Zürich | Stiftung Sammlung E.G. Bührle

Meisterwerke der französischen Moderne vom Impressionismus zum Post-Impressionismus

Der aus Deutschland stammende und seit 1924 in Zürich lebende Industrielle Emil Georg Bührle (Pforzheim 1890–1956 Zürich) sammelte zwischen 1936 und 1956 mehr als 600 Kunstwerke. Bührle hinterließ eine Kunstsammlung, die schon zu seinen Lebzeiten weltberühmt war und auch heute noch zu den prestigeträchtigsten Privatsammlungen der Welt. Bührles Nachkommen gründeten die Stiftung Sammlung E.G. Bührle und sicherten damit den Fortbestand der geschlossen und systematisch aufgebauten Kollektion. Im Mittelpunkt stehen Meisterwerke des französischen Impressionismus und Nachimpressionismus. Darüber hinaus umfasst die Sammlung mittelalterliche Skulpturen und eine Auswahl an Werken Alter Meister.

In Erwartung des permanenten Umzugs in den Neubau des Kunsthauses in Zürich 2021 wird die Sammlung E. Bührle international auf Reisen geschickt: 2020/21 ist sie beispielsweise im Leopold Museum, Wien zu sehen. Der Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich ist ein Entwurf des britischen Architekten David Chipperfield. Er schließt an den Bau von Karl Moser (1910) und den von Emil Bührle gestifteten Ausstellungssaal (1958) in geeigneter Weise an.

Wer war Emil Bührle?

Der aus einfachem Haus stammende Emil Bührle studierte 1910 ein Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo er erstmals intensiv Museen und die Münchner Secession besuchte. Doch sollte es eine Reise nach Berlin im Jahr 1913 sein, die Bührle in Kontakt mit modernen Tendenzen brachte: Er entdeckte dort Bilder von Manet, Monet, Renoir und Cézanne. Das Zusammentreffen mit der impressionistischen Malerei bezeichnete Emil Bührle noch Jahrzehnte später als „Erweckungserlebnis“.

Während des Ersten Weltkriegs diente Emil Bührle sowohl an der Ost- wie der Westfront. 1919 heiratete er in Magdeburg die Tochter eines Bankiers, der die Laufbahn seines Schwiegersohns entschieden förderte. Dadurch übernahm Emil Bührle 1924 eine kleine Werkzeugmaschinenfabrik im Schweizer Oerlikon (in der Nähe von Zürich). Bührle machte die Fabrik zu einem Zulieferer der „verdeckten deutschen Rüstung“. Im Jahr 1937 kaufte er die Werkzeugmaschinenfabrik und nannte sie Oerlikon Bührle & Co. Zweifellos gehörte Emil Bührle zu den Kriegsgewinnern, bestellten doch Belgien, Frankreich und Großbritannien bei ihm, als die Kriegsmaschinerie angeworfen wurde. Dadurch verdiente Bührle an der steigenden Kriegsgefahr so viel Geld, dass er in der Schweiz Gemälde zu kaufen beginnen konnte. Eines der ersten Bilder, das er erwarb, ist Claude Monets „Mohnblumenfeld“. Damit schloss er an seine Jugenderlebnisse aber auch die deutsche Museumspolitik vor dem Ersten Weltkrieg an – zudem hatten auch schweizer Sammler den französischen Impressionismus als Sammlungsgegenstand entdeckt.

Bührles Sammlung beginnt allerdings nicht erst mit impressionistischen Bildern, sondern mit Werken von Camille Corot und Gustave Courbet. Den Abschluss bilden die Post-Impressionisten. Den Großteil seiner Sammlung kaufte Emil Bührle zwischen 1951 und 1956 von Händlern in New York, London und Paris.

Stiftung Sammlung E. Bührle: Gründung

Die Stiftung Sammlung E. Bührle wurde 1960 gegründet, vier Jahre nach dem Tod des Zürcher Sammlers. Die Familie Emil Bührles – seine Witwe Charlotte Bührle-Schalk, sein Sohn Dr. Dieter Bührle sowie seine Tochter Hortense (Anda-)Bührle – brachten 167 Bilder und 31 Skulpturen in die Stiftung ein. Damit übergaben die Erben etwa ein Drittel des Gesamtbestandes der Sammlung an die Stiftung.

Stiftung Sammlung E. Bührle: Werke

In Bührles Sammlung befinden sich vor allem Werke der französischen Moderne. Die berühmtesten Maler dieser Kunstrichtungen sind alle mit hochqualitativen Bildern in der Sammlung Bühle vertreten. Da Emil Bühle die Ansicht vertrat, dass vergangene Kunstwerke die Kunstproduktion der Moderne beeinflusst hätte, sammelte er auch mittelalterliche Kunst, Gemälde von Alten Meistern – allen voran des niederländischen „Goldenen Zeitalters“ –, Werke des venezianischen 18. Jahrhunderts:

  • Alte Meister: Rembrandt van Rijn, Frans Hals, Canaletto (Giovanni Antonio Canal)

„Daumier führte mich schließlich zu Rembrandt und Manet zu Frans Hals. Die ausgeprägte atmosphärische Verwandtschaft der eigentlichen Impressionisten mit den Venezianern des 18. Jahrhunderts brachte mich schließlich zu Canaletto, Guardi und Tiepolo.“1 (Emil Bühlre)

  • Impressionismus: Edouard Manet, Claude Monet „Mohnblumen bei Vétheuil“ (um 1879), Camille Pissarro, Edgar Degas „Die kleine Tänzer von vierzehn Jahren“ (um 1880), Auguste Renoir, Alfred Sisley
  • Post-Impressionismus (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus): Paul Cézanne „Der Junge in der roten Weste“ (um 1888/90), Paul Gauguin, Vincent van Gogh „Der Sämann bei Sonnenuntergang“ (1888)., Henri de Toulouse-Lautrec
  • Nabis: Pierre Bonnard, Edouard Vuillard
  • Fauvismus: André Derain, Maurice de Vlaminck
  • Kubismus: Pablo Picasso, Georges Braque, André Derain, Maurice de Vlaminck
  • École de Paris (→ Klassische Moderne): Amedeo Modigliani

Provenienzforschung

In den letzten Jahrzehnten hat die Stiftung Sammlung E. Bührle Sammlung viel Zeit in die Erforschung der Provenienzen der Kunstwerke investiert. Grund dafür ist die Entstehung der Sammlung während des Zweiten Weltkriegs und in dem Jahrzehnt danach. Waren Werke der Bührle-Sammlung ihren Besitzerinnen oder Besitzern entzogen und von den Nationalsozialisten am Schweizer Kunstmarkt veräußert worden? Womit bezahlte Emil Bührle seine Schätze?

Zu den eng mit dem nationalsozialistischen Kunstraub verknüpften Werken der Sammlung E. Bührle gehört Edgar Degas‘ „Tänzerinnen im Foyer“ (um 1889). Das querformatige Ölgemälde wurde vom „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ 1941 im besetzten Paris in der Wohnung von Alphonse Kann beschlagnahmt. Über die Luzerner Galerie Fischer wurde das Bild für Tauschgeschäfte eingesetzt, um dem deutschen Reichsmarschall Hermann Göring Bilder Alter Meister zu besorgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg identifizierte es Douglas Cooper als Raubkunstbild. Bührle restituieret das Bild und erwarb es ein zweites Mal von den Erben des verstorbenen Kann. Bis zum Februar 1951 hatte Emil Bührle alle Fälle aufgearbeitet – neun Bilder kaufte er zurück und vier gab er zurück.

Bilder der Sammlung Emil Bührle

  • Rembrandt van Rijn (?), Jagdstillleben mit Rohrdommel, 1630 → Rembrandt van Rijn
  • Govaert Flinck, Damie in orientalischem Kostüm, 1636
  • Pieter Jansz Saenredam, Das Innere von St. Bavo in Haarlem, 1636
  • Aelbert Cuyp, Sturm auf Dordrecht, um 1645, Öl/Lw, 77,5 x 107 cm
  • Willem Kalf, Nautilusschale, um 1660
  • Geraert Ter Borch, Der Besuch, um 1660
  • Emanuel de Witte, Inneres des Oude Kerk in Amsterdam, um 1685
  • Canaletto, Santa Maria della Salute, 1738/42 → Canaletto (Giovanni Antonio Canal)
  • Canaletto, Canal Grande, 1738/42
  • Giambattista Tiepolo, Das Bad der Diana, 1743/44 → Giovanni Battista Tiepolo
  • Francesco Guardi, Die Bucht von San Marco, 1780/85
  • Francisco de Goya, Prozession in Valencia → Francisco de Goya
  • Eugène Boudin, Trouville bei Ebbe, 1883/87 → Eugène Boudin
  • Eugène Boudin, Strand bei Berck, 1894
  • Camille Corot, Das lesende Mädchen, 1845/50
  • Honoré Daumier, Die zwei Advokaten, 1855/57
  • Pierre Puvis de Chavannes, Concordia, um 1861
  • Eugène Delacroix, Der Triumph Apollos, um 1853, Öl/Lw, 110 x 99,5 cm → Eugène Delacroix
  • Eugène Delacroix, Daniel in der Löwengrube, 1853
  • Eugène Delacroix, Der Sultan von Marokko mit seinem Gefolge, 1862
  • Gustave Courbet, Winterlandschaft, um 1866 → Gustave Courbet
  • Edouard Manet, Die Schwalben, 1873, Öl/Lw, 65 x 81 cm → Edouard Manet
  • Edouard Manet, Der Selbstmord, um 1877, Öl/Lw, 38 x 46 cm
  • Edouard Manet, Im Garten der Villa Bellevue, 1880, Öl/Lw, 91 x 70 cm
  • Edouard Manet, Der Uhu, 1881
  • Camille Pissarro, Das Gespräch, Louveciennes, 1870
  • Camille Pissarro, Die Straße nach Versailles, Louveciennes, bei Schnee, um 1870
  • Camille Pissarro, Die Straße nach Osny bin Pontoise, bei Reif, 1873
  • Camille Pissarro, Die Wollkämmerin, 1875
  • Alfred Sisley, Regatta in Hampton, 1874 → Alfred Sisley
  • Alfred Sisley, Sommer in Bougival, 1876, Öl/Lw, 47 x 62 cm
  • Claude Monet, Mohnblumenfeld bei Vétheuil, um 1879, Öl/Lw, 73 x 92 cm → Claude Monet
  • Claude Monet, Monets Garten in Giverny, 1895
  • Claude Monet, Waterloo Bridge, London, in der Sonne, 1899/1901
  • Claude Monet, Seerosenteich mit grüner Spiegelung, 1920/26
  • Pierre-Auguste Renoir, Porträt von Mademoiselle Irene Cahen d'Anvers (Die kleine Irene), 1880, Öl/Lw, 65 x 54 cm → Pierre-Auguste Renoir
  • Auguste Renoir, Fasan und Rebhuhn, um 1881
  • Auguste Renoir, Zwei Mädchen, 1893
  • Edgar Degas, Ludovic Lepic und seine Töchter, um 1871, Öl/Lw, 65 x 81 cm → Edgar Degas
  • Edgar Degas, Vor dem Start, 1878/80
  • Edgard Degas, Kleine vierzehnjährige Tänzerin, 1880/81, Guß 1932/36
  • Edgar Degas, Haustänzer, um 1889, Öl/Lw, 41,5 x 92 cm
  • Berthe Morisot, Albine Sermicoli im Atelier, 1889 → Berthe Morisot
  • Paul Cézanne, Fabriken beim Mont de Cengle, 1867/69 → Paul Cézanne
  • Paul Cézanne, Die Versuchung des heiligen Antonius, um 1870
  • Paul Cézanne, Blumen und Früchte, 1872/73
  • Paul Cézanne, Madame Cézanne mit dem Fächer, 1878/88
  • Paul Cézanne, Der Junge in roter Weste, 1888–1890, Öl/Lw, 79,5 x 64 cm
  • Paul Cézanne, Selbstporträt mit Palette, um 1890, Öl/Lw, 92 x 73 cm
  • Paul Cézanne, Der Gärtner Vallier, um 1904–1906, Öl/Lw, 65 x 54 cm
  • Georges Seurat, Studie zu „La Grande-Jatte“, 1884/85 → Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus
  • Georges Seurat, Studie zu „La Parade de Cirque“, 1887
  • Paul Signac, Die Hutmacherinnen, 1885/86 → Paul Signac
  • Vincent van Gogh, Der alte Turm, 1884 → Vincent van Gogh
  • Vincent van Gogh, Kopf einer Bäuerin
  • Vincent van Gogh, Die Seine-Brücken von Asnières, 1887, Öl/Lw, 53,5 x 67 cm
  • Vincent van Gogh, Selbstbildnis, 1887
  • Vincent van Gogh, Der Sämann bei Sonnenuntergang, 1888, Öl/Lw, 73 x 92 cm
  • Vincent van Gogh, Blühende Kastanienzweige, 1890, Öl/Lw, 73 x 92 cm
  • Paul Gauguin, Sonnenblumen auf einem Armsessel, 1901 → Paul Gauguin
  • Paul Gauguin, Idyll auf Tahiti, 1901
  • Paul Gauguin, Die Opfergabe, 1902
  • Henri de Toulouse-Lautrec, Im Bett, 1892, Gouache auf Karton, 53 x 34 cm → Henri de Toulouse-Lautrec
  • Henri de Toulouse-Lautrec, Messalina, 1900/01, Öl/Lw, 92 x 68 cm
  • Pierre Bonnard, Das Mittagessen, 1899 → Pierre Bonnard
  • Edouard Vuillard Die Zahl Illusionist, um 1895, Öl auf Karton, 49 x 39 cm
  • Georges Braque, Schiff in Le Havre, um 1905 → Georges Braque
  • Georges Braque, Der Hafen von L’Estaque, um 1906
  • Georges Braque, Violinspieler, 1912
  • Raoul Dufy, Karneval, um 1906, Öl/Lw, 54 x 65 cm → Raoul Dufy
  • Amedeo Modigliani, Liegender Akt, 1916, Öl/Lw, 65,5 x 87 cm → Amedeo Modigliani
  • Pablo Picasso, Die Italienerin, 1917 → Pablo Picasso
  • Pablo Picasso, Stillleben mit Blumen und Zitronen, 1941, Öl/Lw, 92 x 73 cm
  • Oskar Kokoschka, Emil Bührle, 1952 → Oskar Kokoschka

Literatur über die Sammlung Bührle

  • Von Dürer bis van Gogh. Sammlung Bührle trifft Wallraff (Ausst.-Kat. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, 23.9.2016–29.1.2017), Stuttgart 2016.
  1. Zit. n. Barbara Schaefer: Von Dürer bis van Gogh – Sammlung Bührle trifft Wallraff, in: Von Dürer bis van Gogh. Sammlung Bührle trifft Wallraff (Ausst.-Kat. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, 23.9.2016–29.1.2017), Stuttgart 2016, S. 14.