mitteln mit der realistischen Wiedergabe zu brechen. Wenn die Ausstellungsmacher auch bekunden, dass Braques Gemälde „Häuser in L’Estaque“ (1908) in der eigenen Sammlung den Ausgang für die Beschäftigung mit dem Kristall war, so erstaunt, dass in den Texten diesem Werk und dem Kubismus im Vergleich zum deutschen Expressionismus kaum Aufmerksamkeit wurde.

Wenige nutzten die Symbolkraft so radikal wie der St. Petersburger Musiker, Künstler und Freund Malewitschs Michail Matjuschin (1861–1934) in dessen „Selbstporträt „Kristall““ aus dem Jahr 1917. In Auseinandersetzung mit kunsthandwerklichen Techniken entwickelte Augusto Giacometti (1877–1947) farbige Abstraktionen, die durchaus mit kristallinen Formen oder kaleidoskopartigen Farbnebeln verglichen werden können. Sowohl der Kristall, als Objekt mit einer Reihe von Metaphern angelagert, als auch das Kristalline als Ordnungsprinzip übten im frühen 20. Jahrhundert großen Einfluss auf das Denken von Künstlern aus: Paul Klee (1879–1940) setzte beispielsweise das Wachstum von Pflanzen und Kristallen parallel.

 

 

Kristallkontakte nach '45

Im Surrealismus sammelten und interpretierten André Breton, Jurgis Baltrušaitis und Roger Caillois die „Steine“, vornehmlich Achaten, aufgrund von Form- und Farbschönheit (→ Biennale: Der spielende, sammelnde und staunende Mensch). In einige Achat und Marmor-Arten lassen sich Landschaftsmotive hineinträumen. Dieser Aufladung als Naturschauspiel widersetzte sich der Fotograf Alfred Erhardt mit seinen Kristallfotografien, die dem Neuen Sehen verpflichtet sind.
Joseph Beuys gehört zu den wichtigsten Künstlern im Zusammenhang mit der Kristall-Reflexion bzw. Aufladung nach 1945. Auffallend ist, dass sich alchimistisch-esoterische Praktiken und wissenschaftlich-ästhetische Analysen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Gegenpole durchsetzen. Beuys` Deutung des Kristalls als „Zeichen für Denken“ und Voraussetzung für eine Erneuerung geht schlussendlich auf Rudolf Steiners Theorie und den deutschen Romantiker Novalis zurück. Ähnlich verhält es sich auch im Werk von Marina Abramović, die mentale Klärung, Reinigen und Vergeistigung im und mit dem Kristall zu finden hofft (Kuni, S. 53-54).

Darüber hinaus versammeln Ausstellung und Begleitband Gemälde, Zeichnungen und Objekte, beginnend mit Caspar Wolfs Gemälden von Bergen und Gletschern aus den 1770er Jahren, Architekturvisionen von Wenzel Hablik, Hans Scharoun und Bruno Taut, gefolgt von Georges Braques „Häuser in L’Estaque“ (1908), Franz Marc, Lyonel Feininger (→ Lyonel Feininger / Alfred Kubin), Augusto Giacometti, Adolf Hölzel, Paul Klee, Fritz Winter, Max Gubler, Richard Paul Lohse, Meret Oppenheim und Bernhard Frize. Ergänzt wird die Malerei durch Fotografien von Alfred Erhardt, Joseph Beuys‘ „Honigpumpe“ (1984) und den „Shoes for Departure“ (1991) von Marina Abramović.

 

 

Stein aus Licht. Kristallvisionen in der Kunst: Ausstellungskatalog - Inhaltsverzeichnis

M. Frehner, D. Spanke (Hrsg.)
mit Texten von J. Grave, V. Kuni, B. Nicolai, R. Prange, J. Richter, D. Spanke, H. Ricci
224 Seiten, Bielefeld 2015
ISBN 978-3-7356-0071-4
KERBER

Daniel Spanke, Stein aus Licht. Mit dem Kristall ins Reich der Kunst, S. 10-19
Johannes Grave, Zur Faszinationsgeschichte des Kristallinen in der Romantik. Naturforschung und Landschaftsbild bei Carl Gustav Carus, S. 22-30.
Regine Prange, In den Kristall - Dein Fall!, S. 32-41.
Bernd Nicolai, Kristallbau und kristalline Baukunst als Architekturkonzepte seit der Romantik, S. 42-51.
Verena Kuni, Kristallwelten. Facetten des Kristallinen in der Kunst nach 1945, S. 52-65.
Jörg Richter, Claritas, Puritas, Splendor. Bergkristall und kristalline Formen in der Kunst vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert, S. 66-80.

 

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.