Friedensreich Hundertwasser

Wer war Friedensreich Hundertwasser?

Friedensreich Hundertwasser (1928–2000) war ein österreichischer Künstler, allen voran Maler. Heute zählt er zu den bekanntesten Künstlern Österreichs, er ist eine „Ikone der Pop-Kultur“. Hundertwasser befand sich in den 1950ern am Hotspot Paris, nahm alle Einflüsse auf und erfand 1953 die doppelte Spirale als Symbol für die Vereinigung von Gegensätzen. Im Jahr 1962 vertrat Hundertwasser Österreich auf der Biennale von Venedig.

 

Von Friedrich Stowasser zu Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser

Friedensreich Hundertwasser wurde am 15. Dezember 1928 in Wien als Friedrich (Fritz) Stowasser geboren. Ab 1949 nannte er sich Hundertwasser, ab 1961 nutzte er den Vornamen Friedensreich („Friede-reich“ – „Friedenreich“ – ab 1968 „Friedensreich“). Ab 1972 kam der Name Regentag und 1979 in Neuseeland noch Dunkelbunt dazu.

 

Ausbildung

Nach dem Besuch der Montessorischule in Wien (1936–1948), wurde Friedrich Stowasser 1948 an der Akademie der bildenden Künste aufgenommen. Allerdings studierte Hundertwasser nur drei Monate in der Klasse von Robin Christian Andersen. Im Januar 1950 verließ Friedensreich Hundertwasser die Ecole des Beaux-Arts, Atelier Brianchon, schon am ersten Tag.

Daher kann Friedensreich Hundertwasser als Autodidakt bezeichnet werden, der im Selbststudium – hier spielten die Künstler der Wiener Moderne Gustav Klimt und Egon Schiele eine bedeutende Rolle – seinen Stil entwickelte. Dazu setzte er sich noch mit der Kinderkunst, der Art Brut und der Nachkriegsavantgarde in Mailand und Paris auseinander. Die Orientierung Hundertwassers an der Art Brut – wie dem Werk des Schweizers Adolf Wölfli – und Kinderkunst darf nicht unterschätzt werden. Auch die japanische Kunst inspirierte Friedensreich Hundertwasser, sowohl die japanischen Farbholzschnitte des 19. Jahrhunderts (Ukijo-e) wie auch die zeitgenössische Kunst Japans, die stark vom Zen-Buddhismus geprägt war.

 

Hundertwasser und die Avantgarde in Paris

Friedensreich Hundertwasser traf René Brô (1930–1986) in Italien und nahm ihn Ende 1949 nach Paris mit. Friedensreich Hundertwasser kam bald in Kontakt mit Shinkichi Tajiri und Akira Kito, die sich ebenfalls an der Art Brut orientierten und mit Drogen experimentierten. Akira Kito arbeitete mit Hundertwasser an „525 Tränenspirale mit Kito im Eck“ (1962) zusammen, was die enge Freundschaft der beiden belegt. Kumi Sugai vernetzte Hundertwasser mit einem Schreibwarenhersteller.

Die fragilen Skulpturen von Shinkichi Tajiri, einem amerikanisch-holländischen Bildhauer mit japanischen Wurzeln, wurden um 1950 bei CoBrA-Ausstellungen gezeigt. Er brachte Hundertwasser in Kontakt mit den CoBrA Künstlern Constant, Corneille und Pierre Alechinsky. Mit ihnen tauschte Hundertwasser Werke. Der Kontakt zu Yves Klein erfolgte über Pierre Restany, wobei sich Hundertwasser jedoch dem Einfluss Kleins entzog.

Während Hundertwassers „167 Die Stadt“ (1953) mit einer von Horizontalen und Vertikalen bestimmten Struktur an Werke von Corneille „Abstract Composition“ (1948) oder Constants „New Babylon Nord“ (1958) erinnert, zeigt „224 Der große Weg“ (1955) eine der berühmten Spiralen. Hundertwasser lernte den amerikanischen Musiker John Cage 1949 in Italien kennen. Auch Piero Manzonis „Linea m 15,81“ (September 1959), die titelgebende Linie ist mit Tusche auf Papier gezeichnet und in einer Kartonhülse zu einer unsichtbaren Spirale gerollt, dürfte für die Entwicklung von Hundertwasser eine große Rolle gespielt haben.

 

„Linie von Hamburg“

Die sog. „Linie von Hamburg“ entstand auf Anregung von Bazon Brock. Friedensreich Hundertwasser übertrug sie von der Leinwand auf die Wände der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Bereits nach eineinhalb Tagen wurde die Aktion von der Direktion untersagt, und Hundertwasser protestierte in einem offenen Brief und mit dem Niederlegen seiner Gastdozentur. Die Linie war für ihn ein Symbol der „Lehrfreiheit“, ein „didaktischer Exkurs“, ein „neuer und belebender Impuls“. Seine eigenen negativen Erfahrungen mit Hochschulen in Wien und Paris subsummierte er mit den Worten:

„Ich hatte guten Glaubens die Hochschule als eine Hochburg schöpferischen Tuns angesehen und bin nach wie vor der Auffassung, daß der Wellenschlag der Ereignisse im Bereiche der Kunst die Hochschule nicht erst nach Jahren der Versäumnisse erreichen sollte, sondern von ihr selbst auszugehen hat, falls sie die Bezeichnung Hochschule verdient.“1

Im „Kanji-Text“ (→ Friedensreich Hundertwasser, Kanji-Text), den Hundertwasser dem Ausstellungskatalog voranstellt, hält er fest, dass „die kriminelle Erziehungsmethode“ an sämtlichen Schulen zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Man solle sich daher nicht beschränken lassen, niemandem nachfolgen und in sich selbst gehen:

„Seid individuell! Seid frei! Seid schöpferisch!“2, forderte der Maler.

Gründung des „Pintorarium“ mit Ernst Fuchs und Arnulf Rainer (1959).

Hundertwasser und Japan

Als Friedensreich Hundertwasser sich von Februar bis August 1961 für fast sieben Monate in Japan aufhielt und zwei Ausstellungen in der Tokyo Galerie (15.5.–3.6.1961) ausrichtete. Zuerst fand er in Japan einen neuen Namen: Als es darum ging, seinen Namen Friedrich ins Japanische zu transkribieren, wurde sein Name in „Friede“ und „Reich“ zerlegt. Der Künstler, der sich seit 1949 Hundertwasser nannte, blieb bei diesem neuen Namen und wandelte ihn 1968 in „Friedensreich“.3

Dann suchte der Künstler in einigen Stellungnahmen seine Ideen zu vermitteln: Er betonte die unabhängige Entwicklung des österreichischen Surrealismus, und dass „im Malen selbst deren Sinn“ bestehe. Nicht das Endprodukt oder gar das Motiv, obwohl man mit Hundertwasser zurecht die Spirale verbindet, waren für den Maler interessant, sondern das Ausführen, der Weg, der bereits mit dem Anreiben der Farben begann. Der Prozess setzt sich in den Betrachterinnen und Betrachtern fort, denn im Text „Der Transautomatismus, eine allgemeine Mobilmachung des Auges“ (Paris 1956) fasste Hundertwasser folgende Gedanken:

„Das unbewegliche transautomatische Bildobjekt (Tao) muss zu einem beweglichen Bild, das heißt zu einer Bilderfolge im Inneren des Beschauers, den Anstoß geben, sonst bleibt das Tao unsichtbar. Dieses Individualkino bestand schon seit eh und je im Unterbewusstsein und ist zufolge der vertiefenden Intervention der neuen Pflichten und Rechte der modernen Kunst in den Aufgabenbereich des Bewusstseins und des Gewissens gerückt.“4 (Friedensreich Hundertwasser)

Für Hundertwasser begann die Auseinandersetzung mit japanischer Kunst in Mailand 1949 mit den Farbholzschnitten von Hokusai und Hiroshige, zwei Druckgrafiker des 19. Jahrhunderts. Deren Blätter attestierte er „geniale Virtuosität“ und „Schönheit der Farbe“.5 Erst in Paris sollte Hundertwasser 1951 auf eine Gruppe von jungen, japanischen Künstlern stoßen, deren Philosophie seinen Auffassungen ähnlich war. Die ganzheitliche Weltauffassung, die Abkehr vom Ich, vom Subjektiven, die Konzentration und die Reinigung aber auch die positive Wirkung von Einsamkeit sollten in Europa und Amerika die Folgen von Konsumkultur, Rationalismus und Entfremdung heilen.

Am wichtigsten scheint jedoch, dass Friedensreich Hundertwasser auf der Ausstellung in der Tokyo Galerie 30 neuere Arbeiten zeigte, die teils in Europa und teils in Japan entstanden waren. Darunter befand sich u.a. das „475 Blutregen tropft in japanisches Wasser, das in einem österreichischen Garten liegt“ (1961, Sammlung Würth). Der Künstler zog in den Ausstellungsräumen eine Linie und hängte die Werke darunter. Er brach mit traditionellen Ausstellungsmethoden, so wie nach seiner Meinung die Malerei eine räumliche Intervention werden müsse, die in Performance und soziale Interaktion münden solle. Das Überschreiten des Bildträgers hin in den Raum und zur Aktion, die Malerei als „kosmologischer Darstellung“ (Robert Fleck S. 59) fußt im Taoismus und im Zen-Buddhismus, genauso wie die Auffassung, dass Natur und Kultur keine Gegensätze wären aber auch dass menschliches Tun und Handeln im Gegensatz zum Fließen der Welt stünden.

 

Literatur

  • Agnes Husslein-Arco, Harald Krejci, Axel Köhne (Hg.): Hundertwasser, Japan und die Avantgarde (Ausst.-Kat. Belvedere 6.3.-30.6.2013), Wien 2013.
  • Wieland Schmied: Hundertwasser 1928-2000. Persönlichkeit, Leben, Werk, Augsburg 2006.

Beiträge zu Friedensreich Hundertwasser

14. August 2019
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München | Pinakothek der Moderne: Georg Baselitz. Die Schenkung Pinakothek der Moderne besitzt nun über 31 Werke des Künstlers – von 1962 bis in die Gegenwart

Georg Baselitz schenkte den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zu Ehren von S.K.H. Herzog Franz von Bayern sechs Gemälde und eine Skulptur aus den Jahren 2008 bis 2017. Der Baselitz-Saal in der Pinakothek der Moderne zeigt bis auf Weiteres diese Arbeiten in unterschiedlicher Zusammenstellung.
10. April 2019
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Baselitz – Richter – Polke – Kiefer Die jungen Jahre der Alten Meister

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6. April 2019
Deichtorhallen Hamburg: Baselitz, Richter, Polke, Kiefer

Deichtorhallen Hamburg: Baselitz – Richter – Polke – Kiefer Die jungen Jahre der Alten Meister

Die Ausstellung zum Frühwerk von Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Anselm Kiefer in den Deichtorhallen in Hamburg zeigt die Auseinandersetzung der vier aufstrebenden Künstler mit ihrer Gegenwart und der NS-Zeit. Die Beschäftigung mit dem schwierigen Erbe, das Aufbrechen des Schweigens - wie auch die „Marke Made in Germany“ - interessieren Kurator Götz Adriani.
6. Juni 2018
Georg Baselitz, Dystopische Glocken, Detail, 2015, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Corpus Baselitz in Colmar Aktuelle Arbeiten aus den Jahren 2014–2017

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23. Januar 2018
Georg Baselitz, Kopf, 1961, Aquarell, 46 x 31,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)

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Mehr als 1.100 grafische Arbeiten von Georg Baselitz liegen in der Staatliche Graphische Sammlung München. „Helden“ (1965/66) sowie ausgewählte Probedrucke für das Künstlerbuch „Malelade“ (1990) stehen im Zentrum dieser konzentrierten Werkschau.
21. Januar 2018
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Georg Baselitz Werke wider die Ordnung Retrospektive zum 80. Geburtstag in der Fondation Beyeler

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20. Januar 2018
Georg Baselitz, Trauerhunde, 2010, Aquarell und Tusche, 66 x 51,2 cm (© Georg Baselitz, 2018 / Foto: Jochen Littkerman)

Georg Baselitz als Zeichner: Enthemmt und expressiv Kunstmuseum Basel zeigt Zeichnungen und Aquarelle

Georg Baselitz (* 23. Januar 1938) ist dem Kunstmuseum Basel bereits seit 1970 verbunden und wird zum 80. Geburtstag mit einem repräsentativen Überblick über die Zeichnungen und farbigen Blätter aus dem Kupferstichkabinett geehrt. 152 Zeichnungen und Aquarelle nennt das Museum sein Eigen, 100 Arbeiten auf Papier machen den Werdegang des Künstlers anschaulich.
14. Januar 2018
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Georg Baselitz Biografie Leben und Werk des deutschen Malers und Bildhauers

Biografie des deutschen Malers, Grafikers und Bildhauers Georg Baselitz (* 1938): Ausbildung, Werdegang, Ausstellungen, wichtigste Werke.
13. Januar 2018
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Ausstellungen des deutschen Malers ehren sein Lebenswerk, in der Bayerischen Staatsoper stattet er „Parsifal“ aus.
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Maniera Baselitz – Georg Baselitz als Künstler und Sammler Das Nonkonforme als Quelle der Phantasie

Georg Baselitz (* 1938) ist ein ausgewiesener Kenner und Sammler manieristischer Druckgrafik, genauer des Claire-obscure-Holzschnitts des 16. Jahrhunderts. Die Ausstellung in Dresden bringt grafische Arbeiten von Baselitz in einen spannungsreichen Dialog mit bedeutenden Werken des Manierismus.
17. Januar 2013
Georg Baselitz 2013 im Essl Museum, Georg Baselitz 2013, bis 20.5.2013.

Georg Baselitz in der Sammlung Essl Werke von 1968 bis 2012

Zum 75. Geburtstag widmet Karlheinz Essl dem deutschen Künstler Georg Baselitz (* 1938) eine Werkschau, die 44 Arbeiten der letzten 44 Jahre aus der hauseigenen Kollektion zusammenbringt. Die Zahlen wären reiner Zufall, wie der Sammler betont.
  1. Schmied S. 87.
  2. Zit. nach. Ausst.-Kat. Belvedere S. 208.
  3. Schmied, S. 35.
  4. Zit. nach Ausst.-Kat. Belvedere S. 75.
  5. Schmied, S. 115.