Anselm Kiefer: Werke (Bilder), Varus, Margarethe & Sulamith, Zitate
0

Anselm Kiefer Retrospektive im Centre Pompidou Von der NS-Vergangenheit zur Mystik

Anselm Kiefer, Margarethe, 1981, Öl, Acryl, Emulsion und Stroh auf Leinwand, 280 x 400 cm (The Doris and Donald Fisher Collection at the San Francisco Museum of Modern Art) © Anselm Kiefer / Foto: Ian Reeves.

Anselm Kiefer, Margarethe, 1981, Öl, Acryl, Emulsion und Stroh auf Leinwand, 280 x 400 cm (The Doris and Donald Fisher Collection at the San Francisco Museum of Modern Art) © Anselm Kiefer / Foto: Ian Reeves.

Anselm Kiefer (* März 1945) gehört zu den bekanntesten Künstlern der zeitgenössischen Kunstszene. Er beeindruck mit riesen Formaten, gigantischen Projekten wie das Gesamtkunstwerk in Barjac, der Künstler als Demiurge, als Schöpfer nicht nur seiner Welt. Die aktuelle Ausstellung im Centre Pompidou eröffnet Kiefers Installation „Steigend, steigend, sinke nieder“ (2012–2015) im Forum. Die Skulptur bezieht sich auf „Faust“ von Goethe und suggeriert eine doppelte Bewegung von Aufsteigen und Niedersinken.

Anselm Kiefer

Frankreich / Paris: Centre Pompidou
16.12.2015 – 18.4.2016

Als Anselm Kiefer im März 1945 geboren wurde, lag Deutschland in Schutt und Asche. Der Künstler verbrachte, wie er immer wieder gerne erzählt, seine Kindheit in Ruinen und findet sie bis heute schön (→ Anselm Kiefer im Gespräch mit Anton Zeilinger in der Albertina). Den Lebenskreislauf, die Verbindung von allem mit allem in Universum, die Vergänglichkeit sind seit einigen Jahren die wichtigsten Themen des einst so skandalumwitterten Malers, Bildhauers, Installationskünstlers. Während er sich am Beginn seiner künstlerischen Laufbahn für die Geschichte, und hier vor allem die verdrängte, verschwiegene Geschichte Nazi-Deutschlands, interessierte, sind es seit Ende der 1980er Jahre Kabbala, Alchimie, Mythen und Erklärungen der Weltschöpfung. Seine Verwendung von Blei wurde Kiefers Markenzeichen.

 

„Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steige!
's ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen
In der Gebilde losgebundne Reiche! [...]
Dein Wesen strebe nieder;
Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder.“
(Mephistophele in: Johann Wolfgang von Goethe,
Faust II, 1. Akt, 1832)

 

 

Hitlergruß, „Okkupation“ und „verbrannte Erde“

Schon als Student erregte Anselm Kiefer die Aufmerksamkeit seiner Professoren, als er 1969 mit der fotografischen Dokumentation der Performance „Besetzungen“ (Sommer/Herbst 1969) sein Studium abschließen wollte. Um „konzeptuell die Identifikation mit den Tätern zu simulieren“1, führte er in der Wehrmachtsuniform seines Vaters in der Schweiz (Bellinzona, Küsnacht), Holland, Frankreich (Montpellier, Sète und Arles), Italien (Rom, Paestum, Pompeij, Caprarola) (parodierend) den Hitlergruß aus. In der Serie „Heroische Sinnbilder“ verwendete er diese Fotografien als Vorlagen und verband sie mit der romantischen Tradition von Caspar David Fridrich und Karl Friedrich Schinkel. Die Arbeit rief einen Skandal hervor und wurde von der Mehrheit der Professoren abgelehnt. Nur Peter Dreher und Rainer Küchenmeister, die als Kommunisten deportiert waren, standen Kiefer in dieser Auseinandersetzung bei. Auch Joseph Beuys, bei dem er sein Kunststudium in Düsseldorf fortsetzte (1969─1972) zweifelte nicht an Kiefers kritischer Absicht bei dieser Aktion. Die in diesen Jahren entstandenen Gemälde und Bücher reagieren auf das kulturelle und historische Erbe, das Schweigen der Massen, auf die kollektive Schuld, die Zerstörungskraft des Krieges.

 

 

Arbeiten auf Papier: Bücher, Aquarelle, Holzschnitte

Im Vergleich zu den Gemälden und Installationen Anselm Kiefers sind seine Arbeiten auf Papier – mit Ausnahme der Künstlerbücher – bislang wenig beachtet worden. Als im Jahr 1998 das Metropolitan Museum ein Konvolut von 54 Aquarellen und Zeichnungen erwarb, die seit 1969 entstanden waren, fiel erstmals einer breiteren Öffentlichkeit auf, dass Kiefer auch in diesem Medium arbeitete. Wie auch das gemalte und installative Werk sind die Arbeiten auf Papier durch eine komplexe Technik gekennzeichnet. Der Künstler nimmt weg, überarbeitet, assembliert Materialien, die theoretisch nicht miteinander kompatibel sind, oder aquarelliert Blätter, die auf Gips montiert wurden. Die Themen seiner Malerei finden sich auch in diesen Werken wieder, wodurch sie zu wichtigen Schlüssel im Verständnis von Anselm Kiefers Kosmos werden. Die Aquarelle haben nicht die Funktion von Studien, sondern sind Überprüfungen, Ableitungen von aktuellen Arbeitsschritten, mit denen Kiefer das Erreichte überprüft.

 

 

Gemalte Landschaften

Um seine Gemälde anzufertigen, benutzt Anselm Kiefer schon lange keine Palette mehr, obwohl sich das klassische Motiv der Kunstausübung in seinem Werk durchaus nachweisen lässt. Die Palette erscheint dabei oft zwischen Himmel und Erde, an einer Kordel aufgehängt oder von einem Engel gehalten. Kiefer sucht damit auf das zerbrechliche Gleichgewicht der Schöpfung, zwischen dem Schöpfungsakt und der Zerstörung, hinzuweisen. Zu den Besonderheiten der Kiefer’schen Landschaften gehört ihre tendenzielle Unbestimmtheit zwischen einfacher Landschaft und historischem Ort. Während die Palette in der Ölmalerei durchaus den Weg zur Spiritualität (Erhebung) weisen konnte, ist das von Kiefer verwendete Blei gänzlich erdgebunden, schwer und ein Symbol für die Schwierigkeit der Kunst, sich zu erheben. Als der deutsche Künstler 1978 begann, mit Metall zu arbeiten, änderte sich der Ausdruck seiner Landschaften erheblich.

 

 

Germanische Mythen

Schon früh, nämlich im Jahr 1973, zeigte sich Anselm Kiefers Wunsch, nicht nur im Medium Malerei zu arbeiten, sondern diese Gemälde installativ einzusetzen. Er malte eine Serie, die er am Dachboden der Schule in Hornbach (in der Nähe von Odenwald) aufstellt. Kiefer verband in ihnen Geschichte, Religion und die alten Mythen der Germanen, deren Symbole er dem kollektiven Gedächtnis entnahm. Es finden sich Siegfried, Notung, die Nibelungen-Sage (13. Jahrhundert) in der Fassung von Richard Wagner (z. B. Brünhilde und Grane), die von den Nationalsozialisten für Propagandazwecke missbraucht wurden. Es brennen im blutgetränkten Teutoburger Wald ewige Flammen und Satan kriecht in Form einer Schlange und eines Unendlichkeitssymbols in „Resurrexit“ (1973). Die Doppeldeutigkeit der zerstörenden und reinigenden Flammen fasziniert Kiefer bis heute, hat er sich doch in „Athanor“ als kosmisches Feuer der Alchimisten wieder aufflackern lassen.

Im Jahr 1973 malte Anselm Kiefer vier Gemälde mit dem Titel „Der Parsifal-Raum“, die sich heute in der Tate Modern, London (3) und im Kunstmuseum Zürich befinden. Das Projekt wurde im Herbst 1973 Goethe Institut/Provisorium in Amsterdam in der Gruppenausstellung „Bilanz einer Aktivität“ gezeigt2 Der Titel bezieht sich auf die letzte Oper von Richard Wagner (für Bayreuth) und das Epos des 13. Jahrhunderts von Wolfram von Eschenbach (nach Perceval de Chrétien de Troyes). Die Legende erzählt vom Schicksal des Heiligen Grals, dem Kelch, aus dem Christus während des Letzten Abendmahls trank, vermischt mit orientalischen und okzidentalen Einflüssen, heidnischem wie christlichem Gedankengut. Kiefers vier Gemälde sind zeigen allesamt den Dachboden der Schule in Walldürn-Hornbach, den der Künstler in sein Atelier verwandelt hatte. Kiefer nutzte die Technik des Holzschnitts, wobei er die Planken auf lange Papierbahnen eindrückte und diese dann auf die Leinwand klebte. Das Gebälk, die braunen Planken scheinen nicht zur hochdramatischen Geschichte zu passen. Inmitten des verlassenen Dachstuhls plötzlich ein Schwert, Notung, mit Heiligenschein und Blutstropfen. Die Namen der Protagonisten – Parsifal, Gamuret, Titurel, Amfortas, Klingsor und Kundry – erscheinen in Handschrift, während unten das Motto „Oh wunden-wundervoller heiliger Speer“ aus dem 1. Akt aus „Parsifal“ zitiert wird.

 

Bilder zur deutschen Geschichte

Anselm Kiefers Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte setzt an zwei Punkten an: der Konstruktion der deutschen Nation im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen gegen Napoleon im 19. Jahrhundert und der Aneignung dieser Konstrukte durch die Nationalsozialisten. Besonders die Schlacht im Teutoburger Wald (auch Varusschlacht, 9 n. Chr.), in der drei römische Legionen samt Hilfstruppen unter Varus den Germanen unter ihrem Führer Arminius („Hermann, der Cherusker“) unterlagen, wurde im 19. Jahrhundert u. a. von Johann Gottlieb Fichte und Heinrich von Kleist als Vorbild für die aktuelle politische Situation gedeutet. Im Nationalsozialismus wurden Schlacht und Ort als Symbole für Mut und Kampfbereitschaft des deutschen Volkes propagandistisch eingesetzt. Bei Kiefer mutiert ein dunkler Wald, Blutspuren in Verbindung mit vielsagenden Namen – wie in „Varus“ (1976) – zum bedeutungsschwangeren Historienbild ohne Aktion.

Als 1980 Anselm Kiefer und Georg Baselitz die BRD auf der Biennale von Venedig vertraten, schöpften sie aus der Nationalgeschichte und öffneten damit die Büchse der Pandora. Bereits seit 1974/75 hatte sich Kiefer in der Serie „Wege der Weltweisheit“ mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt, indem er vor einem Waldeinblick eine Vielzahl von Dichtern, Intellektuellen und Geistesgrößen der deutschen Geschichte versammelte, die allesamt eine unrühmliche Aktualität während der nationalsozialistischen Ära bekamen. Wäre es möglich, die „Helden“ von ihrem Stigma zu befreien, sie zu rehabilitieren, wie es Kiefer bis heute erklärt?

 

 

Die Poesie von Ruinen?

Anfang 1980 arbeitete Anselm Kiefer mit den neoklassischen, faschistischen Architekturen von Paul Ludwig Troost, Wilhelm Kreis und Albert Speer, dem Lieblingsarchitekten Adolph Hitlers. Vor allem Speer ließ sich sowohl von der griechischen wie römischen Antike zu monumentalen Bauten anregen, in denen die Führungselite des Dritten Reiches die Nation zu neuer Größe führen sollte. In seinem Tagebuch entwickelte der Architekt die „Theorie vom Wert der Ruinen“, wonach seine Gebäude nach Tausenden von Jahren großartige und bewunderungswürdige Stätten bilden sollten. Genau diese Bauten erscheinen in den Gemälden von Kiefer als Ruinen, so wie sie nach den Bombardements der Alliierten zurückgelassen wurden. Kiefer malte die Halle der Neuen Reichskanzlei (1938) in „Innenraum“ (1981) als perfekt symmetrischen Raum, erneut kombiniert mit dem ewigen Feuer, aber als geschwärzte Ruine. Gleichzeitig stellt Kiefer die Frage, ob die schwierige Erinnerung an das Dritte Reich nicht durch die massiven Bombardements Deutschlands und das Wegfegen der nationalsozialistischen Symbolarchitektur gleichsam „erleichtert“ wurde. Keine Überreste vorzufinden, könnte ja auch bedeuten, dass diese Epoche leichter aus dem Gedächtnis gestrichen werden kann.

 

 

Alchemie des Glases

Wie Joseph Cornell oder auch Joseph Beuys und der Tradition der Kuriositätenkabinette arbeitet Anselm Kiefer an gefüllten Vitrinen. Im Centre Pompidou wird den 46 neuen, für die Retrospektive geschaffenen Mikrokosmen ein ganzer Saal gewidmet. Anselm Kiefer nennt sie „eine Akkumulation von Möglichkeiten“ und verbindet in ihnen Glas und Blei. Auf kleinem Format baut der Künstler seit den 1980er Jahren in Deutschland diese, wie er sie nennt, „alchemistischen Verwesung“ (→ Kunst und Alchemie), der ersten Zustand der Zersetzung der Materie, um den Philosophenstein zu realisieren. Erneut handelt es sich um kaum lesbare Zusammenstellungen des höchst belesenen Künstlers auf der Suche nach einer Ästhetisierung der Welt!

 

 

Geschichte und Trauerarbeit

Anselm Kiefer bereiste zwischen 1984 und 1990 Israel, und sah sich dort einmal mehr seiner Geschichtlichkeit und Trauer ausgesetzt. Die jiddische Kultur und das mündlich tradierte Gesetz des Talmud stellten für den aus Deutschland kommenden Künstler eine verlorene Kultur dar. Der Engel mit dem hebräischen Namen „Seraphim“ (1983–1984) ist im gleichnamigen Werk als unheilvolle Schlange am Fuß der Jakobsleiter dargestellt. Die Jakobsleiter wurde in den folgenden Jahren zu einem zentralen Thema in Kiefers Werk. Mit ihm öffnete er sich der hebräischen Sprache, die seither, und vor allem in Zusammenhang mit den Gedichten von Paul Celan, auf seinen Gemälden neben der deutschen stehen kann.

Seit 1995 tritt auch das Selbstbildnis des Künstlers wiederholt im Werk auf, meist langgestreckt in der Position eines Leichnams wie er im Hatha Yoga (Shavasana oder Leichenhaltung) bekannt ist. Darin verbindet sich die Darstellung von Tod und Wiedergeburt und ruft Assoziationen mit esoterischen Bildern, wie sie u. a. vom englischen Humanisten Robert Fludd verwendet wurden, hervor. Anselm Kiefer stellt eine Verbindung zwischen Sternenhimmel, Sonnenblumen, Welt und seiner Person her, die von Harmonie und Aufgehobensein geprägt ist.

 

 

Paul Celan und Anselm Kiefer

„Dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng“ (Paul Celan, Todesfuge, 1945)

Während Theodor Adorno noch 1949 meinte, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben wäre barbarisch, machte der ehemalige KZ-Häftling Paul Celan (1920–1970) in Paris genau das: Er verfasste mit der „Todesfuge“ eines der eindrücklichsten Werke der deutschen Sprache3. Anselm Kiefer verehrt Paul Celan und Ingeborg Bachmann4 (1926–1973), denen die Neubewertung der deutschen Sprache zu verdanken ist. Celan produzierte in der „Todesfuge“ eine bildhafte Sprache, in deren Andeutungen und Symbolen der Massenmord in Auschwitz zum Ausdruck kommt. Von Bachmann übernahm Kiefer 1980 die Idee des „unbekannten Malers“5, den die Autorin als ihr anonymes Alter Ego, als „unbekannter Autor“, erfunden hat. Sie reagierte damit auf die Anonymisierung Heinrich Heines, dem jüdischen Autor der beliebten „Lied von der Loreley“.

Auch in der Farbverwendung sehen die Kuratoren in Paris eine ständige Erneuerung und hängen das schwarze Gemälde „Für Paul Celan: Halme der Nacht“ (1998–2013) und die farbenfrohe Serie zu symbolistischen Gedichten von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire gegenüber. Das Weiß der verbrannten Erde dominierte noch „Für Paul Celan: Aschenblume“ (2006) wie auch die verbrannten Bücher – Symbol für den Kampf totalitärer Regime gegen Kunst und Kultur. Doch nicht nur die Bücher auch die Landschaft musste sich während des Entstehungsprozesses einer Katharsis unterziehen. Für Kiefer handelt es sich dabei um eine „Transformation, nahe der mystischen Bedeutung von Feuer, der Phönix, der sich erneuert.“6

 

 

Kabbala

Die Gemälde „Margarethe“ (1981) und „Sulamith“ (1983) nach dem Gedicht von Paul Celan öffneten für Anselm Kiefer den Weg in Richtung Altes Testament und jüdische Erzählungen. Anfang der 1980er Jahre bereiste er den Nahen Osten, von Ägypten bis zum alten Mesopotamien. Er war auf der Suche nach alten Mythen und Glaubensüberzeugungen, mit Hilfe derer er sich von seiner eigenen Geschichte lösen konnte.

Um 1990 fand er in der kabbalistischen Mystik eine neue Inspirationsquelle. Fast möchte man meinen, dass diese Form der Spiritualität bis heute zu meditativen Arbeiten geführt hat. Anselm Kiefer hat eine besondere Vorliebe für die Tradition nach Rabbi Isaac Louria (1534–1572), nach der die Schöpfung in drei Phasen erfolgt sei: Tzimtzum (Rückzug Gottes), Schwirat ha-kelim (Bruch der Gefäße) und Tiqqun (komplizierter Prozess der Wiederherstellung der Welt aus Gut und Böse). Dieses Konzept beinhaltet eine Form des Unfertigen, was Anselm Kiefer auf den künstlerischen Schöpfungsakt – von Natur aus nicht perfekt – überträgt.

 

 

Für Madame de Staël: de l’Allemagne

Zu den jüngsten Werken Anselm Kiefers in der Retrospektive in Paris gehören Gemälde zu Madame Germaine de Staël, Republikanerin und wichtige Gegnerin von Kaiser Napoleon. Im Jahr 1808 bereiste sie Deutschland, wo sie Goethe, Schiller und Schlegel traf. In dem daraufhin entstandenen Buch „De l’Allemagne“ (1810 erstmals veröffentlicht und verboten, 1813 in London erschienen) zeichnete sie ein tiefgreifendes Porträt der deutschen Kultur und appellierte an einen Austausch im Bereich der Kunst. Ihr Ziel wäre es gewesen, eine neue Inspiration, einen neuen Stil anstelle der französischen Romantik zu etablieren. Der Begründerin der deutsch-französischen Freundschaft widmete Anselm Kiefer Gemälde und vor allem eine Druckgrafik-Serie, in deren Mittelpunkt der Rhein – Grenze und Verbindung gleichzeitig – steht.

 

Anselm Kiefer im Centre Pompidou (2016)

Zum 70er richten die Albertina (→ Anselm Kiefer. Die Holzschnitte), das Centre Pompidou7 und die Bibliothèque Nationale8 in Paris dem aus Deutschland stammenden Maler und Installationskünstler Anselm Kiefer (* 1945) insgesamt drei Retrospektiven aus. Die anfängliche Kritik an Kiefers Werk ist längst verstummt. In den 1970er und 1980er Jahren galten seine großformatigen Gemälde, Holzschnitte und Installationen als zu monumental, zu pathetisch, zu mythisch. Zugegeben, sind auch seine Holzschnitte von monumentalem Ausmaß, einige sind 3 x 4 Meter hoch, seine Bücher überlebensgroß. Das zu viel an Geschichte ohne klare politische Denk- und Handlungsanweisungen überraschte und irritierte, die Kiefers Werke in den Bereich der Historienmalerei stellten. Vor allem aber seine ostentative Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit erzeugte in Deutschland Reserviertheit.

Die Schau in Paris belegt eindrucksvoll wie Kiefer sein Werk aus Ablagerungen, Kreuzungen und Überlagerung von Themen, Motiven und Konstellationen in verschiedenen Medien (Fotografie, Druckgrafik, Gouache, Aquarell, Malerei, Buch, Gravüre, Skulptur, Installation, fotografierte Atelierinszenierung) entwickelt. Die Titel der Gemälde scheinen erklärend zu sein, sind aber rätselhaft. Er spielt mit ikonografischen Versatzstücken, die er aus historischen Publikationen und dem allgemeinen visuellen Gedächtnis entnimmt, er manipuliert Sujet, beschäftigt sich mit so vielfältigen Quellen wie der deutschen Geschichte und Kultur, jüdischen Kabbala, Alchemie, mesopotamischen Mythologie, Atomenergie, Texten von Dionysos Areopagita, Elisabeth von Österreich, Poesie von Musil, Celan, Bachmann und vielem mehr. Dennoch sollte nicht der Versuch gemacht werden, einen Bezug zwischen den Themen und den Motiven herzustellen, denn Motive tauchen in unterschiedlichen Werken, in verschiedenen Kontexten auf. So entsteht der Eindruck von der Einheit des Werks, die dialektisch in das Wesen eines Labyrinths überschlägt.

Grundsätzlich lässt sich das Werk Anselm Kiefers seit den frühen 1970er Jahren in zwei Phasen teilen: Der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit mit radikalen Mitteln und ab Mitte der 1980er Jahre die Hinwendung zur Spiritualität der jüdischen und indischen Kultur. Immerhin praktiziert Kiefer seit Jahrzehnten Yoga, liest die Kabbala, interessierte sich für Physik und Alchimie gleichermaßen, denkt in Bildern. Vielleicht steht hinter all der Sehnsucht nach vorwissenschaftlichen Zeiten und Kulturen, der Verlust der kosmischen Erfahrung, der ewigen Suche nach der Einheit zwischen Mensch und Umwelt, schlussendlich nach dem Sinn des Lebens.

 


Anselm Kiefer im Centre Pompidou: Ausstellungskatalog

Jean-Michel Bouhours (Hg.)
23 x 30 cm, 350 Abbildungen, 288 Seiten, Hardcover,
Éditions du Centre Pompidou

 

Biografie von Anselm Kiefer (* 1945)

1945 Anselm Kiefer wurde am 8. März als Sohn des Kunstlehrers Albert Kiefer und dessen Ehefrau Cilly im Luftschutzkeller eines Krankenhauses in Donaueschingen (Baden-Württemberg) geboren.
1951 Umzug die Familie ins badische Ottersdorf. Im nahegelegenen Rastatt besuchte Kiefer das Gymnasium. Frühe künstlerische Förderung durch den Vater.
1963 Gewann den Jean-Walter Preis und ein Reisestipendium. Kiefer entschied sich, auf den Spuren von Vincent van Gogh von Paris nach Lyon und weiter nach Arles zu gehen. Er führte ein Reisetagebuch mit vielen Skizzen.
1965 Studium der Rechtswissenschaften und Romanistik in Freiburg im Breisgau, das er jedoch nicht abschloss.
1966─1968 Studium der Malerei in Freiburg bei Peter Dreher und als Schüler von Horst Antes in Karlsruhe. Bezog 1968 sein erstes Atelier in Karlsruhe.
1969 Abschluss des Studiums in Karlsruhe mit einer fotografischen Dokumentation der Performance „Besetzungen“ (Sommer/Herbst 1969) nannte. Um „konzeptuell die Identifikation mit den Tätern zu simulieren“9, führte er in der Uniform seines Vaters in der Schweiz (Bellinzona, Küsnacht), Holland, Frankreich (Montpellier, Sète und Arles), Italien (Rom, Paestum, Pompeij, Caprarola) (parodierend) den Hitlergruß aus. Die Arbeit rief einen Skandal hervor und wurde von der Mehrheit der Professoren abgelehnt. Nur die Professoren Peter Dreher und Rainer Küchenmeister, die als Kommunisten deportiert waren, standen ihm bei. Publizierte eines der ersten Bücher „Unfruchtbare Landschaften“, „Für Jean Genet“ und „Heroische Sinnbilder“.
1969─1972 Fortsetzung des Kunststudiums bei Joseph Beuys in Düsseldorf, der an Kiefers kritischer Absicht bei dieser Aktion nicht zweifelte.
1970 Erste Einzelausstellung in der Galerie am Kaiserplatz in Karlsruhe.
1971 Umzug nach Odenwald, wo er sein Atelier in einem ehemaligen Schulhaus in Hornbach einrichtete. Teilnahme an der Aktion „Überwindet endlich die Parteiendiktatur“ von Joseph Beuys und etwa 50 seiner Schüler im Wald von Grafenberg in der Umgebung von Düsseldorf. Um einen Teil des Waldes, der für einen Tennisclub gefällt werden sollte, zu schützen, arbeitete er mit der germanischen Mythologie und dem Geist des Waldes.
1973 Der Galerist Michael Werner zeigte „Notung“, eine Einzelausstellung von Anselm Kiefer (bis 1977, vertrat ihn bis 1979). Arbeitete über die Nibelungen von Richard Wagner und die Edda.
1974 Präsentierte „Parsifal“ (1973) in der Ausstellung „Bilanz einer Aktivität“ in der Galerie im Goethe-Institut/Provisorium in Amsterdam (mit Jochen Gerz, Georg Baselitz, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, André Thomkins, A. R. Penck und Markus Lüpertz). Reise nach Norwegen.
1975 „Piet Mondrian – Unternehmen „Seelöwe““. Das Avantgarde-Magazin „Interfunktionen“, herausgegeben von Benjamin Buchloh, publizierte eine Auswahl von Fotografien aus den „Besetzungen“, die erneut einen Skandal hervorriefen.
1976 „Donald Judd hides Brünhilde“. Drei Monate Aufenthalt in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom.
1977 Publizierte „Nothung“. Erste Monografie über Anselm Kiefer von Evelyn Weiss und Dorothea von Stetten. Teilnahme an der 6. Documenta in Kassel: „Metamorphosen der Bücher. Konzept-Bücher“, „Unternehmen „Seelöwe““ (1975) und „Die Überschwemmung Heidelbergs“ (1969).
1978 Die Verwendung von Blei wurde sukzessive ein Markenzeichen von Anselm Kiefer. Publizierte „Die Donauquelle“. Einzelausstellungen: „Anselm Kiefer: Bilder und Bücher“ mit „Wege der Weltweisheit“ (1976), „Noch ist Polen nicht verloren“ (1975) und „heroische Sinnbilder“ (1969-1971) in der Kunsthalle Bern, „Wege der Weltweisheit – Die Hermannsschlacht“ (12.5.-16.6.) in der Düsseldorfer Galerie Maier-Hahn.
1980 Anselm Kiefer vertrat die BRD bei der 39. Biennale von Venedig10 (gemeinsam mit Georg Baselitz „Modell für eine Skulptur“ (1979-1980), Kurator Klaus Gallwitz), wo er die Bundesrepublik Deutschland mit der Ausstellung „Verbrennen, Verholzen, Versenken, Versanden“ vertrat. „Deutschlands Geisteshelden“ (1973), „Parsifal“ und vier Versionen von „Wege der Weltweisheit: die Hermannsschlacht“ riefen erneut einen Kunstskandal aus. Kiefers Werk begann internationales Echo und nationalen „Skandal“ hervorzurufen.
1981 Publizierte „Kyffhäuser“ (1980-1981); stellte erstmals bei Marian Goodman in New York aus. Einzelausstellung im Museum Folkwang, Essen „Margarethe - Sulamith (30.10.-6.12.). In „Innenraum“, „Dem unbekannten Maler“ (1983), „Die Treppe“ (1982-1983), „Die Säulen“ (1983) setzte er die Architektursprache des Dritten Reiches ein (Albert Speer, Wilhelm Kreis).
1982 Teilnahme an der Gruppenausstellung „Zeitgeist – Internationale Kunstausstellung Berlin“ (16.10.1982-16.1.1983) im Martin-Gropius-Bau und dem Neuen Berliner Kunstverein, kuratiert von Christos M. Joachimides und Norman Rosenthal. Umzug in ein neues Atelier in Buchen (in eine alte Garage).
1983 Die Thematik der Alchemie tauhte in einigen Gemälden von Kiefer auf, wie „Athanor“ (1983 und 1984). Blei, als Material des Saturn und erster Stoff der Alchemie, wird sein wichtigstes Material.
1984 Einzelausstellung „Anselm Kiefer“ mit Gemälden, Aquarellen und Büchen in der Städtischen Kunsthalle in Düsseldorf (24.3.-5.5.) und dem Musée d’art moderne de la Ville de Paris und dem Israel Museum in Jerusalem. Sowohl in Frankreich wie in Israel wurden die Werke von Kiefer entgegen so manchen Kritikermeinungen gut aufgenommen.
1985 Erwarb das Blei vom Dach des Kölner Doms, das er für einige seiner Werke weiterverarbeitete, wie „Zweistromland. The High Priestess“.
1986 Erhielt für „Midgard“ (1980–1985) den Carnegie Preis vom Carnegie Museum of Art in Pittsburgh, das Werk wurde angekauft. Einzelausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam.
1987 Vertrat die BRD auf der 19. Biennale de São Paolo (Kommissär: Armin Zweite). Auf der Reise nahm Anselm Kiefer viele Fotografien von der Stadt auf, die er in „Lilith“ (1987–2000) verarbeitete. Einzelausstellung im Art Institute of Chicago (5.12.1987-31.1.1988), Philadelphia Museum of Art, Museum of Contemporary Art in Los Angeles und im Museum of Modern Art, New York (bis 1989), sowie der Kunsthalle Bern (6.10.-19.11.). Einzelausstellung bei Marian Goodman in New York, erste Ausstellung in Warschau.
1988 Kaufte die ehemalige Ziegelei in Höpfingen bei Heidelberg, wo er ein umfassendes Kunstpark-Projekt „Zweistromland“ plante, benannt nach seiner gleichnamigen Installation.
1989 In Polen setzte er den Film „Noch ist Polen nicht verloren“ um. Anselm Kiefer präsentierte in der Galerie Paul Maenz in Köln „Der Engel der Geschichte – Mohn und Gedächtnis“ (17.11.1989-13.1.1990). „Zweistromland“ (1986–1989, zweiflügeliges Regal mit Bleibüchern).
1990 Im September Teilnahme Kiefers an der Eröffnungsausstellung des neuen Gebäudes des Israel Museum in Jerusalem „Life-Size. A Sense of the Real in Recent Art“. Diese Reise führte Kiefer näher an die jüdische Mystik. Das zeigte sich in der Bleibibliothek mit dem Titel „Chevirat Ha-Kelim [Der Bruch der Vasen]“, die sich auf den Schöpfungsmythos der Kabbala bezieht. Im Mai verlieh ihm die Knesset (Jerusalem) den Preis der Wolf Foundation für seine Arbeit über Menschlichkeit und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern. Weiters erhielt er den Kunstpreis der Stadt Goslar (D) wo er im Kloster mit „Johannis-Nacht“ eine ständige Installation schuf. Es ist die erste außerhalb von Kiefers Atelier!
1991 Dreijährige Malpause und Reisen durch Nepal und Thailand, nach China, Korea, Australien, Japan und Mexiko, Guatemala. Kiefer widmete sich nun dem Fotografieren und dem Schreiben. Ende der ersten Ehe. Die BBC drehte eine Dokumentation über ihn. Kiefer entwickelte einige Aktionen für diese Aufnahmen wie „Lion de Mer“ über die militärische Invasion der Deutschen in England am Beginn des Zweiten Weltkriegs.
1992 Kiefer verließ Deutschland und übersiedelte nach Barjac in Südfrankreich (in der Nähe von Nîmes). Er wählte eine alte Seidenweberei, die er „La Ribaute“ nannte. Er baute Barjac zu einem Gesamtkunstwerk aus. Auf den 25 Hektar Land renovierte Kiefer das Hauptgebäude, baute Tunnel und Übergänge, ein Amphitheater, „Häuser“, die als Behälter seiner Werke dienen und Türme aus Beton. Der Rhythmus seiner Ausstellungen verlangsamte sich dadurch notgedrungen, da diese Phase auch durch neue Reisen über die ganze Welt gekennzeichnet ist (USA, Thailand, Australien und Indonesien).
1993 Aufenthalt in Indien, Besuch von Assam, Nationalpark von Kaziranga, die Vogelheiligtümer von Manas und Jatinga, die Tempel von Gawahati; weiter nach Japan, wo das Sezon Museum of Art in Tokyo, das Kyoto National Museum of Modern Art und in Hiroshima das City Museum of Contemporary Art ihm eine Ausstellung widmeten. Ende des Jahres Reisen nach China, Pakistan und Nepal.
1994/95 Kiefer bereiste Europa und die USA.
1996 Anfang des Jahres zweite Reise Kiefers nach Indien, während dessen er die wichtigsten Städte des Landes besuchte, hielt sich in Ägypten und Marokko auf. Die Fotografien von verschiedenen Architekturen gingen in die nun entstehenden riesigen Gemälde ein. Kiefers Werke, im Gegensatz zu jenen der 1980er Jahre, stellten reale Architekturen frontal dar und sie scheinen aus den gleichen Werkstoffen gefertigt zu sein. Zwei Typen dominierten diese Phase: die Pyramide, Echo seines Aufenthaltes im Jemen, Mexiko und Ägypten, und Backsteinbauten aus Südindien. Anselm Kiefer entwickelte über diese Ruinenarchitekturen eine Poesie der vergangenen Zeit, des Verschwindens und der Melancholie. In Barjac begann er eine Serie, für die er heute sehr bekannt ist, die Sternenbilder. Diese Gemälde, wie „Für Ossip Mandelstam. Das Rauschen der Zeit“ (1996) oder „Sternenfall“ (1998) beinhalten zahlreiche Referenzen auf die Klassifikation der Sterne mit Nummern, um ihre Entfernung zur Erde auszudrücken. Die Person von Robert Fludd erschien außerdem in seiner Arbeit: Kiefer widmete ihm viele Bücher und Gemälde. Fludds Theorie über die Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos erschien in „Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris metaphysica, physica atque technica Historia“ (1617–1624) und wurde von Kiefer für diesen Fragestellung zum Verhältnis von Mensch und Universum herangezogen.
1997 Das Museo Correr in Venedig präsentierte die Retrospektive „Anselm Kiefer: Himmel-Erde“ (Juni bis November), die Germano Celant organisierte. Gleichzeitig nahm Kiefer an der 47. Architektur-Biennale teil. Er stellte zwei Bücher aus: „For Robert Fludd“ (1996) und „L’Auvergne“ (1996), weiters das großformatige Gemälde „Dein und mein Alter und das Alter der Welt“ (1997).
1998 Das Metropolitan Museum in New York erwarb ein Ensemble von 54 Arbeiten auf Papier, die in der Ausstellung „Anselm Kiefer. Works on Paper, 1969–1993“ präsentiert wurden.
1999 Erhielt den Praemium Imperiale, den Preis der japanischen Künstlervereinigung, für sein malerisches Werk (gleichzeitig Louise Bourgeois für Skulptur, Fumihiko Maki für Architektur, Oscar Peterson für Musik und Pina Bausch für Theater und Film)
2000 Während des Festival d’automne in Paris wurde Anselm Kiefer die Kapelle Saint-Louis de la Salpêtrière anvertraut, wo er die Intervention „Chevirat Ha-Kelim/Le Bris des vases“ als Referenz auf die Kabbala (entwickelt von Isaac Louria zur Schöpfung der Welt und dem Dogma des Tzimtzum). Kiefer entwickelte die Idee dieses Dogmas als künstlerischem Schöpfungsakt auf sechs monumentalen Gemälden: „Chevirat Ha-Kelim“, Tzimtzum“, „Tikkoun“, „Émanation“, „Sefiroth“ und „Die Ordnung der Engel“ stellte er ein neues Werk aus der Serie „20 Jahre Einsamkeit“ dazu, etwa 30 weiße Bücher mit Spuren von Sperma, Zeichen, handgeschriebenen Notizen, auf Sockeln aus Bleilaub im Presbyterium der Kapelle.
2003 Schuf das Bühnenbild für Sophokles‘ „Ödipus auf Kolonos“ am Burgtheater Wien und „Elektra“ am Teatro di San Carlo in Neapel (Inszenierungen von Klaus Michael Grüber). Die Société des amis du musée national d’art moderne schenkte anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens zehn Gemälde mit dem Titel „La Vie secrète des plantes“ (2001/02), die 2002 in der Galerie Yvon Lambert in Paris präsentiert worden waren.
2004 Zur Eröffnung der Fondazione Hangar Bicocca in Mailand schuf Anselm Kiefer die permanente Installation „I Sette Palazzi Celesti“, erneut eine Bezugnahme auf die sieben Paläste in der hebräischen Tradition von Sefer Hechaloth. Sie besteht aus sieben Betontürmen mit dem Gewicht von 90 Tonnen und einer Höhe von 14 bis 18 Meter. „Anselm Kiefer“ im Museo Archeologico Nazionale in Neapel, organisiert von Eduardo Cicelyn und Mario Codognato.
2005 Einzelausstellungen in Nord-Amerika im Fort Worth Museum of Modern Art, Texas, im Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington, DC, im San Francisco Museum of Modern Art und im Musée d’art contemporain in Montréal. White Cube in London stellte die aktuellsten Arbeiten von Kiefer aus, der sich vom russischen Autor Vélimir Khlebnikhov inspirieren ließ. Kiefer erhielt das Ehrenkreuz der BRD und das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.
2007 Anselm Kiefer gab sein Atelier in Südfrankreich auf und siedelte in die Nähe von Paris. Im Mai war er der erste Künstler, der an der Monumenta teilnahm, die jedes Jahr einen zeitgenössischen Künstler einlädt, ein Original für Hauptschiff des Grand Palais in Paris zu schaffen. Mit der Intervention „Sternenfall“ würdigte Anselm Kiefer die Schriftsteller Paul Celan und Ingeborg Bachmann. Im Herbst bezog er sein neues Atelier in Marais. Im Oktober Eröffnung des Werks „Athanor“ (14 x 4 Meter) und die beiden Skulpturen „Danae“ und „Hortus Conclusus“ im Musée du Louvre, Ägyptische Abteilung (Sully Flügel, Nordstiege, erster Stock der Kolonnade).11. Umzug in ein Atelier im Pariser Vorort Croissy-Beaubourg in den Lagerhallen eines ehemaligen Pariser Kaufhauses, die 36.000 Quadratmeter umfassen.
2008 Anselm Kiefer drehte „Merkaba, Türme“, einen Film über La Ribaute und seine Beton-Türme. Gewann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels auf der Frankfurter Buchmesse. Kaufte ein weiteres Lager in Croissy-Ost.
2009 Operndirektor Gerard Mortier beauftragte Kiefer und den deutschen Komponisten Jörg Widmann für das 20jährige Jubiläum der Neueröffnung der Pariser Opéra Bastille mit der visuellen und musikalischen Performance „Am Anfang“. Kiefer schrieb, inszenierte, entwarf die Kostüme und das Bühnenbild. Erhielt in Paris den Adenauer-de Gaulle-Preis.
2010 Im Wintersemester 2010/2011 lud ihn das berühmte Collège de France zu Vorlesungen ein. Seither lehrt er dort als Professor. Sein Antrittssemester war unter das Thema „L’art survivra à ses ruines“ gestellt, die Vorlesungen hielt er gemeinsam mit Olivier Kaeppelin, Roland Recht, Danièle Cohn, Germano Celant, Daniel Buren und Antoine Compagnon.
2011 Kiefer wurde von Kulturminister Frédéric Mitterrand zum Commandeur de l’Ordre des arts et lettres geschlagen.
2012 Nach vielen zusammenarbeiten mit der Galerie Gagosian in New York, Los Angeles und Rom, weihte Anselm Kiefer die neuen Galerieräumlichkeiten in Bourget bei Paris mit der Schau „Morgenthau Plan“ ein. Im Titel bezog er sich auf einen nie verwirklichten Plan des amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau, der vorschlug, Deutschland zu entindustrialisieren und in eine Agrarregion zu verwandeln. Der Künstler setzte diese historische Episode in großformatigen Gemälden voller blühender Landschaften um. Die Galerie Thaddaeus Ropac präsentierte in Pantin „Die Ungeborenen“.
2014 Im Juni stellte Kiefer anlässlich der Wiedereröffnung des Mönchehaus Museum Goslar „Johannis-Nacht“ aus. Im September eröffnete die Royal Academy of Arts in London eine Retrospektive. Gemeinsam mit Alexander Kluge drehte er die Dokumentation „Anselm Kiefer in Barjac“, wo Kiefer eine Residency eröffnete. Der erste Eingeladene ist Wolfgang Laib, der für seine spektakulären Installationen aus Bienenwachs und Pollen bekannt ist. Scheidung von seiner zweiten Ehefrau, der österreichischen Fotografin Renate Graf.
2015 Im März eröffnete die Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg „Im Gewitter der Rosen“, für die sich Anselm Kiefer von Gedichten Ingeborg Bachmanns „Im Gewitter der Rosen“ (1953), der mittelalterlichen Liebeslyrik „Under der Linden“ (um 1170–1230) von Walther von der Vogelweide und Arthur Rimbauds „Le Dormeur du val“ (1870) inspirieren ließ. Stellte in der Galerie White Cube in São Paulo (April) aus. Im Oktobereröffnete die BNF-François Mitterrand „Anselm Kiefer – L’Alchimie du Livre“ mit den Künstlerbüchern Kiefers (1968 bis heute). Im Dezember Eröffnung der Retrospektive „Anselm Kiefer“ im Centre Pompidou, der ersten in Frankreich seit 1984 im Musée d’art moderne de la Ville de Paris.
Anselm Kiefer lebt und arbeitet in Paris.

Merken

Merken

Merken

Merken

Weiterführende Beiträge zu Anselm Kiefer

3. April 2017
Heinz Hajek-Halke, Ohne Titel, Detail, 1950–1970, Farbpapier, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Fotografie, © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Foto: Dietmar Katz

Kunst und Alchemie Verwandlung von Materialien in Kunst und Wissenschaft

Kunst und Alchemie sind wesensverwandt, arbeiten beide doch mit der Verwandlung von Materialien. Entgegen der landläufigen Meinung behandelt Alchemie nicht nur die Erschaffung von künstlichem Gold aus den einfachen Stoffen, sondern widmet sich ganz allgemein der Auffindung der Weltformel, also der Erforschung komplexer Zusammenhänge, und gar der Schöpfung neuer Wesen bzw. der Erlangung der Unsterblichkeit – ob in der Natur oder der Kunst. Die groß angelegte Schau im Berliner Kulturforum verfolgt das Konzept der Transmutation von seinen Anfängen in Ägypten zum europäischen Mittelalter, nach Indien, China und Japan. Dass aber auch so mancher zeitgenössischer Kunstschaffende sich als „Alchemist“ empfand oder eine wesensverwandte Kunstpraxis entwickelte, ermöglicht, das Thema bis in die Gegenwartskunst nachzuverfolgen. Jörg Völlnagel strukturiert in zehn Kapiteln das heterogene kulturgeschichtliche Material von etwa 230 Objekten, das sowohl durch seine zeitliche wie auch geografische Dimension eine 3.500 Jahre alte, globale Menschheitsgeschichte erzählt.
7. Juni 2016
Anselm Kiefer, Für Jean Genet, 1969, Seiten 4–5, Fotograf: Charles Duprat, Paris © Anselm Kiefer.

Anselm Kiefer. Künstlerbücher

Wenn Anselm Kiefer gesteht, „ich denke in Bildern“, dann müsste er noch ergänzen, dass Texte wichtige Quellen seiner Kunst sind. Der vorliegende Katalog gibt einen Überblick über Kiefers Malerbücher und Buchobjekte seit den späten 1960er Jahren. Die Texte von Heiner Bastian, Aeneas Bastian und Hans Werner Schmidt zeugen von hoher Einfühlungskraft. Das erstmals auf Deutsch abgedruckte Gespräch zwischen Anselm Kiefer und Christoph Ransmayr erlaubt einen Einblick in beider Gedanken zu Buch und Wissen.
22. März 2016
Anselm Kiefer © Anselm Kiefer / Foto: Renate Graf.

Anselm Kiefer: Biografie Lebenslauf und wichtigste Werke

Biografie (Lebenslauf), Werke (Bilder) und die wichtigsten Ausstellungen des 1945 in Deutschland geborenen Anselm Kiefer.
21. März 2016
Anselm Kiefer, Der unbekannte Maler, 1982–2013, Holzschnitt, Öl, Emulsion, Acryl und Schellack auf Papier, Collage auf Leinwand, 374 x 380 cm; Maginot, 1982–2013, Holzschnitt, Öl, Acryl und Schellack auf Papier, Collage auf Leinwand, 374 x 280 cm; Atlantik-Wall, 1982–2013, Holzschnitt, Öl, Emulsion, Acryl und Schellack auf Papier, Collage auf Leinwand, 374 x 330 cm (alle drei Privatsammlung), Installationsansicht „Anselm Kiefer. Die Holzschnitte“ in der Albertina 2016, Foto: Alexandra Matzner.

Anselm Kiefer. Die Holzschnitte Monumentale Druckgrafiken in der Albertina

Erste Ausstellung mit Anselm Kiefers Holzschnitten, mehr übermalte Holzschnitt-Collagen in Riesenformaten. Die vielfach überarbeiteten Drucke zeigen alle wichtigen Themen aus Kiefers Werk: den Rhein, deutsche Geistesgrößen, nordische Mythologie, Sonnenblumen, die Verbindung des Einzelnen mit dem Universum. Zwei Holzschnitt-Bücher führen die Landschaften in gefaltete Panoramen über.
20. März 2016
Anselm Kiefer und Anton Zeilinger in der Albertina, 18. März 2016, Foto: Alexandra Matzner.

Anselm Kiefer und Anton Zeilinger in der Albertina Künstler und Quantenphysiker auf Analogiesuche

Anlässlich seiner Ausstellungseröffnung "Anselm Kiefer. Die Holzschnitte" bat Anselm Kiefer den Quantenphysiker Anton Zeilinger zu einem Gespräch über „Realität und Illusion“ in den Musensaal der Albertina. Nach einer Stunde stellte sich der Dialog mehr als Nachhilfeunterricht in Quantenphysik dar, denn als lebendige Unterhaltung über die Eingangsfrage. Immerhin wusste Anton Zeilinger einige bahnbrechende Erkenntnisse der Physik anschaulich darzustellen. Im Kern des Gesprächs legte Anselm Kiefer aber dann doch einige seiner Glaubensgrundsätze offen.
20. März 2016
Anselm Kiefer, Himmelspaläste, Cover (Schirmer/Mosel).

Anselm Kiefer: Himmelspaläste Der Skulpturenzyklus in Höpfingen

Der genauso bedeutende wie umstrittene Künstler suchte aus Fundstücken und Fragmenten das darzustellen, was eigentlich unvorstellbar und daher auch undarstellbar ist: Die Kabbala berichtet in Gleichnissen und Metaphern von den Geheimnissen des Himmels und der Erlösung des Menschen, Mythen übersetzen menschliche Erfahrungen exemplarisch in Geschichten.
4. April 2013
Gerhard Richter, Wolken (Fenster), 1970 (Essl Museum Klosterneuburg/Wien), Installationsansicht „Wolken“ im Leopold Museum, Foto: Alexandra Matzner.

Wolken in der Malerei Welt des Flüchtigen

Essentiell für die Landschaftsmalerei - erstmals wissenschaftlich eingeteilt im frühen 19. Jahrhundert. Das Leopold Museum widmet sich dem wichtigen Nass zwischen Himmel und Erde.
  1. Sabine Schütz, Anselm Kiefer – Geschichte als Material. Arbeiten 1969–1983, Köln 1999, S. 24.
  2. Weitere Teilnehmer waren Jochen Gerz, Georg Baselitz, Sigmar Polke, Arnulf Rainer, André Thomkins, A. R. Penck und Markus Lüpertz.
  3. 1948 erstmals auf Deutsch verlegt.
  4. „Ich mit der deutschen Sprache/ dieser Wolke um mich/ die ich halte als Haus/ treibe durch alle Sprachen.“
  5. Der Titel taucht erstmals in einem Aquarell aus dem Jahr 1980 auf. Siehe: Antonio Hoerschelmann, Anselm Kiefer (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2016, S. 102.
  6. Zitiert nach Ausst.-Kat., S. 202.
  7. Das Centre Pompidou zeigt noch bis zum 18. April 2016 auf 2.000°m² etwa 150 Werke, meist Gemälde und Installationen, wie „Resurrexit“ (1973), „Quaternität“ (1973), „Varus“ (1976), „Margarethe“ (1981) und Sulamith (1983) bzw. „Für Paul Celan: Aschenblume“ (2006).
  8. Die Ausstellung mit dem Titel „L’alchimie du livre“ (20.10.2015–7.2.2016) ist den Buchprojekten Kiefers gewidmet und geht zum Teil weiter nach Dresden.
  9. Sabine Schütz, Anselm Kiefer – Geschichte als Material. Arbeiten 1969–1983, Köln 1999, S. 24.
  10. Erstmals fand unter dem Titel „Aperto 80“ eine kuratierte Gruppenausstellung, vorantwortet durch Achille Bonita Oliva und Harald Szeemann statt.
  11. Neben Anselm Kiefer wurden Cy Twombly für den Bronzesaal und François Morellet für die Stiege Lefuel beauftragt.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.