Arshile Gorky

Wer war Arshile Gorky?

Arshile Gorky (Vosdanik Adoyan; um 1904–1948) war ein amerikanischer Maler mit armenischen Wurzeln. Seine Werke werden dem Expressionismus, Surrealismus und Abstrakten Expressionismus zugerechnet (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). Indem Gorky die biomorphen Formen der Surrealisten übernahm, befreite diese unter dem Einfluss persönlicher Erfahrungen und lyrischer Farben sowie dem Malprozess an sich. Damit gelang es ihm, die schmerzhaften Kindheitserinnerungen an den Genozid am armenischen Volk wie auch seine nostalgischen Gefühle der verlorenen Heimat gegenüber zu bannen. Für die Entwicklung des Amerikanischen Abstrakten Expressionismus gilt seine Malerei als richtungsweisend.

„Die Abstraktion lässt den Menschen sehen, was er physisch nicht mit seinen Augen sehen kann [...] Die abstrakte Kunst ermöglicht dem Künstler, über das Angreifbare hinaus zu sehen, das Unendliche aus dem Endlichen herauszuholen. Es ist die Emanzipation des Geistes. Es ist eine Explosion in unbekannte Gebiete.“ (Arshile Gorky)

In den 1940er Jahren emigrierte eine große Anzahl von Künstlern aus Europa nach New York City. Unterstützt von Peggy Guggenheim, feierte der Surrealismus schon ab 1936 großen Erfolg in den USA. Während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit prägte die existentialistische Philosophie das Denken auf beiden Seiten des Atlantik; zum einen strichen Denker die Absurdität des Lebens hervor und zum anderen forderten sie die Menschen auf, für ihr Handeln Verantwortung zu tragen. Arshile Gorky begegnete diesem kulturellen Milieu, indem er aus seiner persönlichen Tragödie Schönheit schuf.

Arshile Gorky überlebte den Genozid in Armenien, was zeitlebens seine Kunst prägte. Diesen traumatischen Erfahrungen stellte er Erinnerungen an seine frühe Kindheit in Armenien gegenüber, die er als wunderschön empfand. Durch den Prozess des Malens verwandelte Gorky Figuren und Dinge aus seinem erinnerten oder aktuellen Leben in abstrakte und kontrollierte Formen. Um die Verbindung von Abstraktion und Welt zu betonen, gab Arshile Gorky den abstrakten Kompositionen Titel, die sich direkt auf bestimmte Objekte und Orte beziehen. Dadurch verschmelzen objektive Realität und subjektives Gefühl in seinen Werken. Die Bedeutung des Werks erschließt sich aber auch aus seiner historischen Position, schuf der Maler doch eine der wichtigsten Verbindungen zwischen den modernen europäischen Stilen der Vorkriegszeit und der Entstehung des Abstrakten Expressionismus in Amerika in den 1940er Jahren.

 

Kindheit in Armenien

Es ist nicht genau bekannt, wann Arshile Gorky geboren wurde. Meist geht man von dem Jahr 1904 aus, doch der Künstler gab unterschiedlichste Geburtsjahre an, als er in New York lebte. Als Kind überlebte Gorky 1915 den Genozid an den Armeniern. Seine Familie wurde vertrieben und verteilt. Im Jahr 1919 starb seine Mutter an Unterernährung in seinen Armen. Sein Vater war bereits 1908 in die USA ausgewandert und dadurch der Ottomanischen Verfolgung entgangen. Im Alter von 15 Jahren floh Arshile Gorky zu seinem Vater nach Providence, Rhode Island.

 

Ausbildung

Bevor Arshile Gorky in die USA kam, bildete er sich selbst weiter. Von 1922 bis 1924 besuchte er die New School of Design in Boston. Hier lernte er erstmals die „Väter der Modernen Kunst“ kennen wie Paul Cézanne. Der Postimpressionist übte während der Ausbildungszeit den größten Einfluss auf das Werk von Arshile Gorky aus. Um 1925 zog er nach New York, wo er rasch in die Künstlergemeinschaft aufgenommen wurde. Hier studierte er an der National Academy of Design und der Grand Central School of Art, wo er auch bis 1931 unterrichtete. In New York erst konnte sich Arshile Gorky mit den aktuellen künstlerischen Bestrebungen auseinandersetzen und nannte sich nicht mehr Vosdanik Adoyan, um dem schlechten Leumund der armenischen Flüchtlinge in den USA zu entgehen.  Der russische Name, den sich Gorky zulegte, sollte seine Verbindung zum russischen Künstlermilieu der Zeit offenlegen. Einige Zeit lang behauptete er sogar, er wäre ein Verwandter des prominenten sowjetischen Schriftstellers Maxim Gorky. Zudem leitete er den Vornamen Arshile von Homers Helden Achilles ab; Gorky bedeutet auf Russisch „der Bittere“. Damit gab sich Arshile Gorky einen Namen, der sowohl seine persönliche Geschichte wiederspiegelte und zudem zur Existenzphilosophie der Zeit passte.

Zu den prägendsten Begegnungen dieser Jahre gehörten die Werke von Pablo Picasso (bis 1938) und danach das frühe Werk von Joan Miró. Das frühe Werk von Arshile Gorky basiert auf Cézannes Kompositionsmethode und zeigt Landschaften und Stillleben. Danach arbeitete er sich an Pablo Picassos und George Braques synthetisch-kubistische Formen ab (→ Kubismus). Die bunte Farbigkeit seiner Bilder hingegen bezieht sich auf die Palette von Henri Matisse und dem Fauvismus sowie der europäischen Expressionisten wie Wassily Kandinsky.

Zu Arshile Gorkys New Yorker Künstlerfreunden zählten Stuart Davis und andere Emigranten, darunter der Ukrainer John Graham (geborener Ivan Gratianovich Dombrowsky) und der aus den Niederlanden stammende Maler Willem de Kooning.

 

Durchbruch und Arbeit für die WPA

In den 1930er Jahren konnte Arshile Gorky zunehmend Anerkennung durch die Öffentlichkeit gewinnen. Alfred Barr Jr. Lud ihn 1930 ein, an einer Gruppenausstelung teilzunehmen. Ein Jahr später organisierten die Mellon Galleries in Philadelphia Gorkys erste Einzelausstellung. Im Jahr 1935 waren vier Gemälde Gorkys in der berühmten Ausstellung „Abstract Painting in America“ im Whitney Museum of American Art zu sehen. Der Künstler zog mit seinem Beitrag zunehmend die Aufmerksamkeit von Kritikern und der Öffentlichkeit auf sich. Seine erste Einzelausstellung in New York zeigte Arshile Gorky 1938 in den Boyer Galleries.

Zwischen 1935 und 1941 arbeitete der Maler neben De Kooning im Rahmen der Works Progress Administration des Federal Art Project, einer wichtigen Regierungsinitiative, um Künstlern zur Zeit der Weltwirtschaftskrise Arbeit zu geben. Eines der von Gorky für die WPA konzipierten Projekte war die Gruppe von Wandgemälden am Flughafen Newark in Newark, New Jersey. Das Werk mit dem Titel „Aviation: Evolution of Forms under Aerodynamic Limitations” (1935–1937) befindet sich heute im Newark Museum of Art, Newark, NJ. Das geometrisch abstrakte Werk bestand ursprünglich aus zehn Paneelen, von denen nur noch zwei existieren. Die anderen wurden zerstört oder sind verschwunden. Arshile Gorky zählte zu den wenigen New Deal Muralisten, die abstrakt malten. Zum einen ist der Einfluss von Picasso und Braque, genauer deren kubistisches Vokabular, noch immer deutlich spürbar, zum anderen sind die Bilder aber in leuchtenden Farben ausgeführt. Die mechanischen Formen, mit denen Gorky das Maschinenzeitalter verewigte, verdanken Fernand Leger viel. Die verschiedenen Richtungen der europäischen Moderne halfen Gorky, die moderne Aeronautik, das Fliegen und die Geschwindigkeit zu feiern. In diesem Werk umarmt Gorky die abstrakte Kunst mit biomorphen Formen, die er durch figurative Darstellung von Flugrouten, die für Newark wichtig waren, ergänzte. Während der 1930er Jahre löste die modern, abstrakte Formensprache eine Kontroverse aus, da der Realismus als passender Stil für diese Dekorationsbilder bevorzugt wurde. Dennoch gelang es Arshile Gorky durch die Wahl des Stils, ein kunstfernes Publikum mit den aktuellsten Tendenzen der zeitgenössischen Kunst vertraut zu machen.

 

Hauptwerk

In den 1940er Jahren entwickelte sich das Werk von Arshile Gorky in eine völlig neue Richtung. Damit nahm er Methoden der Maler des Abstrakten Expressionismus vorweg bzw. ermöglichte, in diese Richtung weiterzudenken. Gorkys reifer Stil basiert noch immer auf den Konzepten und Formen des Surrealismus, die aus Europa importiert wurden, wenn er sich auch von deren Spiel mit dem Unbewussten distanzierte. Diese bereicherte Gorky durch eine innovative Maltechnik, welche die Action-Painting-Methode mitprägte. Kombinationen von gezeichnetem, die Form umschreibendem Liniengeflecht mit farbigen Flächen, die durch gestische Malerei oder Experimente mit unterschiedlich verflüssigtem Pigment entstanden, prägen Gorkys poetisch-expressive Bildkompositionen. Verständlich wird diese Innovationskraft durch die vielen nach New York emigrierten Künstler aus Europa, deren mannigfaltige moderne Stile die Entwicklung der New York School beförderte.

Zu den wichtigsten Werken von Arshile Gorky in den 1940er Jahren gehört die sechsteilige Serie „Garden in Sochi“ (1943, eines im Museum of Modern Art). Darin zeigt er den Garten, der zum Bauernhof seines Vaters in der Nähe des Van-Sees in Armenien gehörte. Anstelle von geometrischer Abstraktion setzte Gorky das Bild mit weichen, biomorphen Formen, die in Farbigkeit, Komposition und formaler Lösung deutlich von Joan Miró beeinflusst sind, um. Ein unveröffentlichtes Manuskrip aus dem Jahr 1942 beschreibt die Szene und zählt Karotten, Stachelschweine auf aber auch Frauen, die ihre Brüste an Felsen reiben, um sich Wünsche zu erfüllen. Der „heilige Baum“ ist mit zerrissenen Kleidungsstücken von Besucherinnen und Besuchern geschmückt. Der Schuh in einem Bild dürfte ein Geschenk von Gorkys Vater gewesen sein, bevor dieser in die USA auswanderte. Die nostalgische Beschreibung der Serie mit den vielen volkskundlichen Details lässt sich jedoch nicht mit bestimmten Formen in der Kombination in Verbindung bringen. Stattdessen suchte der Maler, die Erinnerungen der Betrachterinnen und Betrachter mittels Linien und Farben zu wecken.

Zu seinen wichtigen Ausstellungen zählen die Teilnahme an Dorothy Miller’s „Fourteen Americans“ Schau im Museum of Modern Art, New York (1946), wo er neben Mark Tobey, Robert Motherwell und Isamu Noguchi präsentiert wurde. Wenn auch Arshile Gorky viele seiner Bildideen von anderen Künstlern übernahm, so ist dennoch wichtig zu wissen, dass er seine Quellen nie direkt kopierte. Stattdessen analysierte er deren Strukturen bzw. Bedeutungen und wählte jene Elemente, die ihn interessierten. Als Verfechter des Surrealismus und Anhänger des Kommunismus unterstützte Gorky André Breton. Er erlaubte dem französischen Schriftsteller und Theoretiker des Surrealismus sogar, einige seiner Bilder zu benennen. Dennoch wollte Gorky, der als Einzelgänger galt, nie treues Mitglied der Surrealisten werden. Im Jahr 1947 löste sich der New Yorker Maler von den immer drängenderen Aufforderungen, Breton und seine Bewegung zu unterstützen. Dies fällt mit dem Ende des Surrealismus zusammen.

 

Ehe, Tragödien und Tod

Im Jahr 1941 heiratete Arshile Gorky Agnes Magruder (1921–2013), die zwanzig Jahre jünger war als er und im Frühjahr seine Muse geworden. Das Paar hatte zwei Töchter.

Im Januar 1946 brannte Gorkys Atelier, das sich in einer Scheune auf dem Grundstück seiner Frau in Connecticut befand, bis zu den Grundfesten nieder. Dabei wurden die meisten Werke des Künstlers zerstört. Einen Monat später erhielt der Künstler die Diagnose Darmkrebs. Zudem stellte sich heraus, dass Agnes eine Affäre mit Gorkys Freund und Künstlerkollegen Roberto Matta hatte. Kurz darauf hatte Arshile Gorky einen Autounfall, bei dem er sich das Genick brach, weshalb kurzzeitig sein Mal-Arm gelähmt war. Nachdem er Agnes, die ihren Mann beruhigen wollte, die Treppe hinuntergestoßen hatte, trennte sich das Paar, und Agnes zog mit den Kindern zu ihrer Mutter nach Virginia. Kurz darauf, am 21. Juli 1948, erhängte sich Arshile Gorky in einem Schuppen in Connecticut.

 

Literatur

  • Ulf Küster(Hg. für die Fondation Beyeler), Action Painting (Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 27.1.-12.5.2008), Ostfildern 2008.
  • Anna Moszynska, Abstract Art, London 1990.
  • Meyer Schapiro, Arshile Gorky (1957), Modern Art: 19th and 20th Century. Selected Papers, Bd. 2, New York 1978.

Beiträge zu Arshile Gorky

16. Juli 2019
Anthony Caro, Table Piece CCXXIX, 1975, Stahl mit Rostanflug, lackiert, 61 x 167,6 x 50,8 cm (Sammlung Hubert Looser, © 2019 Courtesy of Barford Sculptures)

Kunsthaus Zürich: Picasso – Gorky – Warhol aus der Sammlung Hubert Looser Skulpturen und grafische Werke zwischen Fläche und Raum

Eine im Jahr 2018 erneuerte Kooperation garantiert auf 20 Jahre die Präsenz von 70 Gemälden, Skulpturen, Installationen und Zeichnungen in der Ende 2020 fertiggestellten Kunsthaus-Erweiterung. Im herbst 2019 zeigen Skulpturen und Arbeiten auf Papier das komplexe Verhältnis von Fläche und Raum in der modernen Kunst.
12. März 2019
Arshile Gorky, The Liver Is the Cock’s Comb, Detail, 1944, Öl/Lw, 186.1 x 249.9 cm (Albright-Knox Art Gallery, Buffalo, New York, Gift of Seymour H. Knox, Jr., 1956, K1956:4, Image courtesy Albright-Knox Art Gallery)

Arshile Gorky. Werke eines janusköpfigen Malers zwischen Surrealismus und Abstraktem Expressionismus

Die Fondazione Musei Civici di Venezia präsentiert ab Mai 2019 eine retrospektive Überblicksausstellung zum armenisch-amerikanischen Maler Arshile Gorky (um 1904–1948).
24. August 2016
Tancredi Parmeggiani (Feltre 1927–Rome 1964), Composition, 1955, Öl and Tempera auf Leinwand, 129.5 x 181 cm (Venedig, Peggy Guggenheim Collection, 76.2553)

Peggy Guggenheim Mäzenin, Frau von Max Ernst und Galeriegründerin

Bereits im Februar 1949 hatte Peggy Guggenheim (1898–1979) im Palazzo Strozzi ihre Sammlung erstmals der italienischen Öffentlichkeit präsentiert, um sie danach im Palazzo dei Leoni in Venedig dauerhaft aufzustellen. 25 Werke, die in den damals frisch renovierten Kellern der Strozzina zu sehen waren, sind für diese Ausstellung nach Florenz zurückgekehrt.