Lee Krasner

Wer war Lee Krasner?

Lee Krasner (1908–1984) zählt zu den Pionierinnen des Amerikanischen Abstrakten Expressionismus. Die Malerin war zudem die Ehefrau von Jackson Pollock, dessen Werk und durchschlagender Erfolg sie in tiefe Krisen stürzte. Nach dem Unfalltod Pollocks erfand sich Krasner als Malerin neu. Noch während ihrer Ehe schuf sie aus zerrissenen Leinwandstücken ihrer eigenen Werke und der Pollocks dynamische Kompositionen. Ab den 1960er Jahren arbeitete sie farbenfroh, intuitiv und immer abstrakt. In den letzten Jahren wird die Malerin zunehmend entdeckt und in großen Ausstellungen vorgestellt.

„Ich bin damit beschäftigt, mich selbst zu kennen, um mit anderen zu kommunizieren. Malerei ist nicht vom Leben getrennt. Es ist eins. Es ist, wie zu fragen – möchte ich leben? Meine Antwort lautet Ja - und ich male.“1 (Lee Krasner, 1960)

 

Kindheit und Ausbildung

Lee Krasner wurde am 27. Oktober 1908 in Brooklyn, New York, als Tochter von Joseph und Chane Krassner geboren. Joseph Krassner war 1905 vor den Pogromen und dem russisch-japanischen Krieg aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Odessa (ehemals: Kaiserreich Russland, heute: Zentralukraine) in die USA ausgewandert.

Lee Krasner wuchs in einem orthodoxen jüdischen Haushalt auf; ihre Familie sprach eine Mischung aus Russisch, Jiddisch und Englisch. In ihrer Kindheit besuchte sie Gottesdienste in der Synagoge und nahm ihre Religion ernst. In der Synagoge kam Krasner erstmals in Kontakt mit Literatur und Musik. Wie viele Emigranten nahm Krasner eine amerikanische Version ihres Namens an, „Lenore“.

Sie schloss das P.S. 72 in Brooklyn ab und bewarb sich in der Washington Irving High School in Manhattan, die zu dieser Zeit die einzige öffentliche Schule in Greater New York war, die einen Kunstkurs für Mädchen anbot (1923–bis Frühjahr 1925). Im Februar 1926 schrieb sich Lee Krasner an der Cooper Union in Manhattan ein, wo sie bei Charles Louis Hinton (Anatomie, Gipsklasse) und Victor Semon Pérard studierte. Lee Krasner hatte Schwierigkeiten mit den traditionellen Lehrmethoden. Sie besuchte Kurse für Kostümdesign und Illustration, beide unter der Leitung von Ethel Traphagen. Anfang des Jahrs 1927 entdeckte sie die Kunst von Henri Matisse. Im Frühjahr 1928 verließ sie die Copper Union, um etwas „Ernsthafteres“ zu tun. Im Juli meldete sie sich bei der Art Students League an und zeichnete ein Monat lang bei George Bridgman Figuren.

Im Sommer 1928 verbrachte Lee Krasner viel Zeit bei ihren Eltern in Greenlawn, Long Island, um einen Spiegel an einen Baum im Garten zu nageln und ein Selbstporträt in Öl zu malen. Sie hoffte, dass dieses Gemälde sie für den Kurs „Life Drawing from Plaster Casts“ an der National Academy of Design in New York qualifizieren würde, für den sie bereits eingeschrieben war. Als es dem Akademiekomitee vorgelegt wurde, weigerte es sich zu glauben, dass sie es im Freien hätte malen können. Lee Krasner wurde trotzdem gefördert. An der National Academy wurde Krasner von Charles Curran, Ivan Olinsky, Leon Kroll, Raymond Nielsen und ihrem alten Gegner aus der Cooper Union, Charles Hinton, beaufsichtigt. Zum ersten Mal studierte sie Kunst in gemischtgeschlechtlichen Klassen. Am 7. Dezember 1929 wurde sie von der Schule suspendiert, da sie gemeinsam mit einer Freundin den für Frauen verbotenen Keller aufgesucht hatte.

Krasner bildete sich selbständig weiter, besuchte das Guggenheim Museum, das Museum of Modern Art und York Whitney Museum of American Art in New York, die zwischen 1929 und 1931 eröffnet wurden. Die Begegnung mit originalen Bildern von Matisse und Pollock hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf sie. Die wirtschaftliche Situation Lee Krasners zwang sie 1932 die National Academy of Design zu verlassen und sich für die gratis Kurse am City College in New York anzumelden.

 

Krasner und das Public Works of Art-Projekt (PWAP)

Im Dezember 1933 wurde das Public Works of Art-Projekt (PWAP) als Bestandteil von Roosevelts New Deal gegründet; die Works Progress Administration (WPA) und das Federal Art Project (FAP) gehörten ab 1935 dazu. Im Jahr 1941 wurde die WPA in das War Services Project umgewandelt.

Die PWAP engagierte mehr als 3.700 Künstler, um öffentliche Gebäude zu dekorieren. Lee Krasner war immer wieder für mehrere Monate mit Projekten beschäftigt und lernte in FAP Künstler wie Willem de Kooning, Stuart Davis und Arshile Gorky kennen. Zudem fand Krasner die WPA bemerkenswert frei von Diskriminierung von Frauen:

„Damals arbeiteten viele von uns - Alice Trumbull Mason, Suzy Frelinghuysen, Gertrude Greene und andere. Die Leiterin des New Yorker Projekts war eine Frau, Audrey McMahon.“

  • Januar – März 1934: Zeichnungen von Fossilien für ein staatlich subventioniertes Buch über Felsen
  • August 1935: Zuteilung zur FAP, unterstützte Max Spivak
  • 1936: Fertigstellung eines Wandbilds, das de Kooning für die WPA begonnen hatte (er konnte es nicht fertigstellen, weil er kein amerikanischer Staatsbürger war).
  • 16. Juli 1937: Lee Krasner erhielt von der WPA einen „Pink Slip“, ein Kündigungsschreiben.
  • 19. August 1937: Wiedereinstellung.
  • Im Rahmen der Protestbewegung gegen die prekäre Beschäftigung von WPA-Künstlern kam Lee Krasner zu ihrer ersten Ausstellungsbeteiligung. Sie präsentierte „Still Life“ in „Pink Slips Over Culture“ in den ACA Galleries in New York (19.–31.7.). Die Ausstellung wurde vom Künstlerverband und dem Bürgerkomitee zur Unterstützung der WPA organisiert.
  • 31. August 1938: Krasner wurde wieder aus der WPA entlassen.
  • 29. November 1938: Wiedereinstellung. Krasner trat dem Vorstand der Künstlervereinigung bei und wurde Mitglied der AAA (American Abstract Artists).
  • Mai 1942. Krasner beaufsichtigte das Design und die Produktion einer Reihe von Schaufenstern für Kaufhäuser in ganz New York City. Zu ihrem Assistententeam gehörte Jackson Pollock. Krasners Entwürfe stellen Typografie und dokumentarische Fotografien einander gegenüber, um Fotomontagen zu schaffen, die an das Bauhaus erinnern.
  • 1943: Sowohl Krasner als auch Pollock wurden zu Auszubildenden in der Luftfahrtblechindustrie ernannt – Pollock zum WPA Project Service Trade Center in Brooklyn, Krasner zur New York Trade School in der East Seventh Street.

 

Schülerin von Hans Hoffmann

Im Herbst 1934 eröffnete der deutsche Künstler Hans Hofmann seine School of Fine Arts in der 137 East Fifty-Seventh Street. Im folgenden Jahr eröffnete Hofmann seine Sommerschule in Provincetown, Massachusetts. Nach dem Besuch der Überblicksausstellung zum Kubismus im Museum of Modern Art immatrikulierte sich Krasner 1937 an der Hans Hofmann School of Fine Arts. Sie reagierte auf dessen Theorien zur kubistischen Abstraktion, was ihn tief beeindruckte. Hans Hoffman war von den Ergebnissen so angetan, dass er bekanntlich sagte: „Das ist so gut, dass man nicht ahnen würden, dass es von einer Frau gemalt wurde.“2 Ihre Mitschüler an der Hofmann-Schule waren: Perle Fine, Ray Buddha Kaiser (später Ray Eames), Mercedes Carles, Lillian Olinsey (später Lillian Kiesler), John Little, Fritz Bultman, Wilfrid Zogbaum und George Mercer.

Harold Rosenberg stellte 1938 Lee Krasner dem Kunstkritiker Clement Greenberg vor. Sie ermutigte Greenberg, jeden Freitag an den öffentlichen Vorträgen von Hans Hofmann teilzunehmen, bei denen sie sich oft sahen. Krasner und Pantuhoff verbrachten den Sommer in Provincetown mit einer Gruppe von Künstlerkollegen, darunter Arshile Gorky und David Margolis. Krasner besuchte dort Hofmanns Sommerschule.

Im Mai 1939 stellte die Valentine Gallery Picassos Monumentalgemälde „Guernica“ (→ Picasso: Guernica) in einer vom American Artists Congress unterstützten Ausstellung aus, um Geld für den spanischen Flüchtlingshilfefonds zu sammeln. Krasner war überwältigt von der Arbeit:

„Es hat mich aus dem Raum geworfen. Ich habe den Block vier oder fünf Mal umrundet und bin dann zurückgegangen und habe es mir noch einmal angesehen.“3

 

Lee Krasner und Jackson Pollock

Nachdem Lee Krasner Pollocks Werke seit den frühen 1930er Jahren immer wieder auf Ausstellungen gesehen hatte, kam es im Dezember 1936 zur ersten persönlichen Begegnung mit dem Maler. Auf einer Loft-Party der Artists Union lernte sie einen Mann kennen, den sie erst später als den Künstler Jackson Pollock erkannte. Es sollte allerdings noch bis 1941 dauern, bis sie den berühmten Künstler näher kennenlernte.

„Ich war überwältigt, überwältigt, das ist alles. Ich habe all diese wunderbaren Gemälde gesehen. Ich hatte das Gefühl, als würde der Boden sinken [...] Wie konnte es einen Maler geben, von dem ich nichts wusste?“4 (Lee Krasner über das Werk von Jackson Pollock, 1941)

Anlässlich einer Ausstellung, die John Graham in der McMillen Gallery in der East Fifty-Sixth Street kuratierte, empfahl Krasner ihre neue Bekanntschaft. Krasner holte Pollock in dessen Atelier ab, das zufällig nur einen Häuserblock von ihrem entfernt lag. Sie besuchten gemeinsam die Eröffnung. Lee Krasner war sehr beeindruckt von Pollocks Werk und stellte ihn mehreren anderen Künstlern vor, darunter Willem de Kooning. Später schrieb Krasner über den Beginn ihrer Beziehung:

„Ich habe zuerst Widerstand geleistet, aber ich muss zugeben, ich habe nicht sehr lange Widerstand geleistet. Jackson hat mich fürchterlich angezogen und ich habe mich in jeder Hinsicht in ihn verliebt.“5

Die Auseinandersetzung mit Jackson Pollock und dessen intuitiver Arbeitsweise veranlasste Krasner, ihre eigene Herangehensweise an die Malerei zu überdenken. Es folgte eine lange und für sie schwierige Phase der „grauen Platten“. Da sie die Leinwände ständig übermalte, entstanden dichte Pigmentmassen, ohne dass ein Bild entstehen würde.

Im Herbst 1942 zog Krasner mit Pollock in der 46 East 8th Street, die dieser mit seinem Bruder Sanford McCoy und seiner Frau Arloie geteilt hatte. Anfangs arbeiteten sie gemeinsam für die WPA. Die am 20. Oktober 1942 eröffnete Galerie Art of This Century von Peggy Guggenheim wurde in den folgenden Jahren die wichtigste Galerie für Jackson Pollock. So präsentierte Guggenheim ab 8. November 1943 Pollocks erste Einzelausstellung bei Art of This Century.

 

Hochzeit und Umzug nach Springs

Im Sommer 1945 trafen Lee Krasner und Jackson Pollock Reuben und Barbara Kadish an der Südgabelung von Long Island. Nachdem Pollock und Krasner einige Wochen in der Gegend verbracht hatten, beschlossen sie, die Stadt zu verlassen und dauerhaft auf Long Island zu leben. Ihre Freunde Harold und May Rosenberg hatten kürzlich ein altes Haus im nahe gelegenen Weiler Springs gekauft.

Am 25. Oktober heirateten Lee Krasner und Jackson Pollock in der Marble Collegiate Church in New York. May Tabak Rosenberg und der Kirchenvorsteher waren die Trauzeugen, nachdem Peggy Guggenheim das Angebot von Krasner, an der Zeremonie teilzunehmen, mit den Worten abgelehnt hat: „Bist du nicht schon genug verheiratet?“ Am 5. November kauften die Jungvermählten mit Guggenheims finanzieller Hilfe für 5.000 US-Dollar ein Bauernhaus aus Schindeln auf der Fireplace Road in Springs, Long Island. Im Haus in Springs übernahm Krasner das Schlafzimmer im Obergeschoss als Arbeitsbereich, während Pollock die Scheune als Atelier nutzte.

 

Zunehmende Bekanntheit und Durchbruch mit den „Little Images“ (1946)

Im Jahr 1944 nahm Lee Krasner an der Ausstellung „Abstrakte und surrealistische Kunst in Amerika“ im San Francisco Museum of Art teil. Die von Sidney Janis organisierte Schau stellte Krasners Kunst neben Werken von Hofmann, de Kooning, Stuart Davis und Robert Motherwell erstmals überregional vor. Als Howard Putzel, Guggenheims ehemaliger Assistent, 1945 Art of This Century verließ und seine eigene Galerie 67 mit der Ausstellung, „A Problem for Critics“ (14.5.) eröffnete, war Krasner die einzige weibliche Teilnehmerin. Neben ihr stellten noch Pollock, Mark RothkoArshile Gorky und Richard Pousette-Dart, Pablo Picasso, Jean Arp und Joan Miró aus.

Im Frühjahr 1946 gelang Lee Krasner der Durchbruch mit einer neuen Reihe von Werken, die sie als „Little Images [Kleine Bilder]“ bezeichnete. Sie zeigte eine Auswahl ihrer „Little Images“, darunter „Composition“ (1943) und „Abstract No. 2“ (1946–1948), sowie eine ihrer Mosaiktafeln in der Ausstellung „The Modern House Comes Alive 1948–49“ in der Bertha Schaefer Gallery in New York. Ab Herbst 1948 nannte sich Lee Krasner durchgehend so und etablierte ihren Künstlernamen.

 

Mrs. Pollock?

Zweifellos litt die weitere Karriere von Lee Krasner unter dem steigenden Ruhm ihres Ehemanns. Im August 1949 veröffentlichte das Life-Magazin einen Artikel mit dem Titel „Jackson Pollock: Ist er der größte lebende Maler in den Vereinigten Staaten?“. Der Artikel festigte Pollocks Ruf in der New Yorker Kunstszene und trug in hohem Maße zur internationalen Anerkennung für seine Arbeit bei. Als sie beide an der Ausstellung „Artists: Man and Wife“ in der Galerie Sidney Janis teilnahmen, wurde Krasners Werk dem ihres Mannes untergeordnet.

Im März 1950 kehrten Krasner und Pollock nach Springs zurück, wo sich Krasner von ihrer „Little Images“-Serie löste und auf ihre erste Einzelausstellung in der Betty Parsons Gallery vorbereitete – ihre erste Einzelausstellung (ab 15.10.1951). Sie zeigte 14 Gemälde, von denen Krasner jedoch viele wiederverwendete, um Collagen zu machen (1955 in der Stable Gallery ausgestellt). Als Jackson Pollock beschloss, die Betty Parsons Gallery zu verlassen, weil sie nicht genug Arbeiten verkaufte, bat Parsons Krasner, ebenfalls zu gehen! Krasner erinnerte sich, dass es fast ein Jahr dauerte, bis sie sich von diesem Schock erholt hatte.

Vielleicht auch deshalb begann sich Lee Krasner 1953 von ihrem Mann zu emanzipieren: Sie verlegte ihr Atelier in ein kleines Nebengebäude auf einen Hektar Land neben ihrem Haus. Zum ersten Mal seit ihrem Umzug nach Springs verfügte die Malerin über ein eigenes Atelier. Krasner begann 1953 eine Reihe von großformatigen Collagen aus Fragmenten alter Werke, darunter Gemälden aus ihrer Ausstellung in der Betty Parsons Gallery. Die Malerin zerriss ihre Werke in Fetzen und kreierte daraus dynamische Kompositionen. Für Krasner bedeutete dieser Akt eine „Klärung“ und „eine Form des Wachstums“. Mit der Präsentation der Serie „Little Images“ in East Hampton am 15. August 1954 läutete Krasner eine neue Phase der Unabhängigkeit ein. Im folgenden Jahr collagierte sie nicht nur Elemente ihrer eigenen Arbeiten sondern auch jene von Gemälden Pollocks. Ihre Einzelausstellung in der Stable Gallery stieß auf positive Resonanz (26.9.–15.10.1955).

 

1956: Tod Jackson Pollocks und Organisation von dessen Retrospektive im MoMA

Jackson Pollocks Alkoholabhängigkeit verschlechterte sich 1956, und er begann eine Affäre mit Ruth Kligman. Im Juli stellte ihm Krasner ein Ultimatum und teilte ihm mit, dass sie ihre geplante dreiwöchige Reise nach Europa unternehmen würde. Am 11. August 1956 starb Jackson Pollock bei einem selbst verschuldeten Autounfall. Am Sonntag, dem 12. August, erhielt Lee Krasner einen Anruf von Clement Greenberg, der ihr den Tod Pollocks mitteilte. Krasner flog noch in dieser Nacht nach New York zurück und wurde am Flughafen von Barnett Newman und dessen Frau Annalee abgeholt. Pollocks Beerdigung fand am 15. August in der Springs Chapel statt. Er wurde auf dem Green River Cemetery in Springs beigesetzt.

Krasners Freunde, darunter Helen Frankenthaler, Betty Parsons, Robert Motherwell und Philip Guston und dessen Frau Musa, kümmerten sich im Herbst/Winter 1956 um die Witwe. In dieser Zeit war Krasner stark in die Organisation von Pollocks Retrospektive im Museum of Modern Art, New York eingebunden (19.12.1956–3.2.1957).

 

Krasners Atelier in der Scheune

Im Sommer 1957 übernahm Lee Krasner Pollocks Atelier in der Scheune in Springs. Sie konnte nicht es allerdings nicht ertragen, allein in Springs zu leben, weshalb sie im Herbst nach Manhattan zurückkehrte. Auf ihrer ersten Einzelausstellung bei Martha Jackson präsentierte die Malerin 17 aktuelle Werke aus den Jahren 1956/57, darunter „Listen“, „Earth Green“, „Spring Beat“, „Upstream“, „Sun Woman I“, „The Seasons“, „Embrace“ und „Birth“. Das Time Magazine zitierte Krasner mit den Worten: „Für mich sind das besondere Gemälde. Sie stammen aus einer sehr anstrengenden Zeit, einer Zeit des Lebens und des Todes. “ Die Ausstellung erhielt erhebliche Aufmerksamkeit von der Presse, einschließlich einer Rezension von Stuart Preston in der New York Times:

„Die Tapferkeit von Lee Krasners jüngsten und riesigen abstrakten Gemälden […] präsentiert eine rohe Herausforderung für das Auge […] Sinnlich, sinnlich und aggressiv dekorativ machen diese Gemälde darauf aufmerksam, dass die Künstlerin ihre Kompositionen lenkt, sich nicht nur ihrem Material unterwirft oder dem Automatismus freien Lauf lässt.“

Tod von Lee Krasners Mutter 1959 stürzte die Künstlerin in eine tiefe Depression. Krasner begann ein neues Werk, das sie die „Umber“-Serie betitelte. Einige der Bilder entstanden in der Scheune von Springs, andere in New York City. Sie schuf alle nachts bei künstlichem Licht, da Krasner an chronischer Schlaflosigkeit litt. Richard Howard beschrieb sie als „Trauerbilder“, die jeweils durch eine „Nachtreise“ entstanden wären.

Die zunehmende kunsthistorische Aufarbeitung des Abstrakten Expressionismus und der Rolle von Hans Hofmann und dessen Studenten lenkte auch Aufmerksamkeit auf Lee Krasner (ab 1963 → Abstrakter Expressionismus | Informel). Ein Armbruch führte im Sommer 1963 zur „Primary“-Serie, in der die Farbe wieder in ihr Werk zurückkehrte. Die Whitechapel Gallery in London eröffnete im September 1965 ihre Retrospektive „Lee Krasner: Paintings, Drawings and Collages“, kuratiert von Bryan Robertson. Der Arts Council of Great Britain nahm die Ausstellung mit auf Tour: Ferens Art Gallery, Hull; Victoria Street Gallery, Nottingham; City Art Gallery, Manchester; Arts Council Gallery, Cardiff; und City Art Gallery, York. In der Pariser Ausgabe der Herald Tribune schrieb Sheldon Williams, dass die Ausstellung „[Krasner] die ihr zustehende Statur verlieh“, und fügte hinzu, dass angesichts der Pop Art und der Hard Edge Malerei es gut wäre, „eine so gute Künstlerin wie Lee Krasner zu finden, die den tachistischen Weg unbeirrt weiterging.“ John Russell bezeichnete die Retrospektive als ein „berauschendes Erlebnis “. „Lee Krasner, Gouaches and Drawings“ in der Franklin Siden Gallery in Detroit (8.–27.11.).

 

Feministin avant le lettre

Beflügelt von der internationalen Anerkennung schuf Lee Krasner einiger ihrer berühmtesten Serien wie „Earth“, „Water“, „Seed“ und „Hieroglyphs“. Hier beschäftigte sie sich mit Kalligrafie und Farbreichtum. In den frühen 1970er Jahren wurde auch der beginnende Feminismus bedeutend für die Rezeption von Lee Krasners Werk. So protestierte sie ab 12. April 1972 gemeinsam mit der Gruppe „Frauen in den Künsten“ gegen die Vernachlässigung von Künstlerinnen durch das Museum of Modern Art in New York. Nachdem sie im gleichen Jahr den Nachlass und das Archiv an Eugen Victor Thaw übergeben hatte, fühlte sie sich wieder als „Malerin“. Dennoch revidierte Lee Krasner das inzwischen populäre Stereotyp von Pollock als dominierende, überhebliche Figur und erzählte in einem Interview in der „Vogue“ von der Bewunderung und dem Respekt, die sie während ihrer Beziehung füreinander hatten.

 

Museale Einzelausstellungen zu Lebzeiten

Der erste Einzelausstellung im Whitney Museum of American Art (1973/74) folgte eine in der Corcoran Gallery of Art in Washington DC (1975).

Anlässlich von Krasners 75. Geburtstag eröffnete „Lee Krasner: A Retrospective“ im Museum of Fine Arts, Houston (27.10.1983–8.1.1984). Die von Barbara Rose kuratierte Ausstellung mit 152 Gemälden und Zeichnungen reiste danach das San Francisco Museum of Modern Art; das Chrysler Kunstmuseum, Norfolk, Virginia; Phoenix Art Museum, Arizona, und in das Museum of Modern Art, New York.

 

1981: erste gemeinsame Präsentation von Lee Krasner und Jackson Pollock

Die Guild Hall präsentierte erstmals Werke von Lee Krasner und Jackson Pollock gemeinsam in einer Ausstellung: „Krasner / Pollock: A Working Relationship“ wurde von Barbara Rose kuratiert (8.9.–4.10.). Weitere Stationen waren die Gray Art Gallery und das Study Center der New York University (3.11.–12.12.). Die Kritiker reagierten positiv auf die Gegenüberstellung. Der Kritiker William Pellicone prägte mit seiner Beobachtung anlässlich der ersten Gegenüberstellung von Lee Krasners und Jackson Pollocks Kunst die landläufige Interpretation der sich aufopfernden Künstlerin entschieden mit:

„Die aufgedeckte Enthüllung ist die Tatsache dass Lee Krasner Pollock wegen ihres überlegenen Talents alles gegeben hat, und er schließlich ihren wahren Weg mit seiner überlegenen barbarischen Machostärke zerstörte [...] Die Ausstellung der Guild Hall fordert eine völlig neue Bewertung der Krasner-Pollock-Verbindung.“6

 

Wichtige Teilnahmen an Gruppenausstellungen waren:

  • „Künstlerinnen: 1550–1950“ (21.12.1976–13.3.1977), kuratiert von Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris im Los Angeles County Museum of Art
  • „Extraordinary Women“ im Museum of Modern Art in New York (22.7.–20.9.1977)
  • „Abstract Expressionism: The Formative Years“, kuratiert von Gail Levin und Robert Hobbs, im Herbert F. Johnson Museum der Cornell University in Ithaca, New York (30.3.–14.5. / Seibu Museum, Tokyo, 17.6.–12.7. / Whitney Museum of American Art, 5.10.–3.12.). Lee Krasners „Little Images“ und Werke, die zwischen 1934 und 1941 entstanden sind, spielten eine herausragende Rolle. Es war die erste große Ausstellung, die nicht nur Krasners Bedeutung als abstrakte Expressionistin der ersten Generation anerkannte, sondern auch betonte, dass sie eine der wenigen Künstlerinnen in New York war, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg abstrakt gearbeitet hatte.
  • „Hans Hofmann as Teacher: Drawings by His Students“ im Metropolitan Museum of Art, New York (23.1.–4.3. / Provincetown Art Association and Museum, Massachusetts, 1.8.–12.10.1980)

 

Tod und Nachruhm

Am 19. Juni starb Lee Krasner im New York Hospital, Manhattan. Ihre Beerdigung, die von ihrer jüngeren Schwester Ruth organisiert wurde, fand am 25. Juli in Sag Harbor auf Long Island statt. Sie wurde auf dem Green River Cemetery in Springs neben Jackson Pollock beigesetzt. Ihre Grabsteine bestehen aus demselben rauen Stein, der auf den salzigen Wiesen vor ihrem Haus in Springs liegt. 19. Dezember 1984

Am 19. Dezember eröffnete die Ausstellung „Lee Krasner: A Retrospektive“ im Museum of Modern Art, New York (19.12.1984–12.2.1985). Krasner war eine der wenigen Künstlerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt im Museum eine Einzelausstellung erhalten hatten. Zeitgleich mit dieser Retrospektive wurden Ausstellungen im Brooklyn Museum „Lee Krasner, Works on Paper“ (20.12.1984–25.2.1985) und in Krasners Alma Mater, der Cooper Union, die Schau „Lee Krasner: The Education of an American Artist“ eröffnet (ab 16.1.1985).

Beiträge zu Lee Krasner

20. Oktober 2019
Lee Krasner, Combat, 1965 (National Gallery of Victoria, Melbourne, Felton Bequest, 1992 (IC1-1992). © The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018)

Frankfurt | Schirn Kunsthalle: Lee Krasner Erste Retrospektive zur Amerikanischen Expressionistin seit 50 Jahren

Lee Krasner (1908–1984), Pionierin des Abstrakten Expressionismus, in einer großen Retrospektive in der Schirn Kunsthalle (ab Oktober 2019)
8. Mai 2019
Lee Krasner, Combat, 1965 (National Gallery of Victoria, Melbourne, Felton Bequest, 1992 (IC1-1992). © The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018)

London | Barbican Art Gallery: Lee Krasner. Living Colour Pionierin des Amerikanischen Abstrakten Expressionismus erhält gebührende Aufmerksamkeit

Barbican Art Gallery in London zeigt eine große Retrospektive zu Lee Krasner. Die Ausstellung wird ab Herbst 2019 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt a. M. zu sehen sein.
  1. Lee Krasner, quoted in Louise Elliott Rago, We Interview Lee Krasner, in: School Arts, 60 (September 1960) S. 32, Zit n. S. Eleanor Nairne, PROPHECY. In: Lee Krasner. Living Colour (Ausst.-Kat. Barbican Art Gallery, London, 2019), London 2019, S. 111.
  2. “This is so good you would not know it was by a woman.“ zit. n. John Yau, Writing Rimbaud On The Wall, in: Lee Krasner. Living Colour (Ausst.-Kat. Barbican Art Gallery, London, 30.5.–1.9.2019), S. 32–39, hier S. 33.
  3. Zit. n. Chronologie, in: Lee Krasner, S. 195.
  4. Zit. n. Ebenda, S. 198.
  5. „I resisted at first, but I must admit, I didn’t resist very long. I was terribly drawn to Jackson, and I fell in love with him – physically, mentally – in every sense of the word.“ Zit. n. Ebenda, S. 198.
  6. Ebenda, S. 217.