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Bielefeld | Kunstforum Hermann Stenner: Wenzel Hablik Expressionistische Kristallträume, Architektur, Utopie

Wenzel Hablik, Sternenhimmel, Detail, 1909, Öl/Lw, 200 × 200 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)

Wenzel Hablik, Sternenhimmel, Detail, 1909, Öl/Lw, 200 × 200 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)

Kristalline Architekturentwürfe, intergalaktische „Luftkolonien“, mechanische Flugkörper, aber auch Sternenhimmel, Berglandschaften und Möbelentwürfe: Das Gesamtkunstwerk des Expressionisten Wenzel Hablik ist überbordend in seiner Vielfalt – und noch viel zu wenig entdeckt.
Das Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld richtet dem Maler, Gestalter und Architekturvisionär Wenzel Hablik (1881–1934) eine große Retrospektive mit über 200 Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken, Designobjekten, Fotografien und Dokumenten aus. Die großbürgerliche Wohnarchitektur des Kunstforums bietet den idealen Rahmen, um einen Künstler wiederzuentdecken, dessen Inspiration vom kleinsten Kristall ausging, um sich in den Weltraum zu erstrecken.

„Muss ich schon an der Erde kleben, dann wenigstens nicht mit dem Hirn.“ (Wenzel Hablik, 1907)

1881 im westböhmischen Brüx geboren, legt Hablik mit nur 14 Jahren in der väterlichen Werkstatt die Prüfung zum Tischlermeister ab. In Wien, Zentrum des Jugendstils und der Wiener Werkstätte, studiert er ab 1902 Malerei, Schriftgestaltung und Heraldik an der Kunstgewerbeschule und sammelt erste Erfahrungen als Zeichner von Stoffentwürfen für eine Möbelfabrik. Seit Beginn seines Studiums zeichnet Hablik Gesteinsproben und Kristalle, die sich in seiner Phantasie zu Märchenschlössern auf unzugänglichen Berghängen ausformen. Heute gehören sie zu den frühesten bekannten Entwürfen kristalliner Architektur in der europäischen Kunstgeschichte.

Als Student an der Kunstakademie Prag von 1905 bis 1907 kommt er mit dem Expressionismus in Berührung, der sich in Habliks pastosem Farbauftrag und einem gestischen Pinselschwung niederschlägt, sowie in einer von Vincent van Gogh und Edvard Munch inspirierten Motivik. Intensive Naturerlebnisse in Norditalien, der Schweiz und vor allem auf Sylt prägen seine Auseinandersetzung mit den Elementen.

Hablik in Itzehoe

Im Jahr 1907 lädt ihn ein Unternehmer zu sich nach Itzehoe ein und wird ihm zum Lebensfreund und Mäzen. Itzehoe wird zu Habliks neuem Lebensort. Hier entwirft er extravagante Raumkonzepte für Wohnungen und Firmensitze, während er privat seine kristallinen Architekturutopien in Zeichnungen und großformatigen Gemälden vorantreibt. Das Erlebnis der Natur bleibt stets die bedeutendste Inspirationsquelle für sein Schaffen. In der Handweberin Elisabeth Lindemann findet er eine Ehefrau, mit der er kreativ zusammenarbeitet und die ihm mit der erfolgreichen Handweberei auch finanziell den Rücken stärkt. Habliks Rückzug in die Provinz wie auch sein früher Krebstod mit nur 52 Jahren ließen einen Künstler jahrzehntelang in Vergessenheit geraten, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Berlin im Zentrum der Avantgarde stand und auch von Itzehoe aus den Kontakt zur avancierten Kunstszene hielt.

Erstmals ist er 1908 mit Gemälden und Arbeiten aus seinem Zyklus Schaffende Kräfte in einer Ausstellung der Berliner Secession vertreten. Der führende Avantgarde-Galerist Herwarth Walden stellt 1912 in seiner Sturm-Galerie den gesamten Radierzyklus aus – neben Werken von Picasso, Kandinsky, Kokoschka und Gauguin. 1919 nimmt Hablik auf Einladung von Walter Gropius an der Ausstellung für unbekannte Architekten des Arbeitsrats für Kunst teil. Als Mitglied der Briefgemeinschaft Die Gläserne Kette ist Hablik mit Architekten wie Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Scharoun, Hans und Wassili Luckhardt in regem Austausch.

Realisiert werden von den tollkühnen Architekturentwürfen keine; inspiriert wurden sie von frühen Science-Fiction-Autoren, wie H. G. Wells, Paul Scheerbart und Jules Verne. Wohl geht es Hablik weniger als seinen Mitstreitern der Gläsernen Kette um eine reale Berufsperspektive als Architekt als um die Utopie, aus den Trümmern des Kaiserreichs und des verlorenen Weltkriegs moderne Kathedralen zu erbauen. In einer idealen Bauhütte sollten künstlerische und architektonische Fragen mit denen zur Lebensführung, zum technischen Fortschritt und zur Natur verbunden werden – eine farbgewaltige, verspielte Alternative zum pragmatischeren Bauhaus in Dessau – und eine visionäre Kraft, die wohl erst Architekten wie die Gruppe Archigram, Zaha Hadid und Daniel Libeskind in ihren Gebäuden manifestierten.

Neben der Erfahrung der Elemente, denen er in großformatigen, expressiven Gemälden huldigt, ist es auch die osmanische Architektur und Kunst, die Hablik beflügelt, und die in seinen Kuppelentwürfen, aber auch seiner abstrakten Ornamentik der Innenraumgestaltungen, Tapeten, Wandteppichen, Möbel- und Kleiderstoffen aufscheint. Die fruchtbare Arbeitsgemeinschaft des Ehepaars Hablik-Lindemann wird ebenso wie die kunstgewerblichen Arbeiten vorgestellt, die die Motivik von Habliks utopischen Entwürfen aufgreifen, wie die „Saturndose“, eine Messingbonbonniere, oder ein Tintenfass in der Bildsprache seiner utopischen Bauten.

Quelle: Kunstforum Hermann Stenner, Bielefeld

Wenzel Hablik: Bilder

  • Wenzel Hablik, Große bunte utopische Bauten, 1922, Öl auf Leinwand, 153,3 × 190 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Grüne Türbe, Brussa, 1910, Öl auf Leinwand, 121,5 × 121,5 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Sternenhimmel, 1909, Öl auf Leinwand, 200 × 200 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Feuer, 1913, Öl auf Leinwand, 300 × 200 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Gletscher, 1917, Öl auf Leinwand, 130,5 × 95,5 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Freitragende Kuppel, 1918/23/24, Öl auf Leinwand, 166 × 191 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Schlafende Mutter, 1907, Öl auf Leinwand, 95 × 95 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Eine Wolke, 1910, Öl auf Leinwand, 150 × 200 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Sternhimmel, 1913, Öl auf Leinwand, 201 × 301 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Woher – Wohin?, 1913, Öl auf Leinwand, 190 × 160 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, ohne Titel (Selbstporträt mit Virginia), 1927, Farbstift, 26,3 × 20,8 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, ohne Titel (Zentral-Hotel, Sitzreihe mit Pfeilern), 1922, Bleistift, Aquarell, Tempera auf Millimeterpapier, Karton, 32,5 × 44,9 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Klippen, Blitz, Feuer, Türme aus Glas, 1920, Bleistift, Aquarell, Tusche, 65 × 50,1 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, ohne Titel (Vier langbeinige Phantasievögel mit Weingläsern und Pfeife), ohne Jahr, Federzeichnung, Pinsel, Tusche, Deckfarbe, Aquarell auf Karton, 32,6 × 25 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, ohne Titel (Tanzkostüm), 1920/29, Bleistift, Tusche auf Pergamentpapier, Karton, 31,9 × 23,8 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Tanzmaske, um 1928, Messingblech, 48 × 54 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)
  • Wenzel Hablik, Saturndose, 1922, Messing, Kupfer, 31, dm 35,7 cm (Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe)

Beiträge zum Symbolismus

8. Januar 2022
Edvard Munch, Rot und Weiß (Rødt og hvitt), Detail (Munchmuseet, Oslo, Norvège ©Munchmuseet, Oslo, Norvège / Halvor Bjørngård)

Paris | Musée d’Orsay: Edvard Munch Ein Liebesgedicht über Leben und Tod | 2022/23

Die Ausstellung präsentiert rund 100 Werke, Gemälde, aber auch Zeichnungen, Lithografien und Holzschnitte, die die Vielfältigkeit von Munchs künstlerischer Praxis widerspiegeln.
22. November 2021
Polnischer Symbolismus um 1900, Kunsthalle München, 2022

München | Kunsthalle: Polnischer Symbolismus um 1900 STILLE REBELLEN

Erste umfassende Schau in Deutschland zur Blütezeit der polnischen Kunst zwischen 1890 und 1918.
8. Oktober 2021
Max Liebermann, Simson und Delila, Detail, 1902, Öl/Lw, 151,2 x 212 cm (Städel Museum, Frankfurt am Main)

Hamburg | Kunsthalle: Femme Fatale

Ausgehend von den ätherischen Frauenbildern der englischen Präraffaeliten über die Salonmalerei des Fin de Siecle beleuchtet die Ausstellung, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts das Vorstellungsbild der Femme fatale in Theater und Film auf reale Frauenfiguren projiziert wird.

Aktuelle Ausstellungen

23. Januar 2022
Georgia O’Keeffe, Oriental Poppies [Orientalische Mohnblumen], 1927, Öl auf Leinwand, 76,2 x 101,9 cm (The Collection of the Frederick R. Weisman Art Museum at the University of Minnesota, Minneapolis © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien)

Riehen b. Basel | Fondation Beyeler: Georgia O’Keeffe

„Georgia O’Keeffe“ ist die erste große Retrospektive der Künstlerin in Basel und der erste umfassende Überblick über O’Keeffes Œuvre in der Schweiz seit fast 20 Jahren understreckt sich über nahezu sechs Jahrzehnte ihres Werks.
21. Januar 2022
Bonner Münster Chor mit Tony Cragg, Lost in Thought

Bonn | Bonner Münster: Licht urnd Transparenz

Nach dreijähriger Restaurierung erstrahlt das Bonner Münster wieder in „altem Glanz“ – und öffnet sich bewusst dem Neuen in Form von zeitgenössischer Kunst.
21. Januar 2022
Konstantin Grcic, New Normals, 2021, Foto: Florian Böhm

Berlin | Haus am Waldsee: Konstantin Grcic New Normals | 2022

Für die Ausstellung entwirft Konstantin Grcic Einfallstore der spekulativen Imagination, die auf zukünftige Konstellationen von Zusammenleben und -arbeiten verweisen. In Szenarien und räumlichen Environments werden Betrachter:innen mit ihren eigenen Vorstellungen von der Zukunft konfrontiert.