0

Cecily Brown. Where, When, How Often and with Whom Britische Malerin zwischen Figuration und Abstraktion im Louisiana

Cecily Brown, Where, When, How Often and with Whom?, Detail, 2017, Öl/Leinen, 277 x 1008 cm (3-teilig) (© Cecily Brown. Courtesy of the artist)

Cecily Brown, Where, When, How Often and with Whom?, Detail, 2017, Öl/Leinen, 277 x 1008 cm (3-teilig) (© Cecily Brown. Courtesy of the artist)

Die britische Malerin Cecily Brown (* 1969), die seit 1995 in New York lebt, ist eine der zentralen Künstlerinnen für die Wiedererstarkung der Malerei in den letzten 20 Jahren. Indem sie Abstraktion und Figuration miteinander verschleift, erschafft Cecily Brown Bilder menschlicher Körper, häufig fragmentiert und in erotischen Posen inmitten von Farbnebeln. Brown zollt der Verführungskunst der Malerei täglich Tribut und bezieht sich auf unterschiedlichste Künstler der Kunstgeschichte. Neben Hieronymus Bosch, Francisco de Goya und William Hogarth verarbeitet sie auch Fotografien aus den Medien wie Erotika und Pornobilder.

Das titelgebende Bild „Where, When, How Often and with Whom” (2017) ist mehr als zehn Meter lang. Die friesartige Komposition zeigt eine Landschaft, in der sich eine Gruppe von Figuren auf komplexe Weise mit Farbschleiern und Raumfragmenten verbinden. Für Cecily Brown entstehen ihre Bilder aus der materiellen Dimension der Malerei, wobei ihr das Studium der Alten Meister bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wichtige Inspirationsquelle ist.

 

 

Malen und Zeichnen als Form der Aneignung

Cecily Brown ist eine Malerin im traditionellen Sinn. Dennoch hat ihre Beziehung zu den Alten Meistern nichts mit einer rückwärtsgewandten Sicht oder Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Welt zu tun. Stattdessen bedient sie sich des Figurenrepertoires ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Die Werke der Ausstellung im dänischen Louisiana zitieren einige der bekanntesten Meisterwerke der Kunstgeschichte. Vor allem ihre Arbeiten auf Papier offenbaren, wie lang die Liste der Vorbilder ist: Tizians „Raub der Europa“, Hieronymus Boschs „Versuchung des Hl. Antonius“, Pieter Bruegels „Kampf zwischen Karneval und Fasten“ (→ Pieter Bruegel d. Ä.: Werk und Leben), El Grecos „Laokoon“, Gian Lorenzo Berninis „Apollo und Daphne“, Antoine Watteaus „Die Einschiffung nach Kythera“, William Hogarths „Analysis of Beauty“, Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“, Eugène Delacroix‘ „Der Tod des Sardanapal“, Edgar Degas‘ „Kampf der Spartanerinnen“ oder Edouard Manets „Das Frühstück im Grünen“.

„Ich stehle Figuren aus allen Momenten der Kunstgeschichte“, erzählt die Künstlerin. Historische Höllendarstellungen begeistern sie maßlos. Diese Figuren kombiniert Cecily Brown mit Szenen aus der Pop-Kultur und Tageszeitungen. So findet man in ihren Bildern immer wieder Menschen, die beim Akt des Schauens gezeigt werden und vielfach aus dem Bild heraus auf das Publikum blicken. „Malerei ist nicht nur ein Akt des Sehens, sondern des Machens. Die Malerin reproduziert die Welt nicht, sondern sie schafft sie“, fasst Kurator Anders Kold Werkprozess und -genese Cecily Browns pointiert zusammen. Allerdings erzählt die in New York lebende Malerin damit keine konzise Geschichte, sondern verbindet verschiedene Momente in einem Gemälde, denn: „Ich denke mehr in Geschichtsblitzen [flashes of story].“

 

 

Was sagt ein Titel aus? Nichts und alles!

Der Titel jedes einzelnen Werks ist genauso offen wie mysteriös. Cecily Brown verleiht sie ihren Bildern erst zum Schluss, wobei sie diese den Gemälden teils assoziativ, teils zufällig aus einer bereits existierenden Liste mit interessanten Gedankengängen zuordnet. „Wo, wann, wie oft und mit wem“ ist eine Aneinanderreihung von Fragewörtern ohne ein Verb und ohne Fragezeichen. Die Worte umkreisen ein leeres Zentrum, benennen es nicht. Mit der Wortfolge spielt Cecily Brown an Paul Gauguins symbolistische, ebenfalls quergelagerte Komposition an (→ Paul Gauguin. Werke aus der Südsee):

„Ich hatte den Titel „Where, When, How Often an with Whom“ schon seit einiger Zeit aufgeschrieben gehabt. Und es schien mir angemessen. Wegen einer Sache mochte ich ihn sehr für dieses Gemälde, das war die Assoziation mit Gauguin, nicht als eine physische Erinnerung an sein Gemälde, aber ich habe immer den Gauguin Titel „Where Do We Come From? What Are We? Where Are We Going?“ (Cecily Brown)

Interessanterweise macht die britische Malerin keine Studien nach Max Beckmann, Willem de Kooning, Joan Mitchell, Philip Guston und Francis Bacon oder ihren Zeitgenossen (wenn auch Bacons verzerrte Gesichter Brown deutlich beeinflussten). Dennoch steht sie in der Tradition der Malerei des 20. Jahrhunderts, die zwischen Figur und Abstraktion changiert, das Großformat beschwört, keine kongruenten Geschichten mehr kennt. Die Figuren versinken in Farben bzw. tauchen auf diesen wieder auf, häufig in pastoralen englischen Landschaften, verschiedenen Interieurs oder in der Nähe von Wasser positioniert. Manchmal gibt es in ihren Werken erotische Andeutungen, die durch Leerstellen Unbeständigkeit, Zerbrechlichkeit und Verwandlung mittransportieren. Dabei spielt der physische Akt des Malens einen wichtigen Beitrag zur Entstehung der Werke:

„Die Leute vergessen, wie physisch das Malen ist, sogar im mittleren und kleinen Format. Aber es ist diese Ehe zwischen deinem Geist und deinem Körper. Wenn man am Morgen ins Atelier geht, muss man spüren, dass man die physische Energie mitbringt, um es anzupacken. Und wenn man die nicht hat, dann sollte man etwas anderes machen. Man muss sehr präsent sein, physisch. Über die Jahre denke ich mehr und mehr, dass die Malerei sowohl dem Tanz als auch der Dichtkunst am nächsten steht.“ (Cecily Brown)

Die Schau im Louisiana stellt eine der bedeutendsten Malerinnen der Gegenwart in einem umfassenden Überblick vor. Der ausstellungsbegleitende Katalog führt gekonnt in das vielschichtige Werk ein, ohne die Bilder mit Deutungen zu überfrachten.

Kuratiert von Anders Kold.

 

 

Cecily Brown: Ausstellungskatalog

Larke Rydal Jorgensen, Anders Kold (Hg.)
mit Beiträgen von Anders Kold und dem Kritiker Hilton Als und Terry R. Myers sowie einem Interview mit der Künstlerin
176 Seiten
ISBN 978-87-93659-12-4
Thames & Hudson

 

Cecily Brown: Bilder

  • Cecily Brown, Couple, 2004, Öl/Leinen, 228,6 × 203,2 cm (Privatsammlung © Cecily Brown, Foto: Robert McKeever)
  • Cecily Brown, Girl on a Swing, 2004, Öl/Leinen, 182 × 243 cm (National Gallery of Art, Washington, Gift of the Collectors Committee, 2015 © Cecily Brown, Foto: Robert McKeever)
  • Cecily Brown, All the Nightmares Came Today, 2012, Öl/Leinen, 170,2 × 211 cm (Iris & Matthew Strauss Collection, Rancho Santa Fe, California © Cecily Brown. Photo: Robert McKeever)
  • Cecily Brown, Untitled (Shipwreck), 2016, Aquarell/Papier, 30,5 × 40,6 cm (© Cecily Brown. Courtesy the artist and Thomas Dane Gallery, London, Foto: Genevieve Hanson)
  • Cecily Brown, Where, When, How Often and with Whom?, 2017, Öl/Leinen, 277 x 1008 cm (3-teilig) (© Cecily Brown. Courtesy of the artist)
  • Cecily Brown, Untitled (CB 1350), 2018, Monotypie, Öl/Lanaquarellepapier, 78,7 × 109,2 cm (© Cecily Brown. Courtesy of the artist and Two Palms Press, New York, Foto: Brandon Israels & Doug Volle)
  • Cecily Brown, Untitled (CB 1377), 2018, Monotypie, Öl/Lanaquarellepapier, 58,4 × 78,7 cm (© Cecily Brown. Courtesy of the artist and Two Palms Press, New York, Foto: Brandon

Beiträge zur Kunst der Gegenwart

17. März 2019
Sean Scully, Landline China 8, Detail, 2018, Öl/Aluminium, 300 × 190 cm (Privatsammlung (SS3506) © Sean Scully. Photo: courtesy the artist)

National Gallery, London: Sean Scully – Sea Star Irisch-amerikanischer Maler zoll Hommage an William Turner

In „Sea Star“ ehrt Sean Scully sein Vorbild William Turner und gibt in der National Gallery of Art, London, einen Überblick über Arbeiten der letzten Jahre. Vor allem die Serie „Landline“ zeigt mit ihren den Horizont abstrahierenden Streifen formale Ähnlichkeit mit der malerischen Auseinandersatzung des Romantikers mit dem Meer, dem Horizont und dem Himmel.
2. März 2019
David Hockney, More Felled Trees on Woldgate, Detail, 2008, Öl auf 2 Leinwände, 91,4 x 122 je, 152,4 x 243,8 cm gesamt (© David Hockney, Foto: Richard Schmidt)

Van Gogh Museum: Hockney – Van Gogh „Die Freude an der Natur“ zeigt Landschaftsbilder und Einfluss des Niederländers

David Hockney ließ sich für seine Yorkshire Landschaften intensiv von Vincent van Gogh und dessen Bilder beeinflussen. Das Van Gogh Museum zeigt 2019 beide!
10. Februar 2019
Barbara Kruger, Untitled (You are a very special person), 1995, Collage, 13,6 x 19,1 cm (© Barbara Kruger, courtesy Sprüth Magers)

Barbara Kruger erhält den Goslarer Kaiserring 2019 Amerikanische Konzeptkünstlerin für Kapitalismus- und Konsumkritik ausgezeichnet

Die amerikanische Konzeptkünstlerin Barbara Kruger (* 1945) wird den Kaiserring am 21. September 2019 in Goslar entgegennehmen.

Aktuelle Ausstellungen

15. März 2019
Leopold Museum Wien 1900: Schiele, Klimt, Sigmund Freud

Leopold Museum: Wien um 1900. Urquell der Moderne Neuaufstellung der Sammlung: Wiener Kunst von 1880 bis 1930

Die umfassende, sich über drei Ebenen erstreckende Ausstellung präsentiert den Glanz und die Fülle künstlerischer und geistiger Errungenschaften einer Epoche.
14. März 2019
Maurice Denis, Poetische Arabeske, oder: Die Leiter im Laub, Detail, 1892, Öl/Lw, auf Holzpaneel montiert, 235 x 172 cm (Saint-Germain-En-Laye, Musée départemental Maurice Denis / Christian Jean)

Musée du Luxembourg: Nabis und die dekorativen Künste Gemusterte Flächigkeit in Malerei und Wandschmuck

Das Musée du Luxembourg widmet erstmals den dekorativen Werken der Nabis eine Ausstellung. Les Nabis (hebr. Propheten) – allen voran Pierre Bonnard, Edouard Vuillard und Félix Vallotton – strebten die Überwindung der Trennung von bildender und angewandter Kunst an.
12. März 2019
Peter Paul Rubens, Das Martyrium des hl. Andreas, Detail, um 1638/39, Öl/Lw, 305 x 216 cm (ohne Rahmen) (Fundación Carlos de Amberes, Madrid)

Rubens’ Martyrium des hl. Andreas im Museo Thyssen Spätwerk des flämischen Malers im Kreis der Rubens-Sammlung

Peter Paul Rubens' monumentales Spätwerk zu Gast im Museo Nacional Thyssen-Bornemisza. „Das Martyrium des hl. Andreas“ ergänzt die Rubens-Sammlung um eine dramatische Gewaltszene.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.