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Robert Delaunay und Paris Erfinder des Orphismus

Robert Delaunay, Formes circulaires. Soleil, lune, Detail, 1913–1931, Öl/Lw, 200 x 197 cm (Kunsthaus Zürich)

Robert Delaunay, Formes circulaires. Soleil, lune, Detail, 1913–1931, Öl/Lw, 200 x 197 cm (Kunsthaus Zürich)

Robert Delaunay (1885–1941) ist einer der bedeutendsten Wegbereiter der Abstrakten Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung rückt zwei wichtige Gemälde aus der Sammlung des Kunsthaus Zürich ins Licht, nämlich „Formes circulaires. Soleil, lune“ (1913–1931) sowie das monumentale Bild „Formes circulaires“ (1930).

Robert Delaunay und Paris

Nach einem Galeriebesuch bei Daniel-Henri Kahnweiler, wo Robert Delaunay erstmals kubistische Gemälde von Pablo Picasso und Georges Braque sah, wandte er sich dem Kubismus zu. Ab 1910 führten Künstlern wie Robert Delaunay und Fernand Léger den von Picasso, Braque und ihrem Kreis erfundenen Kubismus im städtisch geprägten Montparnasse von mit urbanen Themen und Stadtansichten weiter. Für Robert Delaunay stellt der zwischen 1887 und 1889 erbaute Eiffelturm den Inbegriff der modernen, pulsierenden Großstadt dar. In den ab 1909 entstehenden Fenster-Bildern setzt er der Stahlkonstruktion ein Denkmal, mit dem Fensterausschnitt reflektiert er die Fenster-Theorie der bildenden Kunst. Wenn der Bilderrahmen mit einem Fensterrahmen verglichen wird, ist die Malerei eine „Wiedergabe“ des Gesehenen. Um die Frage, wie man was sieht, sollte sich die Kunst von Robert Delaunay in den folgenden Jahren drehen.

 

 

Erfindung der Abstraktion 1911/12

Robert Delaunay näherte sich um 1912 – gemeinsam mit seiner russischstämmigen Ehefrau Sonia – der Abstraktion an. Beide verstanden Farbe als Ausdrucksmittel und lehnten zunehmend die Wiedergabe gesehener Dinge ab. Nachdem Robert Delaunay jahrelang Michel-Eugène Chevreuls Traktat „Über den Simultankontrast der Farben“ (1839) studiert hatte, leitete er von dessen Beobachtungen über das Verhältnis der drei Grundfarben zu den Mischfarben die Theorie des Simultanismus (Orphismus) ab. Den Begriff Orphismus prägte Guillaume Apollinaire 1912 angesichts von Delaunays „Fenêtres“, den sogenannten Fensterbildern. Eigentlich lehnte Delaunay den Begriff Orphismus aufgrund der bei Apollinaire mitschwingenden lyrischen Komponente ab, er sah seine Malerei vielmehr als „Cubisme écartelé (zerteilter Kubismus)“. In diesem Jahr hatte er sich der abstrakten Kunst geöffnet und reine Farben in geometrischen, kreisrunden Bildern angeordnet. In den 1930ern griff er in der Serie „Rythmes“ dieses Konzept wieder auf.

 

 

Sonia Delaunay stand ihrem Mann bei dieser Arbeit als Diskurspartnerin zu Seite, den theoretischen Text dazu verfasste jedoch nur er. Basis der gemeinsamen Ästhetik war nicht nur der Einsatz von reinen und leuchtenden Farben in Flächen (farbiges Licht), sondern auch die Überzeugung damit Bewegung illusionieren zu können. Für beide stellte Paris die simultanistische Stadt par excellence dar. Das von Sonia Delaunay entworfene „Simultanistische Kleid“ sollte das Publikum mit der neuen Ästhetik vertraut machen (→ Sonia Delaunay. Malerei, Design und Mode). Mit ihren gewagten Mischungen von Farben und Texturen wurde das Ehepaar zu „Reformern des guten Geschmacks“ und verursachten so manche Sensation. Beide förderten die Abstrakte Kunst in Form des Simultanismus (Orphismus → Abstrakte Kunst). Die Avantgardistin verstand es, ihre ästhetischen Ideale auf Alltagsgegenstände, vor allem Kleidung, zu übertragen, was sie vom Werk ihres Mannes deutlich unterschied.

 

 

Da sich sonntags in der Wohnung der Delaunays in der 3 rue des Grands Augustins Künstler und Intellektuelle trafen, wurden ihre vier Wände zu einer ersten Kunstgalerie der Abstraktion. Auch als Kunsttheoretiker etablierte sich Robert Delaunay – und konnte so den Orphismus grenzüberschreitend als Inspirationsquelle erschließen. Am 11. April 1912 besuchte ihn Paul Klee, da dieser dessen Gemälde auf der Ersten Ausstellung des Blauen Reiter stark bewundert hatte. Im Dezember schickte Delaunay seinen Aufsatz „Über das Licht [La Lumière]“ über Franz Marc an Klee, damit dieser den Text für Herwarth Waldens Kunstzeitschrift „Der Sturm“ in Berlin übersetzt. So übte der Pariser enormen Einfluss u.a. auf die Kunst von Paul Klee aus. Bereits am Berliner Herbstsalon im September 1913 stelle Robert Delaunay (21 Gemälde) neben seiner Frau Sonia Delaunay (25 Werke, hauptsächlich bemalte Bucheinbände), Marc Chagall, Max Ernst, Lyonel Feininger, Franz Marc und Paul Klee aus.

Zwischen 1917 und 1921 hielten sich Robert Delaunay und seine Familie in Spanien auf. Auch in Madrid führte das Künstlerehepaar seine Popularisierung der Abstraktion weiter. Vor allem Sonia Delaunay hatte auch wirtschaftliche Erfolge mit dem Entwurf und Vertrieb von avantgardistischen Möbeln, Kleidern und Einrichtungsgegenständen.

 

Paris, Geschwindigkeit und die Zwanziger Jahre

1921 kehrten Sonia und Robert Delaunay wieder nach Paris zurück. Der Maler schloss Kontakte zu den Künstlern des Dadaismus und des Surrealismus. Wenig später begann er seine zweite Serie des Eiffelturms, 1924 folgten Delaunays Läuferbilder. Fresken für das Palais de l’Ambassade de France zur Exposition internationale des arts décoratifs in Paris (1925) führten seine Überzeugungen auch in das Großformat über.

 

 

Mit „Rythmes“ schloss Robert Delaunay erst in den frühen 1930er Jahren wieder an seine frühen abstrakten Gemälde an. Er griff in dieser Serie die Themen der Scheibe von 1913 und der Kreisform erneut auf. Die 1931 gegründete Künstlergruppe Abstraction-Création wurde neue Heimstätte für das Ehepaar Delaunay.

 

 

Robert Delaunay in Zürich

Die Ausstellung gibt dem Publikum Gelegenheit, das breite Spektrum und den vorausweisenden Charakter von Delaunays Werk zu erleben – indem sie sich mit den zentralen Themen auseinandersetzt, die den Künstler sein Leben lang beschäftigten: Licht, Farbe und der malerische Ausdruck eines als bewusste Tätigkeit verstandenen Sehprozesses. Die Ausstellung wird auch zeigen, wie der leidenschaftliche Verfechter und Vertreter der abstrakten Kunst zu einer zentralen Figur der Pariser Avantgarde wurde.

Mit ihren rund 80 Gemälden und Arbeiten auf Papier verdeutlicht die Schau Delaunays intensive Beschäftigung mit der Farbmalerei sowie sein Interesse an den physikalischen Gesetzen des Sehens und unterstreicht zugleich, wie entscheidend der Ansporn und Einfluss war, den Paris auf sein Bildvokabular und seine malerischen Experimente ausübte. Fotografien und Filme von Zeitgenossen Delaunays, die sich ebenfalls von der französischen Metropole inspirieren ließen, ergänzen die Ausstellung.

 

 

Robert Delaunay und Paris: Bilder

  • Robert Delaunay, Formes circulaires. Soleil, lune, 1913–1931, Öl/Lw, 200 x 197 cm (Kunsthaus Zürich)
  • Robert Delaunay, Selbstporträt, 1909, Öl/Lw, 73 x 60 cm (Centre Pompidou, Musée national d’art moderne - Centre de création industrielle, Paris. Donation Sonia Delaunay et Charles Delaunay, 1964, Foto: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Philippe Migeat)
  • Robert Delaunay, Saint-Séverin, 1909, Aquarell und Bleistift auf Papier, 47,8 x 34 cm (Museum of Fine Arts, Boston, Bequest of Betty Bartlett McAndrew)
  • Robert Delaunay, Studie für Die Stadt, 1909–1910 Öl/Lw, 88,3 x 124,5 cm (Tate: Presented by the Friends of the Tate Gallery 1958, Foto: © Tate, London, 2018)
  • Robert Delaunay, Fenêtres ouvertes simultanément (1ère partie, 3ème motif), 1912, Öl/Lw, 45,7 x 37,5 cm (Tate: Ankauf 1967, Foto: © Tate, London, 2018)
  • Robert Delaunay, Disque (Le premier disque), 1913, Öl/Lw, Durchmesser 124 cm (Esther Grether Familiensammlung)
  • Robert Delaunay, Drame politique, 1914, Öl und Collage auf Karton, 88,7 x 67,3 cm (National Gallery of Art, Washington, Donation Joseph H. Hazen Foundation)
  • Robert Delaunay, La Tour Eiffel et jardin du Champ-de-Mars, 1922, Öl/Lw, 178,1 x 170,4 cm (Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, DC, The Joseph H. Hirshhorn Bequest, 1981, Foto: Lee Stalsworth)
  • Robert Delaunay, Le poète Philippe Soupault [Der Dichter Philippe Soupault], 1922, Öl/Lw, 197 x 130 cm (Centre Pompidou, Musée national d‘art moderne – Centre de création industrielle, Paris)
  • Robert Delaunay, Olympiade, Paris, 1923, Gouache auf Papier, gehöht mit roter Kreide, 65 x 50 cm (Bibliothèque nationale de France, Paris)
  • Robert Delaunay, Die Läufer, 1924–1925, Öl/Lw, 153 x 203 cm (Privatsammlung)
  • Robert Delaunay, La Tour Eiffel et l‘avion, 1925, Öl/Lw, 155 x 95 cm (Courtesy Galerie Le Minotaure, Paris)
  • Robert Delaunay, Porträt von Madame Heim, 1926, Öl/Lw, 120 x 75 cm (Calouste Gulbenkian Museum / Modern Collection, Foto: José Manuel Costa Alves)
  • Robert Delaunay, La Tour Eiffel, 1926–1928, Bleistift Conté auf Papier, 62,3 x 47,5 cm (Solomon R. Guggenheim Museum, New York. The Hilla Rebay Collection)
  • Robert Delaunay, Triomphe de Paris, 1929, Gouache auf Karton, 73,2 x 95,4 cm (Privatsammlung Schweiz)
  • Robert Delaunay, Rythmes: Joie de Vivre, 1930, Öl/Lw, 146 x 130 cm (Privatsammlung)
  • Robert Delaunay, Air, fer, eau. Étude pour un mural, 1936–1937, Gouache auf Papier und Holz, 47 x 74,5 cm (Albertina, Wien. Sammlung Batliner)
  • André Kertész, Tour Eiffel, 1929, Silbergelatineabzug, 27,5 x 34,4 cm (Musée Carnavalet - Histoire de Paris, Foto: Musée Carnavalet / Parisienne de Photographie © RMN-Grand Palais – Gestion droit d’auteur)

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Bereits am Cover des umfassenden Katalogs wird deutlich, dass Timothy O. Benson, Kurator am LACMA und Organisator dieser Wanderausstellung, den deutsch-französischen Kunstaustausch über die Farbe definiert. Denn was der Begriff „Expressionismus“ genau beschreibt, das wussten bereits die Zeitgenossen nicht. Von Alfred Döblin bis Oskar Kokoschka reichen die Kommentatoren einer Kunstrichtung , die sich über Innerlichkeit, Mystik, Farbexperimenten und Farbexplosionen (bis ins Unrealistische), dynamischem Pinselduktus, Musikalität, Kubismus-Rezeption, Primitivismus (vom „nordischen“ Nolde, der ägyptisierenden Modersohn-Becker bis zur Rezeption afrikanischer Plastik durch die Fauves und die Brücke Künstler) u.v.m. als neu und zeitgemäß definierte.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.