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René Magritte. Werke Das Lustprinzip

René Magritte, Die große Familie, 1963, Öl auf Leinwand, Japan, Utsunomiya Museum of Art © Charly HERSCOVICI Brüssel - 2011.

René Magritte, Die große Familie, 1963, Öl auf Leinwand, Japan, Utsunomiya Museum of Art © Charly HERSCOVICI Brüssel - 2011.

René Magritte (1898-1967), der Mann im schwarzen Anzug und mit Bowler-Hut, ist der bekannteste und wohl auch populärste, belgische Maler des Surrealismus. Die Ausstellung der Albertina spart (daher) das Frühwerk des Künstlers völlig aus. Bereits im ersten Raum trifft man auf das monumentale Format „Der geheime Spieler“ aus dem Jahr 1927. Das 152 x 192 cm große Gemälde zeigt zwei männliche Pelotaspieler vor einer Allee aus gedrechselten Baum-Balustern – Magritte identifizierte sie spöttisch als „Tischbeine“. Über ihren Köpfen schwebt die Darstellung einer Lederschildkröte und rechts im Hintergrund erscheint in einem Fenster eine geheimnisvolle Frau mit Bartschutz vor dem Mund. Die einzelnen Bildbestandteile lassen sich aufgrund ihrer realistischen Widergabe relativ leicht benennen, während sich ihre Zusammenstellung jedweder Logik entzieht. Die für den Surrealismus so essentielle Strategie des Schocks durch „ungehörige“ Verbindungen steigert Magritte durch die verzerrten Größenverhältnisse, die im deutlichen Widerspruch zum präzise konstruierten Schachtelraum stehen.

Magritte und der Surrealismus

Das surrealistische Komponieren, das Bildelemente collageartig und spontan miteinander verbindet, begründete der geheimnisvolle Erzähler Comte de Lautréamont, alias Isidore Lucien Ducasse, bereits 1868 in seinen „Gesängen des Maldoror“. 1917 von den „Gründungsvätern“ des Surrealismus, von Aragon, Breton und Soupault als „poète maudit“ wiederentdeckt, wurden seine Gesänge voller Grausamkeit und Böswilligkeit zu einem Ausgangspunkt für ein ungeplantes und unzensiertes Schreiben. Mit der Metapher „Er ist schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!“ inspirierte der Text die vom Ersten Weltkrieg schwer gezeichneten Schriftsteller zum Notieren von Gedankensplittern in traumartigen Zuständen. Genau zehn Jahre später fand auch René Magritte, interessanterweise vermittelt durch ein Gemälde von Giorgio de Chirico (→ Giorgio de Chirico: Das Geheimnis der Arkade), zu den Ausdrucksmöglichen dieser geheimnisvollen, vom Unterbewusstsein gelenkten Kombinationen. Der Freiheit der Künstler im Schaffensprozess steht die Freiheit der Fantasie der Betrachter gleichberechtigt gegenüber. Sie sollte auch durch die Bildtitel nicht in enge Bahnen gelenkt werden. Magritte meinte, dass „der poetische Titel uns nichts lehren (könne), stattdessen soll er uns überraschen und bezaubern.“

 

 

Magritte in Paris

Zwischen 1927 und 1930 lebte Magritte in Paris, war mit Breton, Éluard, Arp, Miró (→ Miró. Von der Erde zum Himmel) und Dalí befreundet, konnte seine Bildproduktion zwar steigern aber dennoch nicht von Verkäufen leben. So musste der Künstler für das von ihm angestrebte bürgerliche Leben mit seiner Frau Georgette in Brüssel zusätzlich als Plakatentwerfer arbeiten bzw. malte widerwillig Auftragsporträts. Wenn auch die Plakate wenig Innovatives zeigen, so könnten sie doch eine Anregung zu Magrittes berühmter Serie „Der Verrat der Bilder“ gewesen sein. Darin verdeutlichte Magritte seine Bild- und Wortskepsis, da das Bild einer Pfeife eben keine echte Pfeife sei, sondern nur die Form einer Pfeife vorstelle. Indem Magritte unter das Bild einer Pfeife schrieb, dass es sich hierbei um keine Pfeife handle, zwingt er den Betrachter, sich mit dem Status der Abbildung auseinanderzusetzen.

„Bisher hatte ich zusammengesetzte Gegenstände verwendet, oder manchmal genügte auch die Situation eines Gegenstandes, ihn mysteriös zu machen. Im Verlauf der Recherchen aber […] fand ich eine neue Möglichkeit der Dinge: dass sie allmählich etwas Anderes werden können, ein Gegenstand verschmilzt mit einem anderen […]. Auf diesem Wege gelange ich jetzt zu Bildern, bei denen der Blick auf ganz andere Art als bisher „denken“ muss […]. Da meine Absicht feststand, die vertrautesten Gegenstände wenn möglich aufheulen zu lassen, mußte die Ordnung, in die man die Gegenstände im Allgemeinen bringt, natürlich umgestürzt werden.“1 (René Magritte, 1927)

Ähnlich verfährt er auch in jenen Bildern, in denen ein Landschaftsbild auf der Staffelei genau den Bereich im Bild verdeckt, der diese Landschaft zeigt – also das Bild im Bild das Bild vervollständigt und dennoch als künstliches Konstrukt und Ausschnitt der Wirklichkeit innerhalb einer scheinbaren Natürlichkeit letztere in Frage stellt. In diesem Zusammenhang ist auch der Spiegel mit seinen nicht greifbaren, sich ständig verändernden Abbildern der Wirklichkeit für den belgischen Surrealisten von großem Interesse. Ausgehend von einer komplexen Reflexion der Beziehungen zwischen den Objekten, ihren Bezeichnungen und den Abbildungen stellte er gängige Vorstellungen von der Welt und ihre Funktionsweisen immer wieder auf die Probe (→ Surreale Begegnungen: Dalí, Ernst, Miró, Magritte…).

 

 

Von der „Renoir-Periode“ zum „klassischen“ Magritte

„Ich bitte Sie nicht […] alte Bilder zu kopieren, sondern darum, diese poetische und geheimnisvolle Eigenschaft ihrer früheren Bilder nicht zu unterbrechen, die in ihrer dichten Technik weit mehr Magritte entsprachen als diejenigen Bilder, in denen Renoirsche Technik und Farbe aller Welt altmodisch erscheinen.“ (Iolas über die Renoir-Periode, November 1947)

Da Magritte für die „Lesbarkeit“ seine Gedanken-Bilder realistische Wiedergabe von Objekten wählen musste, ändert sich sein malerischer Stil eigentlich nur während der deutschen Besatzung 1943 bis kurz nach dem 2. Weltkrieg: Es war der Ansicht, dass er in dieser Zeit, Kunstwerke voller Freude und Anmut schaffen zu müssen. Diese sog. „Renoir-Periode“ mutet wie ein Fluchtversuch in die sorglose, großbürgerliche Bildwelt von Pierre-Auguste Renoir an und werden (auch ob ihres teils erotisch-pornografischen Inhalts in der Albertina in einem abgesonderten Raum präsentiert. Pastellige Farbtöne herrschen vor und werden in impressionistischer Manier aufgetragen.

Im Jahr 1947 löste vielleicht eine der berühmtesten Serien in Magrittes Werk diese so befremdlich pastelligen und duftigen Werke ab, es entstanden bis in die späten 1960er Jahre 17 Ölgemälde und 10 Gouachen mit dem Titel „Das Reich der Lichter“. Hierbei handelt es sich um die Zusammenführung einer nächtlichen Häuserfront mit brennender Laterne und einem taghellen Wolkenhimmel. Die Bilder haben etwas Lyrisches, Nostalgisches und vor allem Ruhiges und schließen in ihrem Bildwitz erneut an die Arbeit Magrittes vor dem Krieg an. In einem Vortrag in London erklärte Magritte seine surreale Technik, indem er eine Zeile aus André Bretons Gedicht „L`Aigrette“ zitierte. Die Zeile „Wenn nur die Sonne heute Nacht schiene“ setzte er Jahre später eins zu eins ins Bild um und erstaunt damit noch heute.

Die späten Gemälde Magrittes reflektieren oftmals berühmte Werke der Kunstgeschichte, versteinern die Darstellung oder setzen gigantische Äpfel in kleine Räume, um die Monstrosität des Alltäglichen deutlich zu machen. Zeit seines Lebens war die Anonymität der Menschen, vor allem der Anzug und Melone tragenden Männer, Thema seiner Kunst. Da er sich selbst so kleidete, gelten einige der Bowler-Hat-Porträts als „anonyme Selbstporträts“.

 

René Magritte: Bilder

  • René Magritte, Der bedrohte Mörder, 1927, Öl auf Leinwand, New York (The Museum of Modern Art)
  • René Magritte, Der magische Spiegel, 1929, Öl auf Leinwand, aufgezogen auf Sperrholz (Scottish National Gallery of Modern Art)
  • René Magritte, Die durchbohrte Zeit, 1938, Öl auf Leinwand (The Art Institute of Chicago)
  • René Magritte, Das Reich der Lichter, 1950, Öl auf Leinwand (New York, The Museum of Modern Art. Gift of D. and J. de Menil)
  • René Magritte, Der sechzehnte September, 1958
  • René Magritte, Die große Familie, 1963, Öl auf Leinwand (Japan, Utsunomiya Museum of Art)
  • René Magritte, Der Pilger, 1966, Öl auf Leinwand (Sammlung Mr. und Mrs. Wilbur Ross)

Weitere Beiträge zu René Magritte

9. Februar 2017
René Magritte, La Condition Humaine [So lebt der Mensch], 1935, Öl auf Leinwand, 54 x 73 cm (Norfolk Museums Service (accepted by HM Government in lieu of tax and allocated to Norwich Castle Museum & Art Gallery) © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Magritte. Der Verrat der Bilder La Condition Humaine und die Philosophie des Surrealisten

René Magritte (1898–1967) und seinen konzeptuellen Text-Bildern widmen die Schirn und das Centre Pompidou eine Überblicksausstellung mit Fokus auf Magrittes „Problemlösungen“. Der Belgier setzt dem französischen Surrealismus eine denkende Malerei entgegen. Nicht Automatismus und Umdeutung, sondern die kühle Präzision seiner nach Präsenz heischenden Malerei, deren erklärtes Ziel „Stillosigkeit“ und Ausdruck des Denkens sind. Für sich selbst lehnte Magritte die Berufsbezeichnung Künstler ab, er arbeitete auch nie in einem Atelier, sondern bei sich zu Hause. Anstatt mit Worten stellte er seine Überlegungen zum Verhältnis von Bild und Sprache in Gemälden dar. Magrittes verfremdete Gegenstände verbinden das Vertraute mit dem Fremdartigen, die Poesie der Titel enthebt sie zusätzlich jegliches Anspruchs auf Ähnlichkeit.
11. Oktober 2016
Dalí, Ernst, Miró, Magritte… Surreale Begegnungen aus den Sammlungen Edward James, Roland Penrose, Gabrielle Keiller, Ulla und Heiner Pietzsch (HIRMER Verlag)

Surreale Begegnungen: Dalí, Ernst, Miró, Magritte… Surrealismus-Sammlungen von James, Penrose, Keiller und Pietzsch in Hamburg

Wurden die Surrealistinnen und Surrealisten bislang hauptsächlich als radikale Erneuerer der Kunst und der Surrealismus als höchst subjektive und individualistische Kunstrichtung präsentiert, so öffnet sich der spannende Blick in Hamburg auf die Zusammenarbeit zwischen den Künstlern und ihren beiden zeitgenössischen Sammlern Edward James und Roland Penrose. Ergänzt werden die beiden zeitgenössischen Kollekionen durch die seit den 1960er Jahren zusammengetragenen Sammlungen von Gabrielle Keiller und dem Ehepaar Pietzsch.
  1. Zitiert nach Surreale Begegnungen (Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle), München 2016, S. 152.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.