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Sturtevant. Drawing Double Reversal Zeichnungen

Sturtevant, Lichtenstein Final Study for Landscape with Figures, 1988, Fotograf Axel Schneider, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main © Estate Sturtevant, Paris.

Sturtevant, Lichtenstein Final Study for Landscape with Figures, 1988, Fotograf Axel Schneider, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main © Estate Sturtevant, Paris.

Elaine Sturtevant (1924–2014) ist eine amerikanische Künstlerin, die ab den 1960er Jahren das Konzept der Pop Art durch Kopierens der Werke ihrer Kollegen Andy Warhol, Roy Lichtenstein und co noch einmal auf die Spitze trieb. Was ist Kreativität und Originalität? Was macht den (ökonomischen) Werk von Kunst aus?

Knapp 100 Zeichnungen der amerikanischen Künstlerin, die zwischen 1964 und 2004 entstanden, werden in den neu adaptierten Räumen der Tietze-Galleries für Prints and Drawings in der Albertina gezeigt. Achtzig Arbeiten davon sind überhaupt erstmalig zu sehen und wurden von Kurator Mario Kramer aus dem Estate Sturtevant (Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris–Salzburg) zusammengestellt und in Privatsammlungen aufgespürt. Gemeinsam mit MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin zeigt die Albertina in Wien die erste große Museumsausstellung zum zeichnerischen Werk der Preisträgerin des Goldenen Löwen (54. Biennale in Venedig: Tintoretto und die zeitgenössische Kunst).

Pop Art – Neo Dada – Kunst nach Kunst

Die zuletzt in Paris lebenden Amerikanerin Elaine Sturtevant war 1925 in Lakewood, Ohio geboren worden und studierte - nach einer Ausbildung in Psychologie - Kunst an der New Yorker Students League. Gleichzeitig prosperierte in den frühen 1960er Jahre die New Yorker Kunstszene und brachte nach der zweiten Generation Abstrakter Expressionisten die Pop Art hervor. 1962 war das Jahr der Debuts und ersten Einzelausstellungen von Jim Dine (→ Jim Dine: Selbstbildnisse), James Rosenquist, Roy Lichtenstein (→ Roy Lichtenstein. Bilder in Schwarz und Weiß), Andy Warhol, Claes Oldenburg, Robert Indiana und Tom Wesselmann. Im folgenden Jahr wurde die „Mona Lisa“ Leonardos auf Tournee durch die Vereinigten Staaten geschickt, und Andy Warhol fragte öffentlichkeitswirksam in der Newsweek: „Warum lassen die es nicht einfach von jemanden kopieren und schicken die Kopie? Kein Mensch würde den Unterschied erkennen.“ Elaine Sturtevant nahm Andy Warhols Frage ernst und begann sich mit den Werken ihrer Freunde zu beschäftigen.

Die Zeichnungen führen direkt zu Sturtevants Überlegungen, Methoden und Konzepten. Denn ihr gelang es, die grundlegende Frage der Pop-Art noch einmal zuzuspitzen und anhand ihrer zeichnerischen Originale auf intellektueller Ebene das Pop Art-Konzept neu zu formulieren. In den 1960er Jahren lebte sie in New York umgeben von Pop-Künstlern wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein, mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg war sie eng befreundet. Deren Originale begann sie anzuzeichnen, zu kompilieren, zu reproduzieren – und rief damit viel Unverständnis hervor! Insbesondere ihre Zeichnungen von 1965 und 1966, die sogenannten „Composite Drawings“, geben eine Vorstellung von Sturtevants radikalem Denken. Statt, wie ihre männlichen Kollegen, Objekte der Alltagswelt und Populärkultur zu zitieren und dabei eine möglichst unpersönliche (Nicht-)Handschrift zu entwickeln, imitierte sie die Kunstobjekte von Lichtenstein, Warhol, Oldenburg und Co. In Collagetechnik fügte sie unterschiedliche Motive verschiedener Künstler auf einem Blatt zusammen. Zu Warhols Blumen gesellt sich der aggressiv zeigende Finger von Lichtenstein. Ob man bei dieser Zusammenstellung von „Vegetabilisierung“ des Gesichts sprechen darf, wie es gerne bei Klimts oder Schieles Sonnenblumen getan wird? Luzid, erstaunlich und witzig auch die Kombination von Tom Wesselmanns „Great American Nude“ mit einer „Zielscheibe“ von Jasper Johns. Auf einem anderen Blatt bringt sie allerdings auch den Frauenakt mit Lichtensteins Hot Dog zusammen! Dass die Künstlerin gerne darauf hinwies, dass sie nichts mit dem Feminismus am Hut hätte, mag stimmen. Ihr darin zu folgen, bleibt relativ, wie vieles an ihrem Werk.

Nach etwas weniger als zehn Jahren im Kunstbusiness widmete sich die Künstlerin zwischen 1974 und 1985 ihrem Privatleben, wurde Mutter von zwei Töchtern. Die Generation der Appropriation Art wie Cindy Sherman, Richard Prince, Robert Longo, Sherry Levine oder Mike Bidlo erfanden das, was Elaine Sturtevant bereits seit den 60ern machte, in den 80er Jahren neu. Von der Öffentlichkeit weitestgehend ignoriert, war Sturtevant eine artist’s artist, eine Künstlerin für Künstler. An ihre alte Strategie knüpfte sie insofern in zweifacher Hinsicht an, als sie ab 1988 die sowohl Jasper Johns als auch Roy Lichtenstein erneut zu kopieren anfing. Nun in Farbe (!) und auf wenig größeren Blättern wiederholt sie leicht erkenn- und zuordenbare Motive. Jetzt sind sie allerdings bereits von Kurator_innen handverlesen und zu Ikonen der Pop-Art aufgestiegen. Gleichzeitig war Sturtevant aber auch offen für Neues und wiederholte Keith Harings auf Vergänglichkeit angelegte U-Bahn-Zeichnungen. Diese ephemeren Werke, die nur über Fotografien dokumentiert wurden, weil sich der Künstler unbenutzte Werbeflächen in der New Yorker U-Bahn aneignete, führte Sturtevant gleichsam in die Ewigkeit der Handzeichnung über.

 

 

Die „Kopie“ als Original

Insgesamt 176 Zeichnungen sind das Ergebnis eines Nachdenkprozesses über die Prinzipien der Pop Art, angewandt auf Werke der Pop Art. Knapp 100 davon sind in der Albertina zu sehen. Anstelle Alte Meister zu kopieren, studierte Sturtevant die Werke der aktuellen Shooting Stars der New Yorker Kunstszene. Dass es sich jedoch um mehr als „nur“ Studien handelt, zeigen die Signaturen, die spätestens seit der Erfindung von Ready-Made und Konzeptkunst Kunstwerke zu solchem machen.

Das künstlerische Denken Elaine Sturtevants setzte dem Spontanen und Improvisierten des Happenings, den Unsauberkeiten der Siebdrucke Warhols, der Kommerzkritik von Oldenburg und dem mechanisch wirkenden Rasterstil Lichtensteins mit ihren präzisen Strichzeichnungen die Geste des Persönlichen und handwerklichen Könnens entgegen. Faszinierten sich die Pop-Künstler anfangs für den amerikanischen Traum mit seinen Filmstars und seiner Überflussgesellschaft, die alles Coole gerne aufnahm, so war Sturtevant deutlich konzeptueller und in ihrer Radikalität intellektueller. In ihren Arbeiten stellte sie noch deutlicher die Frage nach den Werten und den Eigenschaften des Originals. Denn wenn sie auch berühmte Bildmotive ihrer Freunde wiederholte, wie Lichtensteins „Girl with Ball“ oder Jasper Johns Ziffern und Flaggen, Duchamps Rotationsscheiben oder Warhols „Flowers“, so schuf sie dennoch mustergültige Sturtevants. Originell und einzigartig sind sie, zeigen sie doch – in Anlehnung an René Magrittes Feststellung „Dies ist keine Pfeife“ – Sturtevants Auswahl, ihren Strich, ihre Größenverhältnisse, ihre anfängliche Farblosigkeit. Nur aus dieser Haltung heraus, lässt sich ihre äußerst frühe Hinwendung zu Joseph Beuys überhaupt erklären. Als Beuys-Look-alike tritt sie uns in der Ausstellung auch entgegen, mit forschem Schritt, Filzhut und Anglerweste proklamierte sie „La rivoluzzione siamo noi“.

Welche Bedeutung diese Zeichnungen für Sturtevant selbst hatten, macht ein Blick in ihre ersten Ausstellungskataloge deutlich. In der von der Reese Palley Gallery in New York veröffentlichten Publikation 1971 mit dem Titel „Studies done for Beuys’ Actions Objects and Drawings“ sind sechs Zeichnungen abgebildet. 1988 fanden in der Bess Cutler Gallery in New York und 2002 in der Galerie Daniel Blau in München reine Zeichnungs-Ausstellungen statt, die Sturtevant selbst mitkonzipiert hatte. Doch nicht nur ihre amerikanischen Kollegen bildete Sturtevant nach, sondern auch Marcel Duchamps Readymades und Joseph Beuys‘ Multiples. Sie selbst sprach von einer „Kraft der Nicht-Identität“ („the force of non-identity“).

 

 

Wer ist der Autor? Wer ist die Autorin?

Seit 1966 pendelte Sturtevant regelmäßig zwischen New York und Paris und wandte sich ab 1967 konsequenterweise Marcel Duchamp zu. Ein Ausstellungskatalog zeigt sie demnach auch als Rose Selavy oder Sturtevant. Zwar zeichnete sie nach dem berühmten Urinal, die wichtigeren Arbeiten beziehen sich jedoch auf die Rotationsscheiben Duchamps. Das Kunstwerk zwischen wissenschaftlicher Versuchsanordnung und ästhetischer Erfahrung entwickelt hier eine besondere hypnotische Kraft. Aura, Authentizität, Innovationszwang, Individualität, Unikat und Echtheitsdefinition sind seit Alters her Synonyme des Originals. All diese Begriffe, die ihren Ursprung in der „Kunstwerdung“ der Kunst im 19. Jahrhundert haben, werden durch Sturtevants Strategie in Frage gestellt, ohne dass die Künstlerin darauf leichte Antworten parat hätte.

 

 

Biografie von Elaine Sturtevant (1924-2014)

Am 23. August 1924 wurde Sturtevant als Elaine Frances Horan in Lakewood, Ohio geboren.
Machte einen Bachelor in Psychologie an der Universität von Iowa, gefolgt von einem Master vom, Teachers College der Columbia University. In New York studierte sie an der Art Students League.
1960 Lebte sie in New York
1965 Erste Einzelausstellung in der Bianchini Gallery in New York
1966 Erste Einzelausstellung in der Galerie J in Paris. Sturtevant pendelte ab nun zwischen New York und Paris.
1967 Beschäftigung mit Marcel Duchamp
1969 Beschäftigung mit Joseph Beuys
1974 Gab ihre künstlerische Tätigkeit auf.
1985 Elaine Sturtevant begann wieder, sich künstlerisch zu betätigen.
2011 Verleihung des Goldenen Löwen auf der Biennale von Venedig für das Lebenswerk (4.6.).
2013 Kurt Schwitters Preis für ihr Lebenswerk vom Sprengel Museum in Hannover (September).
Am 7. Mai 2014 verstarb Elaine Sturtevant in Paris.

 

 

Sturtevant: Bilder

  • Sturtevant, Duchamp Rotary Disc (Poisson Japonais), 1969, Collection Mark Kelman, New York.
  • Sturtevant, Study for Lichtenstein Girl with Ball, 1988, Collection Maxime Guinnebault, Paris.
  • Sturtevant, Lichtenstein Final Study for Landscape with Figures, 1988, Fotograf Axel Schneider, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main © Estate Sturtevant, Paris.
  • Sturtevant, Installationsansicht mit Flowers (Andy Warhol), Albertina 2015, Foto: Alexandra Matzner.
  • Sturtevant, Installationsansicht (Keith Haring), Albertina 2015, Foto: Alexandra Matzner.
  • Sturtevant als Joseph Beuys, Albertina 2015, Foto: Alexandra Matzner.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.