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Ausstellungen der National Gallery London 2018 Monet, Mantegna & Bellini, Murillo, Lotto, Thomas Cole und Gallen-Kallela

Andrea Mantegna, Darbringung im Tempel, Detail, 1465–1466, Öl/Lw, auf Holz, 77.1 x 94.4 cm (Gemäldegalerie, Berlin © Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / photo: Jörg P. Anders)

Andrea Mantegna, Darbringung im Tempel, Detail, 1465–1466, Öl/Lw, auf Holz, 77.1 x 94.4 cm (Gemäldegalerie, Berlin © Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz / photo: Jörg P. Anders)

Claude Monets Architekturdarstellungen (Frühjahr) sowie der künstlerischen wie privaten Beziehung zwischen Andrea Mantegna und Giovanni Bellini (Herbst) sind die beiden großen Ausstellungen der National Gallery in London 2018 gewidmet. Anlässlich der 100. Todestag von Edgar Degas zeigt man Pastelle aus der Sammlung Burrell.

Der 400. Geburtstag von Bartolomé Esteban Murillo (1617–1682) liefert den Anlass, erstmals seine beiden überlieferten Selbstporträts – eines in der Sammlung der National Gallery, London, und das andere in der Frick Collection, New York – gemeinsam zu präsentieren. Der für seine Darstellungen von Madonnen und Straßenkindern berühmte Maler aus Sevilla zeigt sich darin als reflektierter, sein Medium beherrschender Künstler. Aspekte der Landschaftsmalerei des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden durch eine Werkschau zum amerikanischen Pionier Thomas Cole (1801–1848) und der Serie von Bildern des Sees Keitele von Axeli Gallen-Kallela (1865–1931) in konzentrierten Kabinettausstellungen vorgestellt. Ed Ruscha (* 1937) reagiert mit „The Course of Empire“ auf Thomas Cole’s identitätsstiftende Landschaftsdarstellungen. Lorenzo Lotto (um 1480-1556/7) komplettiert die Serie der Alten Meister und wird als Meister des psychologisierenden Porträts der oberitalienischen Hochrenaissance gewürdigt.

 

Monet und die Architektur

9. April – 29. Juli 2018 (Sainsbury Wing) → Monet und die Architektur

Welche Beziehung hatte Claude Monet (1840–1926) zur Architektur? Die Credit Suisse-Ausstellung „Monet und die Architektur“ stellt anhand von mehr als 70 Gemälden Gebäude und andere Bauwerke im Werk von Monet ins Zentrum: von Monets Dörfern und malerischen Szenen über seine Studien der modernen Stadt bis hin zur monumentalen Serie der Kathedrale von Rouen.

Bauwerke spielten eine wesentliche und oft sehr vielfältige und unerwartete Rolle in Monets Arbeit. Er malte historische Gebäude wie die Kathedrale von Rouen, aber auch markante Wahrzeichen der Moderne wie den Gare Saint-Lazare in Paris. Als wagemutiger junger Künstler stellte er in den impressionistischen Werkschauen der 1870er Jahre aus und zeigte Gemälde von Brücken und Gebäuden aus den Pariser Vororten. Sehr viel später stand die Architektur Venedigs im Vordergrund. Als Tourist in London hielt Monet wohlbekannte Orte fest – die Parlamentsgebäude, Waterloo Bridge und Charing Cross Bridge, gefiltert durch seine einzigartige Sicht auf die Welt. Ein Bauwerk konnte bei Monet für die menschliche Präsenz stehen, aber auch als kompositorisches Element fungieren.

 

 

Mantegna und Bellini

1. Oktober 2018 – 27. Januar 2019 (Sainsbury Wing) → Mantegna und Bellini

Die künstlerische wie private Beziehung zwischen den beiden Malern der oberitalienischen Renaissance, Giovanni Bellini (tätig um 1459–1516) und Andrea Mantegna (1430/1–1506). Wichtige Leihgaben, darunter Gemälde, Zeichnungen und vor allem Skulpturen, die beide Künstler im Laufe ihrer Karriere maßgeblich beeinflussten, ermöglichen einen Vergleich zwischen den Œuvres dieser beiden bedeutenden – und miteinander verschwägerten – Maler.

Den Kern der Ausstellung bilden zwei Gegenüberstellungen von Werken Mantegnas und Bellinis: zum einen die beiden Darstellungen des „Gebets Christi im Garten Gethsemane“, die seit dem späten 19. Jahrhundert in der National Gallery London nebeneinander hängen, zum anderen zwei Gemälde der „Darbringung im Tempel“ (Mantegnas Version aus der Gemäldegalerie Berlin, Bellinis aus der Fondazione Querini Stampalia in Venedig).
Beide Arbeiten entstanden nach der Hochzeit Mantegnas mit Bellinis Halbschwester Niccolosa. Zu jenem Zeitpunkt müssen sich die beiden Künstler bereits gut gekannt haben. Die Gemälde weisen kompositorische Ähnlichkeiten auf, lassen aber auch die beiden unterschiedlichen Zugänge erkennen. Im Jahr 1460 zog Mantegna nach Mantua, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1506 als Hofmaler für die Herrscherfamilie der Gonzaga innehatte. Bellini, der zehn Jahre später starb, verbrachte seine gesamte Laufbahn in der Republik Venedig. Das Werk der beiden Maler legt einen künstlerischen Austausch nahe, der trotz der räumlichen Entfernung Zeit ihres langen Lebens nicht abriss.

Die Ausstellung wird organisiert von der National Gallery London und den Staatlichen Museen zu Berlin.

 

 

In Farbe: Degas aus der Sammlung Burrell

20. September 2017 – April 2018 (Ground Floor Galleries) → Edgar Degas: Ballerina in Pastell

Eine Gruppe von 20 Gemälden des französischen Malers Hilaire-Germain-Edgar Degas (1834-1917) aus der Glasgower Sammlung Burrell ist erstmals in London zu sehen. Als eine der großartigsten Degas-Sammlungen weltweit umfasst sie Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Die meisten dieser Arbeiten sind selten öffentlich zu sehen und werden erstmals seit ihrem Ankauf außerhalb Schottlands gezeigt. Ergänzend sind Werke aus der Sammlung der National Gallery London zu sehen.

Edgar Degas zählte zu den bedeutendsten künstlerischen Neuerern seines Zeitalters. Er verschmähte traditionelle Sujets und technische Konventionen und fand neue Wege, das moderne Pariser Leben darzustellen. Im Laufe seiner Karriere kehrte er immer wieder zu bestimmten Themen zurück, darunter das Ballett, Pferderennen und die private Welt der weiblichen Toilette. Seine künstlerische Vision war höchst individuell und unterschied sich maßgeblich von der seiner impressionistischen Zeitgenossen.

Degas trug viel zur Entwicklung der Kunst bei, unter anderem durch rücksichtsloses Experimentieren mit Materialien. Ein besonderes Faible hegte er für das höchst flexible Medium der Pastellfarbe, die er der Ölfarbe vorzog. Pastell nahm in seinen späteren Jahren an Bedeutung zu, als strahlende Farben immer stärker in den Fokus der von ihm bewunderten zeitgenössischen Kunst rückten und seine Sehkraft nachließ. Die taktile Unmittelbarkeit und die Farbbrillanz, die so charakteristisch für Pastellfarben sind, ließen ihn moderne Kunstwerke von erstaunlicher Kühnheit schaffen.

Diese Ausstellung bietet einen außergewöhnlichen Einblick in die Arbeitsweise und Überlegungen eines komplexen und sehr privaten Künstlers. Zum 100. Todestag des am 27. September 1917 verstorbenen Künstlers ist sie zudem eine gebührende Hommage an einen der großartigsten kreativen Schöpfer der französischen Kunst des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung wird organisiert von der National Gallery London in Zusammenarbeit mit der Sammlung Burrell, Glasgow.

 

 

Thomas Cole

11. Juni – 7. Oktober 2018 (Ground Floor Galleries)

Thomas Cole (1801–1848) zählte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den führenden Malern Amerikas, doch sein Werk ist selten außerhalb der USA zu sehen. Diese Ausstellung rückt ihn als Vertreter der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts mit globaler Bedeutung ins Zentrum der Aufmerksamkeit und bietet eine seltene Gelegenheit, seinen monumentalen Gemäldezyklus „The Course of Empire“ (1833–1836, New-York Historical Society) kennenzulernen.

Der Dialog zwischen Thomas Cole und den europäischen Künstlern zur Mitte des 19. Jahrhunderts wird durch die Gegenüberstellung der Arbeiten des gebürtigen Briten Cole mit denen von Joseph Mallord William Turner (1775–1851), John Constable (1776–1837) und anderen beleuchtet. Man sieht, wie sich Coles Reisen nach England und Italien zwischen 1829 und 1833 auf sein Werk auswirkten, und wie sein Kontakt mit der europäischen Malerei zu seiner eigenen künstlerischen Identität beitrug.

Zudem bietet die Ausstellung einen lebendigen neuen Kontext für „The Oxbow“ (1836, The Metropolitan Museum of Art), eines der ersten Meisterwerke der amerikanischen Landschaftsmalerei, das erstmals in Großbritannien zu sehen sein wird. „The Oxbow“ wird traditionell als maßgebliches Werk der Geschichte der amerikanischen Malerei gefeiert. Hier erfährt es eine Neuinterpretation als das triumphale Ergebnis von Coles selbstreflektierender Beschäftigung mit europäischer Kunst.

Die Ausstellung wird organisiert von der National Gallery London und dem Metropolitan Museum of Art, New York.

 

 

Lorenzo Lotto: Porträts

5. November 2018 – 10. Februar 2019 (Ground Floor Galleries) → Lorenzo Lotto. Porträts

Lorenzo Lotto (um 1480-1556/7) zählt zu den faszinierendsten Künstlern des frühen 16. Jahrhunderts und ist vor allem für seine Porträts und religiösen Gemälde bekannt. Seine Werke zeichnen sich durch eine expressive Empfindsamkeit und Unmittelbarkeit aus und sind an ihren tief gesättigten Farben und dem markanten Einsatz von Schatten erkennbar. Die Porträts von Lorenzo Lotto werden im Rahmen dieser Ausstellung erstmals in Großbritannien präsentiert.

Lotto gilt als einer der besten Porträtmaler der italienischen Renaissance. Seine Modelle stellen einen einzigartigen Querschnitt der damaligen Mittelklasse dar, darunter Kleriker, Händler und Humanisten. Er malte Männer, Frauen und Kinder in Kompositionen, denen er viel Symbolik und eine bemerkenswerte psychologische Tiefe verlieh. Die Objekte, die eine maßgebliche Rolle in seinen Porträts spielen und auf den gesellschaftlichen Stand, die Interessen und das Streben seiner Sujets hinweisen, tragen viel zum Bedeutungsgehalt seiner Werke bei. Einige dieser Objekte, zum Beispiel Teppiche, Skulpturen, Schmuck und andere persönliche Gegenstände, werden im Rahmen dieser Ausstellung zu sehen sein.

Zu den Porträtierten liegen zahlreiche Informationen vor, was insbesondere den teilweise erhaltenen Rechnungsbüchern des Künstlers zu verdanken ist. Darin finden wir Einzelheiten zu ihrer Identität, den Preisen der Werke und zu den Umständen ihres Entstehens. Einige dieser Dokumente sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

Die Ausstellung wird organisiert von der National Gallery London und dem Museo Nacional del Prado, Madrid

 

 

Der Keitele-See: Finnische Landschaft

15. November 2017 – 4. Februar 2018 (Room 1) → Akseli Gallen-Kallela, Keitele-See (1904/05)

„Der Keitele-See“ (1905) mit seinen silbrigen Nuancen, der kühlen Eleganz und einer beinahe hypnotischen Intensität zählt zu den beliebtesten Gemälden in der Sammlung der National Gallery London und zu einer spektakulären Serie dieser nordischen Landschaft von Akseli Gallen-Kallela (1865-1931 → Akseli Gallen-Kallela). Alle vier Versionen des Keitele-Sees (zwei aus Privatsammlungen und eine aus dem Lahti Art Museum/Viipuri Foundation, Finnland) werden hier wiedervereint und Seite an Seite in der Reihenfolge ihres Entstehens gezeigt. Sie lassen erkennen, wie sich der Künstler nach und nach von einer naturalistischen Beobachtung der Landschaft ab- und zu einer höchst stilisierten und abstrakten Art der Darstellung hinwandte. Die Gegenüberstellung dieser Werke verdeutlicht ihren reichhaltigen, vielschichtigen Symbolismus und akzentuiert die gewaltige Bildkraft des Motivs.

Gallen-Kallela, eine führende Figur der modernen finnischen Malerei, arbeitete erstmals im Sommer 1904 am Keitele-See nördlich von Helsinki. Er war verzaubert von der Schönheit der finnischen Landschaft und fasziniert von meteorologischen Phänomenen. Diese mittsommerliche Ansicht des Sees war dank der erhabenen Klarheit des Motivs, zu dem er im Laufe seiner Karriere bis in die 1920er Jahre hinein immer wieder zurückkehrte, bald eines der bekanntesten und beliebtesten Bilder des Künstlers.

Die Gemälde des Keitele-Sees werden im Kontext der internationalen Avantgarde gezeigt, mit der Gallen-Kallela über lange Zeiträume seines Arbeitslebens im Kontakt stand. Zu sehen sind mehr als ein Dutzend Arbeiten des Künstlers, die meisten davon Leihgaben aus öffentlichen und privaten finnischen Sammlungen.

 

 

Murillo: Selbstporträts

28. Februar – 21. Mai 2018 (Room 1) → Murillo: Selbstporträts

Anlässlich des 400. Geburtstags von Bartolomé Esteban Murillo (1617–1682 → Murillo und Justino de Neve) vereinen die Frick Collection, New York, und die National Gallery London die beiden einzigen bekannten Selbstporträts des Künstlers. Zum ersten Mal seit rund 300 Jahren hängen die beiden Bilder Seite an Seite und belegen sowohl das hohe malerische Können wie auch die Selbstreflexion des Barockmalers aus Sevilla.

Murillo war einer der gefeiertsten Maler des Goldenen Zeitalters in Spanien und arbeitete Zeit seines Lebens hauptsächlich in seinem Geburtsort Sevilla. Bekannt ist er vor allem für seine religiösen Gemälde und außerordentlichen Darstellungen von Straßenkindern, aber er war auch ein genialer Porträtist – ein Aspekt seines Werks, der bisher wenig erforscht wurde.

Das fühere Selbstporträt (um 1650–1655) aus der New Yorker Sammlung Frick zeigt den rund 30-jährigen Murillo als ob das Porträt auf einen Steinquader gemalt worden wäre. Er ist elegant gekleidet mit dem steifen, als golilla bekannten Kragen, doch ohne Hinweis auf seinen Beruf als Maler. Auf seinem späteren Selbstporträt (vermutlich 1668–1670) aus der Sammlung der National Gallery London ist Murillo rund 20 Jahre älter. Das Bildnis zeigt den alternden Künstler mit den Werkzeugen seines Handwerks: Auf einem Sims sind unter anderem eine Rötelzeichnung, ein Kompass und eine Malerpalette arrangiert. Seine rechte Hand ragt nach Trompe-l’œil-Manier aus dem Steinrahmen, der ihn umgibt.

Die Ausstellung wird rund zehn zusätzliche Arbeiten umfassen, darunter weitere Gemälde von Murillo und spätere Reproduktionen der zwei Porträts, die ihren Ruhm in Europa widerspiegeln. „Murillo. Selbstporträts“ wird organisiert von der National Gallery London und der Sammlung Frick, New York. Sie wird vom 1. November 2017 bis 4. Februar 2018 in der Frick Collection zu sehen sein.

 

 

Ed Ruscha: Lauf des Imperiums

11. Juni – 7. Oktober 2018 (Room 1)

Im Laufe der sechs Jahrzehnte seiner einflussreichen Karriere hat Ed Ruscha (* 1937) unsere Sicht auf die amerikanische Landschaft maßgeblich mitgeprägt. Sein Werk – elegant, hoch destilliert und oft humorvoll – vermittelt amerikanischen Zen auf eine ebenso anschauliche wie individuelle Art und Weise.

Im Jahr 2005 vertrat Ruscha die Vereinigten Staaten auf der Biennale in Venedig. Seine Installation zum Thema „Fortschritt oder der Lauf des Fortschritts“ verwies auf den berühmten Gemäldezyklus „The Course of Empire“ von Thomas Cole (1833-36), der zeitgleich zu dieser Ausstellung im Erdgeschoss der National Gallery London zu sehen ist. Im Gegensatz zu Coles grandioser Darstellung des Aufstiegs und Falls einer klassischen Zivilisation stellt Ruschas „The Course of Empire“ die Industriebauten der Stadt Los Angeles in den Mittelpunkt: einfache, utilitaristische Klötze ohne Anspruch auf Schönheit, die aber unverkennbare Platzhalter für wirtschaftliche Macht und globale Reichweite sind. Diese beiden sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an das zyklische Wesen von Zivilisation werden zum ersten Mal in einer Institution zusammengeführt, und auch Ruschas Serien sind hier erstmals seit ihren anfänglichen Präsentationen wieder vereint.

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.