Wolfgang Hollegha

Wer ist Wolfgang Hollegha?

Wolfgang Hollegha (* 4.3.1929, Klagenfurt) ist einer der renommiertesten Vertreter der abstrakten Malerei in Österreich (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Über sechs Jahrzehnte prägte er die österreichische Kunst entschieden. Neben Josef Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer zählt Wolfgang Hollegha zu den bedeutendsten Malern seiner Generation. Zwischen 1972 und 1997 hatte Hollegha eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien inne. Wolfgang Hollegha lebt und arbeitet seit 1962 in Rechberg in der Steiermark, wo er sich ein 14 Meter hohes Atelier aus Holz nach eigenen Plänen errichten ließ.

„Solange ich die Dinge betrachte, sind sie lebendig. Wenn ich sie nun ganz stur abzeichnen würde, wären sie plötzlich tot, also schaue ich, dass mein Körper, die Art, die Hand zu bewegen, die Verlagerung der Schwerkraft, die man spürt, dass all das in der Zeichnung erhalten bleibt. Die Spontaneität des Körpers spielt mit. Ich male nicht geometrisch, weil man die Dinge nicht geometrisch sieht. Ich bin immer von der Natur ausgegangen, von dem, was ich sehe. Meine Grundtendenz ist, der Geometrie zu entkommen.“ (Wolfgang Hollegha)

Ausbildung und Galerie St. Stephan

Der 1929 in Klagenfurt geborene Maler Wolfgang Hollegha studierte von 1947 bis 1954 an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Josef Dobrowsky und Herbert Boeckl. Zu seinen Studienkollegen gehörte Josef Mikl. Eine erste Einzelausstellung fand 1952 im legendären Art Club, Wien, statt. Kurz schloss er sich der äußerst heterogenen „Hundsgruppe“ rund um Arnulf Rainer an. Kurz darauf (1953) freundete er sich mit Markus Prachensky an, und schon im Jahr 1954 stellten Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Arnulf Rainer und Markus Prachensky unter dem Titel „Die Brandstifter“ in der Wiener Secession aus. Zu diesem Zeitpunkt teilten sich Hollegha und Prachensky ein Atelier in der Liechtensteinstraße, wo sie 1956 gemeinsam mit Josef Mikl und Arnulf Rainer die Malergruppe St. Stephan gründeten. Dabei handelte es sich um eine lose Künstlergruppe, die vertraglich nicht an die Galerie gebunden war.

Schon bald nach der Gründung Galerie St. Stephan durch Monsignore Otto Mauer in den Räumen der Neuen Galerie (1954) nahm der damals 25-jährige Hollegha Kontakt zur Galerieleitung auf. Monsignore Otto Mauer widmete ihnen dennoch regelmäßig Ausstellungen, wodurch rasch der Eindruck einer intensiven Zusammenarbeit entstand. Das internationale Ausstellungsprogramm war anerkannten Künstlerinnen und Künstlern wie Georges Rouault, Alfred Manessier, Lovis Corinth, James Ensor, Käthe Kollwitz gewidmet, wodurch auch Wolfgang Holleghas frühes Werk im Kontext dieser Positionen gesehen wurde.

Werke

Wolfgang Hollegha bewegte sich seit Anfang der 1950er Jahre im Bereich zwischen geometrisierender und freier Abstraktion. Um 1950 arbeitete er an „Maschinenbildern“, die ihn von der Komposition befreite, und in der Folge „Pflanzenbilder“. Für letztere nutzte er organoid abstrahierende Tuschezeichnungen, die er mit wenigen Strichen von pastelligen Aquarelltönen überlagerte. Die Abstraktion wird in Wien nicht als Abkehr von der Welt, sondern als Verdichtung aller ihrer Möglichkeiten verstanden, wie Maria Lassnig 1971 retrospektiv festhielt.1

Hollegha entwickelt um 1960 eine abstrahierende Formensprache, die er aus der Wirklichkeit, vorwiegend aus der Natur, destilliert. Er löst die reale oder konstruierte Form des Gegenstandes langsam in transparente, lichtdurchflutete, freischwebende Farbkörper auf. Als er 1958 den österreichischen Guggenheim-Preis erhielt, war damit eine Ausstellung in New York verbunden. Clement Greenberg war von Holleghas abstrakten Bildern begeistert. Der zu jener Zeit bedeutendste amerikanische Kunstkritiker begeisterte sich vor allem auch für die dünnflüssig aufgetragene Farbe, was Holleghas Werke in die Nähe des amerikanischen Colourfield Painting, allen voran von Sam Francis oder Morris Louis, rückte. Allerdings handelt es sich bei dieser Ähnlichkeit nur um eine formale, da sich Wolfgang Hollegha zeit seines Lebens auf die Natur nicht der rein auf die Fläche bezog, wie es in der amerikanischen Malerei diskutiert wurde.

Der Eindruck von Flächigkeit wird durch das partielle Bemalen des weißen Bildgrunds verstärkt. Dazu kommen das Überwinden der klassischen Bildkomposition, der Verzicht auf die traditionelle Perspektivkonstruktion, das Arbeiten zwischen Zufall und Kontrolle, aber auch in vielen Werken der Verzicht auf einen Bilderrahmen. Die Großformate (!) erhalten ihre farbigen Elemente, indem der Maler seinen ganzen Körper (wie bei einem Tänzer) einsetzt. Der meist schnelle performative Akt schreibt sich gleichsam über den Duktus in das Werk ein.

Hollegha und das amerikanische Colorfield Painting

Holleghas Malprozess besteht aus dem Schütten von dünnflüssiger Farbe auf die am Boden liegende Leinwand. Anschließend wischt der Künstler mit einem Tuch oder mit der Hand die Farbe wieder ab, oder er lässt Farbe vom Pinsel auf den Malgrund tropfen. Die Farbgestaltung ist frei assoziativ und hat mit dem Gegenstand, der den Ausgangspunkt für die jeweilige Komposition bildet, nichts zu tun. Vom realen Gegenstand als Motiv auszugehen, ist für Wolfgang Hollegha essenziell:

„Wenn ich das Sichtbare als Ausgangspunkt nicht hätte, wäre das, was ich mache, ein rein willkürliches Geschmiere. Ich brauche das Sichtbare als Ausgangspunkt, um es zu verändern […]. Meine Malerei ist der Versuch, einen Raum in der Fläche zu erzeugen, der geordnet, zusammenhängend ist. Indem man den Raum darstellt, verwandelt man das, was man sieht. […] Man muss sich als Maler bewegen. Die Möglichkeit der Bewegung der Hand provoziert die Bewegung im Bild. In dem Aufsatz ‚Das Auge und der Geist‘ schreibt Maurice Merleau-Ponty, ein Freund Sartres, etwas für mich sehr Wichtiges: ‚Der Maler bringt seinen Körper ein. In der Tat kann man sich nicht vorstellen, wie ein reiner Geist malen sollte. Indem der Maler der Welt seinen Körper leiht, verwandelt er die Welt in Malerei.‘“2 (Wolfgang Hollegha)

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen baute Wolfgang Hollegha in den frühen 1960er Jahren ein enges Netzwerk zu amerikanischen Malern auf. Er stellte in New York gemeinsam mit Sam Francis aus, der damals durch seine Beziehung mit Kiki Kogelnik auch in Wien präsent war und eine Einzelausstellung in der Galerie St. Stephan hatte. Holleghas Bemühungen, auch Morris Louis in der Wiener Galerie zu zeigen, scheitern allerdings an der Ablehnung dieses Projekts durch Monsignore Otto Mauer. Kurz vor seiner Rückkehr aus den USA lebte Wolfgang Hollegha in London, wo er am Institute of Contemporary Art eine Recidency hatte. Der Maler kehrte 1961 wieder nach Österreich zurück und lebt seitdem zurückgezogen in der Steiermark und Nordspanien.

Preise und Ausstellungen

Bereits während seines Studiums beteiligte sich Wolfgang Hollegha 1951 an der Ausstellung „Unfigurative Malerei“ im Künstlerhaus Klagenfurt, die Arnulf Rainer und Maria Lassnig organisierten, um der Abstraktion in Österreich eine erste Plattform zu bieten. Im folgenden Jahr war er im Wiener „Art Club“ zu sehen und bereits 1957 in der Pariser Galerie Arnaud in der Ausstellung „Abstraits d‘ Autriche“ vertreten. Dass Wolfgang Hollegha 1958 den mit 1.000 $ dotierten Guggenheim Preis für Österreich3 zugesprochen wurde, belegt die hohe Aufmerksamkeit, die seinem Werk zuteilwurde: Er erhielt die Auszeichnung für das Bild „Gestürzte Figur“ von 1958.

1959 war Wolfgang Hollegha in der bedeutenden Ausstellung „Junge Maler der Gegenwart“ im Künstlerhaus Wien vertreten. Zu sehen waren Werke von Antoni Tàpies, Willem de Kooning, Sam Francis, Jackson Pollock, Georges Mathieu, Pierre Soulages, Jean-Paul Riopelle, Yves Klein, Arnulf Rainer und Josef Mikl. Einer der Besucher dieser Ausstellung war der junge Hermann Nitsch, der sich so sehr von den Werken beeindruckt zeigte, dass er sich neben der Entwicklung des Orgien-Mysterien-Theaters wieder der Malerei zuwandte.

Wolfang Hollegha feierte um 1960 große Erfolge in den USA: Er stellte 1959 mit Kennth Noland, Barnett Newman, David Smith und anderen in der Galerie French & Co. in New York aus. Ein Jahr später folgten bereits Einzelausstellungen bei French & Co. sowie in der Everett Ellin Gallery in Los Angeles. 1961 erhielt er mit Mark Tobey und Kelly den Carnegie-Preis in Pittsburgh und 1964 stellte der Maler im Guggenheim Museum, New York, aus. Die ihm in Amerika zuteilwerdende Aufmerksamkeit bestätigte die Relevanz von Holleghas künstlerischem Werk auch aus internationaler Perspektive.

Während der 1960er Jahre stellte Wolfgang Hollegha vor allem in der Galerie St. Stephan aus (1959, 1961, 1963, 1969, 1970). Zu den wichtigsten internationalen Ausstellungen zählten seine Teilnahme an der documenta III in Kassel4 (1964) und der IX. Biennale São Paulo im Jahr 1967. Ebenfalls 1967 fand im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, eine erste Retrospektive Holleghas statt.

Schülerinnen und Schüler von Hollegha

  • Alfred Klinkan studierte in den frühen 1970er Jahren bei Hollegha und wurde einer der wichtigsten Protaginisten der Jungen Wilden in Österreich: → Graz | Neue Galerie: Alfred Klinkan | Neue Wilde | Junge Wilde
  • Renate Bertlmann schloss ihr Malereistudium bei Wolfgang Hollegha 1974 an der Akademie der bildenden Künste in Wien ab.
  • Leo Mayer studierte in den 1970ern bei Hollegha. Er war danach bei Schmalix und Mikl Assistent.
  1. Siehe: Kristian Sotriffer, Zeichen und Gesten, in: Zeichen und Gesten. Informelle Tendenzen in Österreich (Ausst.-Kat. Wiener Secession, 28.8.–28.9.1986), Wien 1986, S. 4–20, hier S. 11.
  2. Zit. nach: Das Sichtbare sichtbar machen. Andrea Schurian im Gespräch mit Wolfgang Hollegha, in: Wolfgang Hollegha (Ausst.-Kat. Galerie Ulysses, Wien), Wien 2012, S. 6.
  3. Hierbei handelte es sich um ein kulturpolitisches Instrument der ehemaligen Besatzungsmacht: 1956 erhielt Herbert Boeckl den Preis.
  4. Die documenta III in Kassel zeigt Werke von mehreren österreichischen Künstlern: Herbert Bayer, Fritz Wotruba, Joannis Avramidis, Roland Goeschl, Andreas Urteil, Friedensreich Hundertwasser, Hollegha neben Klimt, Schiele, Kokoschka und Kubin.